Deutsche Comicverlage im Internet – Teil 1 oder: Internet? Davon redet in zwei Jahren kein Mensch mehr!

Seit 1977 schrieb der Schriftsteller und Comicautor Peter Mennigen zunächst deutsche Geschichten für Comicreihen wie „Gespenster Geschichten“, „Spuk Geschichten“, „Conny“, „Biggi“, „Vanessa“, „Felix“, „Lasso“, „Phantom“, „Axel F.“ und zahlreiche weitere Serien des Bastei Verlags. Ab den 90er Jahren arbeitete er für andere Verlage wie Egmont (Disney-Magazine), Panini (Jessy, Sternentänzer, Willi will‘s wissen) und Ravensburger (u.a. Fix und Foxi). In dieser Zeit verfasste er auch internationale Comics: „Lucky Luke“, „Schlümpfe“, „Bessy“ und „Isnogud“. Aktuell arbeitet er zusammen mit Ingo Römling an der Mystery-Steampunk-Serie „Malcolm Max“. Für comic.de blickt er in unregelmäßigen Abständen zurück auf seine Arbeit im deutschen Comicverlagsgeschäft.

Irgendwann Mitte der 1990er Jahre kam ich erstmals mit dem World Wide Web in Berührung. Damals hatte einer meiner Freunde eine Informatik-Firma gegründet und mich in die „Geheimnisse“ des Internets eingeweiht. Zu jener Zeit besaßen alle großen amerikanischen Comicverlage bereits ihre eigene Homepage. Bedingt durch das analoge Vor-DSL- und Highspeed-Zeitalter fiel ihr Auftritt aufgrund des begrenzten Datenvolumens bildmäßig zwar noch etwas bescheiden aus, aber immerhin nutzten Marvel & Co. das neue Medium. Anders die deutschen Verlage, die das Internet weitgehend ignorierten.

Für mich stand nach der ersten Online-Nutzung fest: Das Internet war das Medium der Zukunft. Keine per Post versandten Newsletter oder Printkataloge mehr, sondern direkter Kontakt zur jeweiligen Zielgruppe per elektronischer Datenübermittlung. Nachdem ich mich etwas näher mit dem neuen Medium beschäftigt hatte, arbeitete ich Konzepte für Webauftritte aus und bot sie verschiedenen Comicverlagen an. Zwar hatten die meisten Verleger schon etwas vom „Internet“ gehört, konnten aber wenig bis gar nichts mit der Technik anfangen. Deshalb lautete ihre erste Frage immer: Wie kann man damit Geld verdienen?

Paradoxerweise war es ausgerechnet der auf Nostalgie-Nachdrucke spezialisierte Norbert Hethke, der die Möglichkeiten des Internets für einen Comicverlag mit als einer der ersten Verleger erkannte und nutzte. Auch die Comicläden verhielten sich anfangs sehr zurückhaltend. Einer der ersten deutschen Comicläden im Netz – wenn nicht gar der erste – war der Bonner Comicladen, dessen Risikobereitschaft nicht nur mit einer Erfolgsstory, sondern auch einer grandiosen Domainadresse belohnt wurde.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen war das Gros der deutschen Comicverlage nicht bereit für wenig Geld zumindest einen kleinen Webauftritt als „Versuchsballon“ zu starten. Weil der allgemein vorherrschenden Ansicht nach dabei nichts Zählbares raus kam. Der Verleger eines namhaften Comicverlages meinte damals am Telefon zu mir, Internet sei bloß eine neumodische Zeiterscheinung, über die in spätestens zwei Jahren kein Mensch mehr reden würde.

Nun sind Verlage, was Investitionen betrifft, so etwas wie „Herdentiere“. Nimmt ein größeres Unternehmen plötzlich Geld in die Hand, um es in ein neues Produkt oder Medium zu investieren, springen viele Konkurrenten beinahe reflexartig mit auf den Zug auf. Getrieben von der Befürchtung ansonsten bei einem anstehenden Megatrend das Nachsehen zu haben. So geschah es auch Ende der 1990er Jahre. Explosionsartig, wie eine aus dem Nichts heraus entstandene Riesenwelle brach der Internet-Hype über die deutschen Verlage herein. Plötzlich glaubte jeder Publizist bei einem damit verbundenen Geldregen leer auszugehen, wenn seine Firma keinen Internet-Auftritt vorweisen konnte. Wie genau diese virtuelle Präsentation inhaltlich aussehen sollte, wusste bei den Verlagen so recht keiner und es erschien im Rausch des Fortschritts auch zweitrangig. Daraus entstand die surreale Situation, dass Unternehmen plötzlich Unsummen in ihre Homepages steckten, ohne einen genauen Plan, wie sie die Ausgaben in irgendeiner Weise durch das Geld der User wieder refinanzieren könnten.

Um die Jahrtausendwende herrschte auf dem Onlinesektor Goldgräberstimmung. Es war die Zeit der durchgestylten Schaumschläger und Architekten von Luftschlössern. Durch protzige Auftritte und Präsentationen vermittelten die windigen Burschen ihren Kunden, dass es im Cyberspace Vermögen zu verdienen gäbe. Und dass ausschließlich sie, die Angehörigen einer Kaste von Auserwählten, wüssten, wie man an diese Schätze rankäme. Was die Blender wirklich meisterhaft verstanden war, ahnungslosen Geldgebern für eine Passage auf ihrem „Ship of Fools“ ein Vermögen aus dem Rücken zu leiern, bevor es dann Leinen los, mit vollen Segeln und in euphorischer Hochstimmung auf Kollisionskurs mit dem Eisberg ging.

Eines der krassesten Beispiele des ausufernden Internetwahns jener Zeit, das ich selbst hautnah miterleben durfte, war Egmont Ehapas „Fun Online“ Programm. Es wurde ein Desaster biblischen Ausmaßes, ein kolossales Scheitern mit Ansage.

Fortsetzung folgt

Bis zur Einführung der digitalen ISDN-Technik waren Datenübertragungen via analogem Modem ein Problem. Graphiken mit einer Größe von ca. 250 KB waren noch machbar. Bilder mit 500 KB (entsprach in etwa einer Comicseite in Originalgröße) waren beinahe utopisch. Trailer oder sonstige Film- und Audioeinspielungen? Vollkommen undenkbar.
Heute ist eine reich bebilderte Homepage für jeden Verlag selbstverständlich. Außerdem finden sich im Internet viele hochprofessionell aufgemachte Comic-Magazine. Eine kleine Auswahl des Autors: