In seiner Comicbiografie „Louis Riel“ zeigt Chester Brown den Freiheitskampf der indigenen Bevölkerung Kanadas.
„Ich habe aus Notwehr gehandelt, die Regierung aber, verantwortungslos und wahnsinnig wie sie ist, war im Unrecht“, sagt Louis Riel in Chester Browns Comic-Biografie beim Schlussplädoyer eines gegen ihn angestrebten Prozesses wegen Hochverrats im kanadischen Regina. „Schuldig“, lautet das Urteil. Den einen seiner Zeitgenossen galt er als Freiheitskämpfer, den anderen als Verräter, heute ist die Bedeutung von Louis Riel für die kanadische Geschichte unumstritten. Chester Brown hat dem 1885 hingerichteten Riel mit seiner 2003 erschienenen Biografie (zwischen 1999 und 2003 zunächst in zehn Einzelbänden publiziert) ein Denkmal gesetzt, die erste Graphic Novel in der kanadischen Bestseller-Liste für Non-Fiction. Das ist erstaunlich, bekennt Brown doch in seinem Vorwort (das leider in der mit fast 20 Jahren Verspätung erschienenen deutschsprachigen Ausgabe fehlt), er habe eher eine Interpretation als die getreue Wiedergabe historischer Fakten abgeliefert.

Doch letztlich ist alle Geschichtsschreibung Interpretation, und so wirkt auch Browns großzügige Auslegung der Fakten erfrischend, offenbart er doch die Ambivalenz Louis Riels zwischen Freiheitskampf, tiefer Religiosität und psychischen Zusammenbrüchen. Riel war als Angehöriger der Métis, Nachfahren europäischer Siedler*innen und indigenen Einwohner*innen Kanadas, in seine Rolle als Freiheitskämpfer mehr oder weniger hineingestolpert, als er gegen den Landraub durch anglo-kanadische Siedler*innen in seiner Heimat protestierte, die sogenannte Red-River-Rebellion organisierte und eine provisorische Regierung in der Provinz Manitoba einrichtete. Seinen später legal erlangten Sitz im kanadischen Unterhaus konnte er nicht wahrnehmen, da ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt war. Riel war ein religiöser Mensch und hatte darüber hinaus 1875 eine mystische Erfahrung, als er glaubte, der Geist Gottes sei in ihn eingezogen, um ihm in seinem Kampf beizustehen – später wurde er dafür in einer psychiatrischen Klinik behandelt.
Chester Brown nimmt sich in seinem schwarz-weißen Comic viel Zeit, Riels verbale, politische und kriegerische Schlachten gegen die Staatsmacht zu beleuchten, zeigt die vielen Facetten der Ereignisse und macht keinen Hehl aus der Sympathie für seinen Protagonisten, trotz aller Widersprüche, die Louis Riel in sich trug.
Dieser Beitrag erschien zuerst in: Strapazin #143
Chester Brown: Louis Riel • Aus dem kanadischen Englisch von Alexander Lippmann • Bahoe Books, Wien 2021 • 280 Seiten • Hardcover • 24 Euro
Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins. Zuletzt ist von ihm die Textsammlung „Nach Strich und Rahmen“ erschienen.

