Der Western ist ein Genre, das im Comic ein Revival erlebt. So war der Neo-Western „Wiedersehen mit Comanche“ auf der Comic-Jahresbestenliste 2025 platziert. Schon vor mehr als 60 Jahren hat bereits ein ganz anderer Comic die Genreregeln des Western durcheinander gewirbelt: die Parodie-Serie „Cocco Bill“.
„Cocco Bill“ unterläuft immer wieder alle Erwartungen aufs Komischste und zwar in jeder Hinsicht. Das geht gleich im ersten Abenteuer los. Da reitet Cocco Bill in eine texanische Stadt, geht in den Saloon – soweit stimmen die Westernklischees – und bestellt dann einen Kamillentee. Dass das einem Westernhelden nicht angemessen ist, fällt auch im Saloon auf – es gibt höhnisches Gelächter, was Cocco Bill mit einer Salve aus seinem Trommelrevolver quittiert.
Cocco Bill ist ein schneller Schütze und der Kamillentee sein Markenzeichen. Sofort lässt er sich von einem gediegenen Herrn anheuern, einen Schurken zur Strecke zu bringen. Das ist schnell im Duell erledigt. Cocco Bill reitet mit dem Erschossenen auf dem Pferd los, doch vor den Toren der Stadt wird der Tote lebendig, denn der vermeintliche Übeltäter ist ein Partner von Cocco Bill – das Duell war ein abgekartetes Spiel.
Der Comic unterläuft immer wieder die Erwartungen auch deshalb, weil der Szenarist und Zeichner Jacovitti völlig absurde Details einbaut. Zum Beispiel, wenn Cocco Bill inkognito einen Anschlag auf eine Postkutsche vereitelt, als Verkleidung stülpt er sich ein Fass über den Kopf. Doch dann verliebt sich die neue Lehrerin – eine recht resolute und üppige Person, die in der Postkutsche mitfährt – in den Retter und vereitelt damit immer wieder Cocco Bills Kampf für das Gute. Etwa als Cocco Bill Bankräuber zur Strecke bringen will und die Lehrerin ihm das Fass vom Kopf nimmt und ein so herrliches Chaos anrichtet, dass daraus eine Slapstickeinlage wird. Allein diese Slapstikeinlagen sind komisch genug – noch komischer ist, dass die Handlung immer wieder den allerhöchsten Unwahrscheinlichkeitsfaktor hat.

Jacovitti hat „Cocco Bill“ als klassischen Funny-Comic gezeichnet: Die Figuren haben Knollennasen und Kulleraugen, der Angstschweiß fliegt in Tropfen von den Köpfen. Völlig verrückt sind die Panel-Zwischenräume, in denen Jacovitti Männchen zeichnet, die mit der Handlung absolut nichts oder nur sehr wenig zu tun haben. Gleich am Anfang zum Beispiel ein Cowboy, dem ein Revolver als Nase aus dem Gesicht wächst – und darunter steht „Nasenrevolver“. Einer der schönsten ist der Cowboy mit Merkhilfe, dessen Nase zu einem Knoten verbogen ist. Das ist so seltsam, dass man immer neugieriger wird, was Jacovitti sich jetzt wieder Komisches ausgedacht hat.
Und dann gibt es immer wieder Dinge, die völlig unmotiviert in den Bildern auftauchen – vor allem Salamis, die in der Prärie rumliegen oder auf Beinchen durchs Bild laufen. Das macht Spaß, die immer wieder zu entdecken, vor allem in den großen Panels, die voller unterschiedlicher Aktionen sind wie Wimmelbilder.
„Cocco Bill“ wurde zu einer ähnlichen Zeit in Italien erfunden wie „Asterix“ in Frankreich. Und es ist in beiden Fällen der sehr eigene Humor, der immer noch trägt. Mit seinem abstrusen Witz erinnert „Cocco Bill“ an die Muppet-Show. Oder an die Witze des Berliner Comiczeichners und Entertainers Fil, der sich mit einem Text als „Cocco Bill“-Fan outet. Darüber hinaus gibt es aber immer wieder Gags, die heute noch so gezeichnet werden könnten. Zum Beispiel wenn Cocco Bill einem ziemlich ungezogenen Kind begegnet, das ihm mit voller Wucht in die Nase beißt. Als er sich wehrt, hat er den empörten Vater am Hals.
Es ist in jeder Hinsicht urkomisch, die Cocco-Bill-Abenteuer zu lesen. Hoffentlich sind diese sieben nur ein Auftakt – denn Jacovitti hat über 100 gezeichnet.
Dieser Beitrag erschien zuerst am 07.01.2026 auf: radio3 rbb
Benito Jacovitti: Cocco Bill • Avant-Verlag, Berlin 2025 • Aus dem Italienischen von Hannah Lisa Linsmaier • Hardcover • 224 Seiten • 50,00 Euro
Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.

