ESMERA – prickelndes Vexierspiel der Geschlechter

esmeraTeenager sein, das ist nie leicht, schon gar nicht, wenn man wie die junge Esmera 1960 in Genua in einem katholischen Mädchengymnasium aufwächst, das von gestrengen Nonnen geführt wird. Als erotischer Fixpunkt darf da bestenfalls ein Poster von Marcello Mastroianni herhalten, bis es Esmera zu bunt wird: was ihre Zimmergenossin Rachele kann (nämlich ungeniert sexuelle Erfahrungen sammeln), das hat sie ja wohl schon lange drauf.

Beim nächsten Dorffest zu Hause schnappt sie sich den ersten halbwegs interessierten jungen Herrn und springt mit ihm in die Büsche. Das ist schon einmal ein Anfang, aber den richtigen Hochgenuss bringen diese ersten Gehversuche der guten Esmera nicht. Als sie wieder einmal zusehen darf, wie sich Rachele ordentlich vergnügt, beichtet sie ihrer Mitbewohnerin ihre Unzufriedenheit. Die lässt sich das nicht zweimal sagen und bringt Esmera nach allen Regeln der weiblichen Kunst zum Fliegen.

Am nächsten Morgen entdeckt Esmera entsetzt, dass dieser erste Höhepunkt eine durchaus bemerkenswerte Veränderung an ihr bewirkt hat: sie ist ein Mann, komplett mit beachtlicher Ausstattung. Rachele ist entsetzt und wirft den vermeintlichen Eindringling hinaus – der sich nach einer weiteren klimaktischen Erhebung flugs wieder zurückverwandelt. Vollkommen verschreckt, versagt sich Esmera jedes Vergnügen und geht nach Schulabschluss zum Studium nach Paris an die Sorbonne. Dort genießt sie die Aufbruchstimmung der späten 60er für ihre ganz eigenen Zwecke: sie geht wahlweise als Frau oder Mann (wozu sie sich Marcello nennt) auf die Pirsch und nimmt sich die Genüsse, nach denen ihr der Sinn steht. Als sie sich dann tatsächlich verliebt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ihr Auserwählter ihr Geheimnis entdeckt und sich Hals über Kopf davonmacht. Und so beginnt ein unstetes Wanderdasein, in dem Esmera erkennt, dass die vollkommene sexuelle Freiheit ihr nicht die Erfüllung bringt, die sie erhofft hatte – aber kann es für sie überhaupt ein perfektes Glück geben?

Der Schweizer Philippe Chappuis liefert unter dem Namen Zep eigentlich ja eher spaßig-cartoonhaftes Material wie „Titeuf“ (deutsch bei Carlsen) oder die „Happy“-Reihe (Happy Parents, Happy Girls, Happy Rock, Happy Sex 17,5, Happy Sex 18 – alle bei toonfish), aber mit der selbst so genannten „erotischen Fantasie“ „Esmera“taucht er tief ins Erotik-Genre ein.

esmera-intAuf den ersten Blick bietet die abenteuerliche Story um die ultimative cross-gender-Figur Esmera/Marcello einen kaum kaschierten Aufhänger für explizite Szenerien, in denen die Protagonisten sich in allen Variationen beglücken, die anatomisch darstellbar sind. Dabei hält sich Vince alias Vincent Roucher vor allzu grellen Inszenierungen bewusst zurück – die optische Umsetzung spart zwar nichts aus, wirkt aber durch die dezente sepia-Colorierung fast wie alte Fotografien und damit doch wieder stilsicher.

Auch inhaltlich sollte man genauer hinsehen, denn anstelle eines plumpen Pornos liefert Zep einen klugen Blick auf die sich über die Jahre wandelnden Moralvorstellungen und Rollenvorstellungen: die seltsam alterslose Esmera lebt mehrere Leben, sieht deshalb mit 75 immer noch aus wie Mitte 30 und erlebt die verschiedenen Epochen aus männlicher und weiblicher Perspektive zugleich: so etwa entlarvt sie den vermeintliche Freigeisterei der 68er-Generation als Bigotterie, der haltlose Hedonismus der LSD-Freunde auf Ibiza entpuppt sich als hohles Spektakel, und selbst die bisexuelle Sylvia, mit der sie einige Jahre glücklich ist, reagiert auf Esmeras sexuelle Eskapaden dann doch mit einer konventionellen Eifersuchtsszene.

Damit zitiert Zep ein durchaus gewichtiges literarisches Vorbild, denn schon Virginia Woolfs Orlando wechselte das Geschlecht und wanderte alterslos durch die Epochen von der Renaissance bis zur Neuzeit, immer ein kritisch-distanzierter Beobachter des Geschehens. So stellt Esmera am Ende fest, die Welt habe nach einer Revolution verlangt, aber die Frauen dann doch wieder in die Uralt-Rollen zurückgestoßen, aus denen sie sich eigentlich befreit hatten, sei es nun aus religiösen oder patriarchalischen Beweggründen. Der Weg der Freiheit, den Esmera am Ende wählt, bleibt eine geschlechtslose und alle Rollen übersteigende Utopie – und die gibt es, wie das ja wörtlich heißt, u-topos: an keinem Ort. Esmera ist also im besten Sinne Höchst anregend, in explizitem Bild und tiefgründigem Wort.

Eine Leseprobe findet sich hier.

Zep, Vince: Esmera. Splitter, Bielefeld 2016. 80 Seiten, € 19,80