Von Kochen bis Knochen: Wissenshäppchen im Comicformat

Die Kulturgeschichte des Kochens, die Entdeckung der Dinosaurier oder die Erforschung der Tiefsee – diese familientauglichen Sachcomics machen Wissenschaft anschaulich.

Abgebrüht: Wie Kochen die Menschheit prägte

Was war zuerst da? Der Mensch oder das Kochen? Anhand dieser Grundfrage lässt sich so einiges durchexerzieren: Wie und wann überhaupt der Mensch und die verschiedenen Arten von Hominiden entstanden, wann sie das Feuer entdeckten und was das alles mit sozialen Beziehungen, der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und der Evolution von dem zu tun hat, was wir heute sind.

Tine Steen liefert in ihrem Sachcomic „Die kochenden Affen“ aber keineswegs eine durchwegs wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine unterhaltsame Achterbahnfahrt durch die Kulturgeschichte des Kochens und der „chemischen Veränderung der Stoffe, die wir ‚Nahrung‘ nennen“. Anstoß für das Debüt der 1965 geborenen Deutschen war es schließlich, mehr über das Wesen des Menschen herauszufinden: „Wir sind einfach eine sehr merkwürdige Spezies, und etliche unserer Verhaltensmuster, für die wir die Begründungen in persönlichen Biografien suchen, sind besser verständlich, wenn man sich klarmacht, welche evolutionären Kräfte über lange Zeit auf unsere Spezies eingewirkt haben.“

Das Ganze beginnt mit den Menschenaffen und damit, was und wie sie essen, und führt zu den Frühmenschen, unter denen sich schließlich Homo sapiens durchsetzt, der dann noch so einige Entwicklungsperioden durchschreitet. Tine Steen lässt nichts aus: Abgehandelt werden Fleisch und Rohkost, die Frage des Teilens, Fermentation inklusive der Drunken-Monkey-Hypothese und Insektenkost. Dabei webt sie ständig Bezüge zu den heutigen Essverhältnissen ein, gibt Einblicke in die Wissenschaftsgeschichte und Forschungspraxis und klärt so manchen Ernährungsmythos auf. Die ironischen Bemerkungen, krakeligen Zeichnungen und knalligen Farben sind eindeutig von Liv Strömquist, der feministischen Comic-Bestsellerin, inspiriert. Hinter dem Klamauk steckt allerdings wie bei Strömquist fundierte Recherche. Die Wissenshäppchen dürften selbst kulinarisch Versierte überraschen. Da kann einem nur das Wasser im Mund zusammenlaufen!

Tine Steen: Die kochenden Affen • Avant-Verlag, Berlin 2025 • Hardcover • 296 Seiten • 29 Euro

Knochenarbeit: Wie die Dinos entdeckt wurden

Sie hießen Teufelskrallen, Zungensteine oder Feenbrote: Fossilien und alles, was aus der Erde ausgegraben wurde, galten lange Zeit als äußerst suspekt, sie wurden bestenfalls als Glücks- und Heilsbringer angesehen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde spekuliert, dass Knochen, Zähne, Ammoniten, die keinen bekannten Lebewesen zugeordnet werden konnten, von Drachen oder Hexen stammen müssten. Bis einige der Wissenschaft zugeneigte Menschen den Aberglauben hinterfragten und so zum Beispiel herausfanden, dass lange vor uns „Dinosaurier“ genannte Tiere den Planeten bevölkert hatten – und die Erde deutlich älter ist als einst angenommen.

Wie es dazu kam, dass schön langsam die Geheimnisse, die unter der Erde schlummern, entmystifiziert wurden, rollt der Brite Richard Cowdry in seinem Sachbuchdebüt „Das Geheimnis der Knochen“ auf. Anhand kurzer Episoden, die direkt in Schlüsselsituationen und das Leben der ersten Paläontologinnen und Paläontologen führen, zeichnet Cowdry abenteuerliche Entdeckungen und Irrwege nach. In den Hauptrollen: Georges Cuvier (1769–1832), William Buckland (1784–1856) und die lange übergangene Mary Anning (1799–1847), die das vollständige Skelett eines Plesiosauriers fand.

Die neue Art der Naturforschung musste sich gegen Spott, Hohn sowie sämtliche geistigen, kulturellen und ideologischen Widerstände durchsetzen. Dabei etablierten die Forscherinnen und Forscher nicht nur ein komplett neues Welt- und Geschichtsverständnis, sondern traten auch der mächtigen Kirche entgegen. „Es gibt gewisse Parallelen zum aktuellen wissenschaftlichen Skeptizismus“, schreibt Cowdry. Die internen Rivalitäten zwischen den handelnden Personen machten die Mission nicht leichter.

Mit Augenzwinkern erzählt, ist das Buch alles andere als knochentrocken und voller skurriler Anekdoten, die es ganz leicht machen, in die Geschichte einer Wissenschaft einzutauchen, die auch heute noch immer neue Erkenntnisse bringt.

Richard Cowdry: Das Geheimnis der Knochen • Aus dem Englischen von Jochen Stremmel • Avant-Verlag, Berlin 2025 • Flexcover • 152 Seiten • 25 Euro

Abenteuerlich: Abtauchen in die Tiefsee

Jedes Kind im deutschsprachigen Raum ist wohl irgendwann auf ein „Was ist Was“-Buch gestoßen. Seit 1960 hat der Tessloff-Verlag mehr als 100 Millionen Exemplare verkauft. Im vergangenen Jahr tat sich der Verlag mit dem ebenso erfolgreichen Egmont-Verlag zusammen, um eine neue „Was ist Was“-Comicreihe zu begründen. Den Auftakt machten die Bücher „Das beste Haustier der Kreidezeit“ über Dinosaurier und „Im Orbit des Neptun“ über Planeten und Raumfahrt.

Nun ist der neue Band „Urlaub am Abgrund“ über die Tiefsee erschienen – zum ersten Mal gezeichnet vom österreichischen Zeichner Albert Mittringer. Wie auch in den vorherigen Bänden stehen die drei aufgeweckten Kinder Will, Iris und Wenko im Mittelpunkt der Erzählung. Dieses Mal tauchen sie mit Professor Quecksilber zu einer Forschungsstation im Meer ab. Dort lassen sich Korallenriffe erkunden, aber auch einige Abenteuer mit einem U-Boot erleben.

Albert Mittringer, der bekannt ist durch schräge, durchaus düstere und zeichnerisch experimentelle Bücher wie „Lila und Requiem“, greift hier zu einem cartooneskeren Stil und nutzt die volle Bandbreite des Blauspektrums, um das Unterwasserunterfangen eindrücklich abzubilden. Info-Boxen liefern das nötige Hintergrundwissen, abgestimmt auf den jeweiligen Tiefsee-Meterstand. Dazu gibt es ein Cover, das im Dunkeln leuchtet.

Die Reihe richtet sich an Kinder ab acht Jahren, aber auch schon älter gewordene „Was ist Was“-Fans kommen auf ihre Kosten. Der nächste Band, der 2026 erscheint, widmet sich übrigens dem alten Ägypten.

Albert Mittringer: Was ist Was: Tiefsee – Urlaub am Abgrund • Egmont Bäng, Berlin 2025 • Hardcover • 48 Seiten • 14,95 Euro

Aufgeklärt: Mit Limette und Popcorn Brustkrebs verstehen

Warum gerade ich? Ich habe doch eigentlich ganz gesund gelebt. Werde ich nächste Weihnachten erleben? Wie erzähle ich das den Kindern? Brustkrebs ist eine Diagnose, die jede Frau erst einmal komplett aus der Bahn wirft und überrollt. Dann springt das Kopfkino an, und Fragen wie obige wälzen sich durch dunkle Wolken an Verzweiflung und Fassungslosigkeit. So hat das auch Bärbel Grashoff erlebt. Die Frauenärztin erkrankte 2021 selbst an Brustkrebs und musste plötzlich die Seite des Behandlungstisches wechseln.

Gemeinsam mit der Illustratorin Marie Luisa Kerkhoff hat sie in „Das Ende der Unversehrtheit. Eine Graphic Novel über Brustkrebs“ ihr Wissen, ihre Erfahrungen und jede Menge Fakten zusammengetragen. Mit Grashoff als Erzählerin dröselt das Buch auf, was passiert, vom Zeitpunkt des ersten Verdachts an bis hin zur Behandlung und Nachsorge. Zunächst aber gibt es all den Gefühlen, Ängsten und Sorgen Raum, die sich anbahnen, und macht zugleich deutlich: „Du bist nicht schuld!“

Das beste Rezept gegen Angst und Panik ist fundierte Information, und so breiten die Autorinnen Schritt für Schritt aus, was hinter all den Fachbegriffen und Kürzeln steckt, mit denen man sich als Betroffene oder Angehörige plötzlich konfrontiert sieht. Die Tumorklassifizierung wird mit Limette, Erdnuss und Erbse veranschaulicht, das Grading, also das Abweichen der Tumorzelle von einer normalen Zelle, mit Popcorn. Der Behandlungsweg führt bisweilen durch Treppenhäuser à la M.C. Escher, die Strahlentherapie mutiert zu einem futuristischen Unterfangen mit Anleihen bei Raumschiff Enterprise. Sämtliche Brustkrebsarten werden durchdekliniert, ebenso wie Chemo- und Immuntherapien sowie die Operation. Fragen zu Nebenwirkungen, Komplementärmedizin, Sexleben und die Zeit nach der Behandlung kommen zur Sprache, immer garniert mit gewitzten Illustrationen und Mutmachern.

Wer das Wendebuch von der anderen Seite aus aufschlägt, findet Comic-Anleitungen zur Brustkrebsfrüherkennung und Selbstuntersuchung. Empathisch, humorvoll und gelassen führt das Buch durch eine schwere Zeit und bringt viele Infos für alle, die genauer hinschauen möchten. Es macht nicht nur medizinische Zusammenhänge sichtbar – sondern auch die Brustkrebserkrankung selbst mit all ihren Implikationen, mit denen sich viele immer noch oft alleingelassen fühlen.

Bärbel Grashoff (Autorin), Marie Luisa Kerkhoff (Zeichnerin): Das Ende der Unversehrtheit • Ankerwechsel, Berlin 2025 • Softcover • 160 Seiten • 32 Euro

Dieser Beitrag erschien zuerst am 20.12.2025 in: Der Standard – Comicblog Pictotop.

Karin Krichmayr arbeitet als Wissenschaftsredakteurin für Der Standard. Außerdem betreibt sie für die österreichische Tageszeitung den Comicblog Pictotop.