Der Science-Fiction-Comic „Eternauta“ schaute in den 50ern so visionär lesbar auf die Zeit der argentinischen Militärdiktatur, dass er zur Ikone für Widerstand und Trauer wurde. Nun erschien der Band in neuer Auflage.
„Es ist beinahe undenkbar, den ‚Eternauta‘ von Hector Germán Oesterheld nicht als erstaunlich antizipatorisches Porträt der argentinischen Gesellschaft unter der Militärdiktatur zu lesen“, beschreibt Estela Schindel die bis heute anhaltende Faszination für den zwischen 1957 und 1959 in der Wochenzeitschrift „Hora Cero“ erschienenen Comic. Das von Francisco Solano Lopez gezeichnete Werk ist heute eines der meistgelesenen Bücher Argentiniens, wird dort als Schullektüre eingesetzt und ist zuletzt sogar für Netflix als Serie verfilmt worden.
Dies mag auf den ersten Blick erstaunlich erscheinen für einen komplexen Science-Fiction-Comic des globalen Südens, begibt man sich jedoch in das von Oesterheld entworfene Comic-Universum, das dank des Berliner Avant-Verlags auch auf Deutsch vorliegt, wird deutlich, warum „Eternauta“ heute als Ausblick auf die Situation in Argentinien unter der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 gelesen wird: Menschen verschwinden, der öffentliche Raum wird zu einem bedrohlichen Ort, ein unsichtbarer Feind beginnt vom Denken Besitz zu ergreifen, niemand ist frei von Angst.

Aber nicht nur die Zukunft kann man aus dem Science-Fiction-Comic herauslesen, auch die Vergangenheit des Staatsstreichs von 1955 ist erkennbar, als das argentinische Militär Juan Domingo aus dem Präsidentenamt geputscht und ins Exil getrieben hat. Dabei hatte die Luftwaffe die Plaza de Mayo in Buenos Aires bombardiert, wodurch die Stadt „an diesem Tag ihre Unschuld verlor“, wie Juan Mattio im Vorwort zu „Eternauta“ schreibt, „und selbst Schauplatz eines modernen Krieges wurde.“ In den folgenden Jahren nahm die Unsicherheit im Land zu, frei gewählte Regierungen und Militärregierungen wechselten sich ab, gleichzeitig wurde auch Südamerika vom Kalten Krieg eingeholt, dessen Bedrohlichkeit ebenfalls in die Dystopie des „Eternauta“ eingegangen ist.
Dabei klingt die Story von „Eternauta“ auf den ersten Blick wenig spektakulär: Außerirdische greifen in der nahen Zukunft des Jahres 1963 die Erde an, zunächst mit einer Art von Schnee, der jeden tötet, der mit ihm in Berührung kommt, danach mit Bodentruppen. Eine Gruppe Überlebender versucht Widerstand zu leisten, darunter neben dem Protagonisten Juan Salvo eine Reihe eher klischeehaft gezeichneter Helden: ein kühl-rationaler Wissenschaftler, ein zupackender Arbeiter, ein zerstreuter Historiker und Chronist der Ereignisse und diverse Militärs, die nach und nach alle sterben.
Es stellt sich heraus, dass nicht nur Argentinien, sondern die ganze Welt von der Invasion betroffen ist und es kaum Überlebende gibt. Viele Menschen sind von den Außerirdischen umgepolt und zu willenlosen Gehilfen ihrer tödlichen Pläne gemacht werden. Andere Überlebende schießen Atomraketen auf das Basislager der Eindringlinge in Buenos Aires, wodurch zwar die Stadt zerstört wird, aber die Außerirdischen nicht aufgehalten werden können. Juan Salvo kann schließlich mit seiner Frau und Tochter, den womöglich letzten Überlebenden der Katastrophe, eines der Raumschiffe kapern, wo er eine Zeitmaschine aktiviert, die ihn getrennt von seiner Familie in eine andere Zeit und Dimension schleudert.

Seitdem ist er auf der Suche nach seiner Familie, deren Verbleib ungewiss ist: Weder weiß er, ob sie noch am Leben sind, noch an welchem Ort des Universums er nach ihnen suchen soll. Bei dieser Suche trifft er schließlich im Jahr 1959 den Comicautoren Hector Oesterheld und erzählt ihm seine Geschichte. Er sei „der ewige Wanderer, ein Reisender durch die Zeit“, erklärt Salvo dem überraschten Comiczeichner, der nun die Zukunft kennt. Und während Salvo wieder zu seiner Familie zurückkehren kann, wobei er allerdings augenblicklich seine Erlebnisse, seine Jahre der Suche und das Ende der Welt vergisst, ahnt Hector Oesterheld: Aufhalten kann er den Lauf der Dinge nicht, die Katastrophe steht unweigerlich bevor. Beeinflussen kann er die Geschichte nicht, lediglich durch ihre Dokumentation vor dem Kommenden warnen – in Form des Comics, der mit diesen Gedanken des Zeichners an die Apokalypse endet.
Der reale Zeichner Oesterheld wurde 1976 von seiner Dystopie eingeholt, als nach einem erneuten Militärputsch unter dem Regime von General Jorge Rafael Videla die Verfolgung und Ermordung von Regimegegnern einsetzte. Der Autor hatte sich mit seinen vier erwachsenen Töchtern einem Teil der linksperonistischen Guerillagruppe Monteneros angeschlossen, sie kämpften im Untergrund für ein besseres Argentinien und wurden alle fünf nach und nach verhaftet, gefoltert und ermordet – fünf von über 30 000 Opfern der Militärdiktatur.
„Eternauta“ ist Oesterhelds Vermächtnis, seine Warnung, sich der politischen Gegenwart nicht allzu sicher zu sein, stets mit dem Schlimmsten zu rechnen, dem Militär skeptisch gegenüberzustehen und sich im Notfall nur auf die engsten Vertrauten und die eigene Stärke zu verlassen – und menschlich zu bleiben. In dem verzweifelten Kampf des Protagonisten gegen ein scheinbar unsichtbares Gegenüber und seiner Suche nach den Verschwundenen, nach dem Verbleib seiner Familie, erkannten auch viele Angehörige von Opfern der Militärjunta ihre eigenen Traumata und Verletzungen wieder. Und so wurde Oesterhelds Science-Fiction-Epos auch zu einem Buch über die argentinische Gegenwart, der „Eternauta“ zu einem Symbol von Widerstand und Trauer.
Hier und hier gibt es weitere Kritiken zu „Eternauta“.
Dieser Beitrag erschien zuerst am 18.06.2026 in: ND
Héctor G. Oesterheld (Autor), Francisco Solano López (Zeichner): Eternauta • Aus dem argentinischen Spanisch von Claudia Wente • Avant-Verlag, Berlin 2026 • 384 Seiten • Hardcover • 50,00 Euro
Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins. Zuletzt ist von ihm die Textsammlung „Nach Strich und Rahmen“ erschienen.

