Jeff LEMIRE im Interview über seine Graphic Novel DER UNTERWASSER-SCHWEISSER

Künstler Jeff Lemire in seinem Studio (Foto von Kayla Chobotiuk)Künstler Jeff Lemire in seinem Studio (Foto von Kayla Chobotiuk)

Nach den vorzüglichen deutschen Eigenproduktionen „Im Eisland“ von Kristina Gehrmann und Till LeneckesAuf Kaperfahrt mit Störtebeker“ geht der in Rostock beheimatete Hinstorff Verlag nun auch international in die Vollen und übersetzt mit Jeff Lemires Graphic Novel „Der Unterwasser-Schweißer“ einen der wichtigsten Comicautoren der Gegenwart. Ryan Gosling gab Anfang März bekannt, er plane eine Filmadaption der Graphic Novel „The Underwater Welder“. Die Vorlage kam 2012 heraus, wurde im selben Jahr Kanadas Nr. 1 Graphic Novel und unter anderem von der New York Times unter die besten zehn Comics Nordamerikas gewählt. Ein Buchtipp folgt in Kürze.

Comic.de präsentiert mit freundlicher Genehmigung des Hinstorff Verlags exklusiv das Presse-Interview mit Jeff Lemire, das der Übersetzer Henry Gidom mit dem Künstler geführt hat.

61aqpja0r7l-_sx350_bo1204203200_Henry Gidom: Hallo Jeff, woher kam die Idee zum „Unterwasser-Schweißer“?

Jeff Lemire: Im Jahre 2007 arbeitete ich als Koch in Toronto. Ein Kollege erzählte mir damals, dass sein Bruder mit der Ausbildung zum Unterwasser-Schweißer begonnen hätte. Dieser gefährliche Job hat mich fortan beschäftigt und Bilder in meinem Kopf entstehen lassen. Die Idee für eine Geschichte wuchs dann um diese Vorstellungen herum. Mal abgesehen von New York war ich noch nie an der kanadischen oder US-amerikanischen Ostküste unterwegs.

Als ich „The Underwater Welder“ erstmals las, musste ich unwillkürlich an Annie Proulx herausragendes Buch „Schiffsmeldungen“ denken. Proulx’ Handlungsort Killick-Claw (im Staat New York) und Ihr Tigg’s Bay (Neuschottland) strahlen die gleiche Atmosphäre aus: raue Küste, graue Langeweile, kühles Wetter, Perspektivlosigkeit…

Da ist keine Verbindung, da ich das Buch nicht gelesen habe. Aber richtig, die kanadische Ostküste hat tatsächlich ihre eigene Atmosphäre und Identität, die mich förmlich anzogen. Ich wusste, dass der „Unterwasser-Schweißer“ eine maritime Story, eine Art nautisches Märchen, werden würde. Und diese Küste fühlte sich wie das natürliche Setting dafür an. Sie bietet für Künstler eine Vielzahl an visuellen Eindrücken, Stimmungen und Flair.

Haben Sie in Neuschottland gelebt, um am Buch arbeiten zu können?

Ich hatte, bevor ich überhaupt die Idee zum „Schweißer“ bekam, bereits etwa einen Monat in Neuschottland und Neufundland verbracht. Diese Erinnerungen und Erfahrungen waren natürlich äußerst wertvoll, als ich mit dem Zeichnen begann. Sie waren 32 Jahre alt, als Sie die Graphic Novel gezeichnet haben.

Hat die Geschichte – die Hauptfigur Jack Joseph wird mit 40 erstmals Vater – Parallelen zu Ihrem eigenen Leben?

Jacks Leben spiegelt meine Biografie wider. Meine Frau und ich dachten übers Kinderkriegen nach und das hat bei mir definitiv Ängste geschürt, die in den „Schweißer“ eingeflossen sind. Es war sozusagen meine Art, diese Gefühle zu verarbeiten. Während des Zeichnens am Buch kam dann unser Sohn zur Welt – und alle Ängste lösten sich in Luft auf. Die Geschichte des Buches änderte sich sogar, hin zu einem Bejahen des Elternseins. Diese persönliche Erfahrung findet ihr Echo in Jacks Reise.

Sie leben in Toronto und sind nun auch Autor in einem 186 Jahre alten deutschen Buchverlag. Kannten Sie den Hinstorff Verlag?

Ich muss zugeben: Nein. Das liegt daran, dass wir hier kaum mit deutschen Büchern in Berührung kommen. Aber ich habe etwas recherchiert und gebe zu: Ich fühle mich sehr geschmeichelt und bin aufgeregt, bei Hinstorff gelandet zu sein.

Es ist nicht Ihr erstes Buch, das ins Deutsche übersetzt worden ist…

Ja, da sind nun einige dazugekommen. „Essex County“, „Sweet Tooth“, „Trillium“, „Plutona“ erscheinen jetzt in verschiedenen Ländern. Außerdem sind da Mainstream-Arbeiten wie die Marvel- und DC-Superhelden-Comics, die ich auch mache. Es läuft also ziemlich gut!

Graphic Novels in Deutschland zu verkaufen, ist im Gegensatz zu Frankreich oder Belgien ein mühsames Geschäft. Erst langsam entdecken die Leser hier, dass es in der Welt der Comics noch mehr gibt als nur Mickey Mouse. Kennen Sie ein paar deutsche Kollegen?

Leider noch nicht. Aber ich würde sehr gern mehr erfahren, was hier entsteht und veröffentlicht wird. Gerade das macht den Reiz aus, zu den Festivals und Conventions ins Ausland zu fahren. Sonst würde man ja gar keine neuen Zeichner und Arbeiten entdecken können.

Und an welchen Projekten arbeiten Sie im Moment?

Momentan beende ich meine neue Graphic Novel „AD: After Death“ mit dem Autor Scott Snyder. Und ich arbeite an meiner neuen Reihe „Royal City“, die sicherlich Fans vom „Unterwasser-Schweißer“ und „Essex County“ ansprechen wird. Es wird auch weitergehen mit „Descender“ (gemeinsam mit Dustin Nguyen) und „Black Hammer“ (mit Dean Ormstrong). Ach so, „Roughneck“, meine neue Graphic Novel, erscheint im April in Nordamerika.

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