Nicht nur im Kino, auch im frankobelgischen Comic sind Reboots keine Seltenheit. Nun haben sich Eric Corbeyran und Roman Surzhenko recht passabel an „Ringo“ von William Vance versucht.
Konkurrenz belebt das Geschäft. Oder ruiniert es. Wie im Falle von Wells Fargo. Seitdem die Eisenbahn immer verzweigter durch das Land dringt, ist das Transportgeschäft mit den Postkutschen härter geworden. Die Konsequenz: Man spart Personal ein. Weniger Beschützer bedeuten jedoch, dass die Sicherheit von Fahrer und Passagieren nicht mehr gewährleistet werden kann. Weil Ray Ringo das nicht akzeptieren will, kündigt bei Fargo, lässt sich aber noch zu einem letzten Job überreden: als Begleiter einer Kutsche, die von Rapid City nach Carson City fährt, mit wichtigen Passagieren an Bord, u. a. dem Politiker Orion Clemens und dessen Bruder Samuel. Und: Lean, Ringos Braut in spe, erholt sich in Independence Rock, das auf der Strecke liegt, von einer Schussverletzung. Das ist erst einmal die Grundkonstellation des Plots.
„Ringo“ war eine frühe Serie des belgischen Zeichners William Vance, der spätestens mit dem Bestseller „XIII“ berühmt wurde. Sie erschien mit ausgedehnten Pausen zwischen 1965 und 1978 im „Tintin“-Magazin. Autoren waren neben Vance Jacques Acar, Yves Duval und André-Paul Duchâteau. Für eine der kleineren und unbekannteren Serien von Vance kann „Ringo“ mit einer langen Veröffentlichungs-Historie in Deutschland aufwarten. Erstmals 1967 in „Mickyvision“ erschienen, war die Serie um den Cowboy mit dem markanten Hut unter dem Titel „Hondo“ wenige Jahre danach im „Zack“ vertreten. Es folgten zwei Alben bei Feest (1989/1991), Jahre später erschien die längst fällige Gesamtausgabe im Splitter Verlag (zuerst in zwei Bänden, 2021 nochmals in einem Band). Mit der gleichnamigen Heftreihe des Condor Verlags, die Anfang der 1970er Jahre erschien, hat dieser Ringo übrigens nichts zu tun, ebenso wenig mit John Fords Film von 1939 (aber wer weiß, vielleicht ließ sich Vance davon inspirieren – schließlich geht es darin um eine Postkutschenfahrt und einen Helden namens Ringo…).

Im Zuge der zurzeit beliebten Wiederbelebung frankobelgischer Comic-Haudegen mit neuen Kreativ-Teams erfährt nun auch „Ray Ringo“ seine Auferstehung. Als Autor fungiert Eric Corbeyran, ihm zur Seite steht Zeichner Roman Surzhenko, der diverse „Thorgal“-Bände zeichnete und mit „Die Jugend von Durango“ bereits einen Western vorgelegt hat. Beide erfinden das Rad nicht neu, wissen aber mit den Mitteln und Motiven des Genres eine solide Geschichte zu erzählen. Corbeyrans Ringo ist ein erfahrener Westerner, ein altmodischer Held, der Risiken abzuschätzen weiß, seine Chancen auch in schwierigen Situationen nutzt und gegenüber Schurken nicht zimperlich ist.
Zeichnerisch orientiert sich Surzhenko am klassischen realistischen frankobelgischen Western-Stil, der erst von Jijé mit „Jerry Spring“ begründet, dann von Jean Giraud mit „Leutnant Blueberry“ vollends etabliert wurde. Auch die kräftige Kolorierung stammt von Surzhenko. Der Band ist nicht abgeschlossen – die Fortsetzung ist für den April nächsten Jahres angekündigt. Kleines, originelles Detail am Rande: Samuel, der Bruder des Staatssekretärs Orion Clemens, wird später unter dem Namen Mark Twain als Schriftsteller reüssieren, der auch ein Buch über seine Postkutschenreise schreiben wird („Roughing It“ bzw. „Durch dick und dünn“).
Dieser Text erschien zuerst auf: Comicleser.de
Eric Corbeyran (Autor), Roman Surzhenko (Zeichner): Ray Ringo. Band 1: Devil’s gate • Aus dem Französischen von Uwe Löhmann • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 56 Seiten • Hardcover • 18,00 Euro
Bernd Weigand ist schon über vier Jahrzehnte in Sachen Comics unterwegs: lesen, sammeln, übersetzen. Schreibt auch seit 20 Jahren über Comics, seit 2010 auf comicleser.de.

