Drama im Schriftsteller-Refugium – „Tamara Drewe“

Die britische Comickünstlerin Posy Simmonds ist bekannt für ihre eigensinnigen Literaturadaptionen, in denen sie Klassiker bis auf die Essenz entstaubt und zu bitterbösen zeitgenössischen Milieustudien verarbeitet. Nun hat Reprodukt „Tamara Drewe“ neu aufgelegt.

Tamara Drewe ist eine mäßig erfolgreiche Londoner Klatschkolumnistin, die mit ihrem Liebhaber in ihre Heimat aufs Land zurückkehrt und dort ein paar Männern gehörig den Kopf verdreht. Doch so richtig zu fassen ist diese Tamara Drewe nicht, denn ihre Geschichte wird aus der Perspektive von anderen erzählt. Von einer gelangweilten Teenagerin zum Beispiel, die im Namen von Tamara Drewe erotische Mails verschickt und damit einiges ins Rollen bringt. Oder von Beth Hardiman, die ein Refugium für Schriftsteller managt und deren Gatte nicht nur erfolgreicher Schriftsteller ist, sondern auch ein ziemlicher Schürzenjäger – was Beth‘ Sicht auf Tamara Drewe trübt.

Die dritte Perspektive kommt von Glen Larson, einem verklemmten Akademiker, der Tamara Drewe schnell erlegen ist. Larson ist Gast im Schriftsteller-Refugium, um endlich mal etwas zu Papier zu bringen. Dass er das bisher nicht geschafft hat, nagt an seinem Selbstwertgefühl. Trotzdem gibt er sich dünkelhaft und liefert sich herrliche Gefechte mit Beth‘ Gatten, der alles andere als intellektuell ist, dafür aber eben erfolgreich.

Mit „Tamara Drewe“ hat Posy Simmonds Thomas Hardys „Far From The Madding Crowd“ adaptiert. Ein Roman aus dem 19. Jahrhundert, in dem es ums Heiraten geht. Im Mittelpunkt steht eine selbstbewusste Frau, die – wie im Comic – zwischen drei Männern changiert. Der Roman spielt in einer fiktiven südenglischen Landschaft, die Posy Simmonds mit feinen Linien und blass-bunten Farben herrlich idyllisch zeichnet. Die Emotionen illustriert Simmonds den Protagonisten nicht nur ins Gesicht, sondern auch auf den Leib.

Thomas Hardy erzählt dieses Drama um Stolz, Eifersucht und Überheblichkeit eher düster und moralisch, Posy Simmonds macht aus dem Stoff eine fein beobachtete Gesellschaftsparodie, die sie mit zeitgenössischen Themen versetzt. Es geht um Statussymbole – wie etwa einen perfekten Körper. Denn Tamara Drewe wird eigentlich erst durch eine Nasenkorrektur erfolgreich, sowohl bei Männern als auch im Journalismus. Und es geht auch um das Aufeinanderprallen von Provinz und Stadt, um die sozialen Verwerfungen, die entstehen, weil sich immer mehr Städter ein Häuschen auf dem Land leisten und damit die Preise in die Höhe treiben. Das Leben in den Dörfern wird immer trostloser, weil die Städter die meiste Zeit eben doch in der Stadt wohnen. Posy Simmonds zeigt das am Beispiel der Teenagerin, die ihre Zeit mit Freunden in Bushaltestellen verbringt, mit denen sie und aus lauter Langeweile einen Mist nach dem anderen verzapft. Und es geht um den Literaturbetrieb und die kleinen und großen Lebenslügen der Mittelschicht, die Posy Simmond in ihren Arbeiten immer wieder köstlich aufs Korn nimmt.

Dass Simmonds eine eigenwillige Erzählerin ist, zeigt sich in „Tamara Drewe“ schon daran, dass sie auf sämtliche Comic-Konventionen pfeift: Hier gibt es lange Fließtexte, die die Handlung weiter treiben – eigentlich ein No Go, doch Posy Simmonds macht das einfach. Und so schafft sie sowohl mit den Mitteln des Comics als auch mit literarischen Mitteln sehr treffende Porträts derer, die von Tamara Drewe berichten.

Das ist erstaunlich, weil Simmonds sehr spät, mit Mitte 50, angefangen hat, Graphic Novels zu zeichnen. Bis dahin war sie eine sehr erfolgreiche Cartoonistin, die die Mittelschicht und eben die Literaturszene karikiert hat. Thematisch knüpft sie mit „Tamara Drewe“ also an ihre Cartoons an und erweitert dabei ihre Mittel. Das ist ein Lesespaß auf hohem grafischen und literarischen Niveau. Weil Simmonds eine Mittelschicht zeigt, die immer wieder versucht, ihren Status zu retten und zugleich deren Selbstmitleid und Überheblichkeit durch den Kakao zieht. „Tamara Drewe“ ist köstlich – und mit knapp 20 Jahren sehr gut gealtert.

Hier gibt es eine weitere Kritik zu „Tamara Drewe“.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 06.08.2026 auf: radio3 rbb

Posy Simmonds: Tamara Drewe • Aus dem Englischen von Ulrich Pröfrock • Reprodukt, Berlin 2026 • Hardcover • 136 Seiten • 25,00 Euro

Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.