Bemühen um Klarheit – „Spielberg“

Nach Quentin Tarantino und Martin Scorsese nähert sich der französische Comiczeichner Amazing Ameziane in „Spielberg“ dem Wegbereiter des Blockbuster-Kinos.

„Spiel und Ernsthaftigkeit“ seien die beiden Facetten, die seine Persönlichkeit und insofern auch sein umfangreiches Werk kennzeichnen, sagt der US-amerikanische Filmregisseur Steven Spielberg über sich selbst. Dabei verweist sein stetiger Wechsel zwischen leichten Unterhaltungsfilmen und der Bearbeitung historischer Stoffe sowohl auf die Produktionsbedingungen Hollywoods als auch auf seine eigene Herkunft aus einer jüdischen Familie, die er lange verleugnet hat. „Ein Film für sie, ein Film für mich“, wird zum Arbeitsprinzip eines Regisseurs, der in den Zeiten von New Hollywood mit den Erfolgsfilmen „Der weiße Hai“, „Jäger des verlorenen Schatzes“ (als Auftakt der „Indiana Jones“-Reihe) und „E. T. – Der Außerirdische“ seiner kindlichen Abenteuerlust frönt; und der später mit „Schindlers Liste“, „Der Soldat James Ryan“ oder auch mit „München“ und „Die Farbe Lila“ politisch ambitionierte Filme macht. Dabei hält sich der 1946 geborene Erfolgsregisseur, dessen vielseitiges Werk immer auch Ausdruck autobiographischer Erfahrungen ist, keinesfalls für ein Genie: „Ich glaube, meine Begabung besteht nicht in der Art meiner visuellen Gestaltung, sondern in meinem Bemühen um Klarheit auf der Leinwand.“

In seiner ziemlich gerafften und kursorischen Graphic Novel mit dem schlichten Titel „Spielberg“ unternimmt der französische Comiczeichner Amazing Ameziane den vielleicht aussichtslosen Versuch, das enorm umfangreiche und facettenreiche Werk auf eine überschaubare Seitenzahl zu verdichten. Sprunghaft, mitunter redundant und abschweifend vermittelt sein aus der Ich-Perspektive des Portraitierten erzählter biographischer Bericht kaum mehr als Streiflichter auf Produktionsgeschichten und wenige markante Lebensdaten. Dabei verzichtet er auf eine dramatische Handlung mit Dialogen. Illustriert mit oft großformatigen Portraits und Symbolbildern, deren Bedeutung beziehungsweise Kontext sich nicht immer erschließt, liefert der disparat erscheinende Comic in teils langen Textpassagen eine Art dokumentarische Erzählung, die sich auffallend auf die Erfolgsgeschichten der Filme konzentriert. Im Anhang sind deshalb auch deren imposante Einspielergebnisse aufgelistet.

Die mangelnde Vertiefung und fehlende thematische Konzentration sowie der plakative Look des biographischen Comics lassen den zwischen „großem Kind“, erfolgsverwöhntem Regisseur und politischem Filmemacher oszillierenden Spielberg merkwürdig blass erscheinen. Dabei gäbe es immer mal wieder Anlässe zum Innehalten. Ein paar mehr Seiten widmet Amazing Ameziane – in diesem Fall dezidiert in Schwarzweiß – zumindest „Schindlers Liste“, den Steven Spielberg als „persönlichster Film und prägendste Erfahrung meines Lebens“ bezeichnet. Wie weitreichend seine Betroffenheit und Beschäftigung diesbezüglich reichen, mag ein Zitat veranschaulichen, das dem Kapitel vorangestellt ist und das gerade angesichts gegenwärtiger politischer Verwerfung durch einen erstarkenden Rechtsnationalismus leider nach wie vor aktuell ist: „Die Tragödie besteht für mich vor allem darin, dass wir nicht das Geringste aus dem Holocaust gelernt haben.“

Amazing Ameziane: Spielberg • Aus dem Französischen von Harald Sachse • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 192 Seiten • Hardcover • 35,00 Euro

Wolfgang Nierlin, geboren 1965. Studium der Germanistik, Philosophie und Psychologie in Heidelberg. Gedichtveröffentlichungen in den Zeitschriften metamorphosen und Van Goghs Ohr. Schreibt Film- und Literaturbesprechungen für Zeitungen (Rhein-Neckar-Zeitung, Mannheimer Morgen u. a.) sowie Fachzeitschriften (Filmbulletin, Filmgazette u. a.). Langjährige Mitarbeit im Programmrat des Heidelberger kommunalen Karlstorkinos.