„Menschen ohne Papiere können ihre Rechte kaum durchsetzen“

200.000 bis eine halbe Million Menschen leben, laut Schätzungen, in Deutschland in der sogenannten aufenthaltsrechtlichen Illegalität – also ohne gültige Dokumente, ohne reguläre Gesundheitsversorgung und ohne Schutz vor (Arbeits-)Ausbeutung. In der immer schärferen Debatte um Migration gehen die Stimmen der Betroffenen unter. Dabei ist für Menschen ohne gültige Papiere jeder Aspekt des Alltags eine Gefahr. Jeder offizielle Kontakt kann die Abschiebung bedeuten.

Die Comicreportage „Schattenleben – Menschen ohne Papiere erzählen“ porträtiert vier dieser Menschen. Der Leipziger Journalist Jonas Seufert und die Augsburger Illustratorin Lisa Frühbeis haben sechs Jahre lang an ihrerm Doku-Comic gearbeitet, unzählige Interviews geführt und mit dem Comicmedium ihren Protagonist:innen die Möglichkeit gegeben, anonym über sich und ihr Schicksal zu erzählen. Im Presse-Interview sprechen sie über ihr Projekt.

Liebe Lisa, lieber Jonas, vielen Dank, dass ihr euch für unser Interview die Zeit nehmt. Könntet ihr ein wenig über euch und eure Arbeit erzählen? Wie seid ihr zum Schreiben bzw. Zeichnen gekommen, haben euch eure Wege geradlinig zum Journalismus bzw. Comic geführt?

Jonas Seufert: Ich mag das Schreiben. Und ich finde es jedes Mal beeindruckend, wenn Menschen mir die schönsten und schwierigsten Momente ihres Lebens anvertrauen, damit ich sie weitertrage. Diese Begegnungen zu dokumentieren empfinde ich als unglaubliches Privileg. Daraus ist über die Jahre ein Beruf geworden. Ich habe viele Jahre frei Texte geschrieben, später Dokus gemacht und arbeite jetzt im Investigativ-Team von FragDenStaat.

Lisa Frühbeis: Gezeichnet habe ich schon immer. Nach einem sehr breiten Grafikstudium habe ich aber gemerkt: Eigentlich will ich erzählen. Meine Arbeit umfasst inzwischen hauptsächlich Comics, aber ich bin auch Livezeichnerin bei Konferenzen und erstelle große Wandbilder. Meine Auftraggebenden kontaktieren mich, wenn sie eine komplexe Problemstellung haben, und ich helfe dann, mit Bild und Text eine Lösung zu finden. Wenn das klappt, macht mich das sehr glücklich.

Was macht für dich als Reporter den Reiz und die Attraktivität des Comics für journalistische Arbeit aus, Jonas? Was kann ein Comic vermitteln, das klassische Reportagen oder Dokumentationen nicht können?

Gesichter von Menschen zu zeigen, verleiht ihnen Würde. In einer Doku hätten wir Menschen ohne Papiere nur anonymisiert zeigen können, in einem Radio-Feature hätten wir die Stimmen nachsprechen müssen. Das ist wichtig, um die Menschen zu schützen, aber es überträgt sich nichts Menschliches, keine Emotion, keine Empathie. Im Comic können wir Menschen in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit zeigen, sie fliegen lassen, sie in Hulks verwandeln – und es bleiben doch wahre Geschichten. Das finde ich total spannend.

Lisa, du hast zuletzt autobiografische Comicstrips und eine Graphic Novel gezeichnet. Was hat dich nun zum Comicjournalismus gezogen?

Comicjournalismus findet Bilder, wo Foto und Film nicht erlaubt sind. Ich interessiere mich sehr für politische Themen, habe eine Comicreportage von Kazuto Tatsuta über die Aufräumarbeiter:innen im Atomkraftwerk von Fukushima gelesen, auch die Visualisierung der Bunkertunnel unter der nordkoreanischen Grenze von Christoph Niemann. Im Bild habe ich diese Orte und Geschehnisse noch mal ganz anders und umfassend verstanden. Das hat Begeisterung für dieses Segment geweckt.

Jonas, was sind die Schwerpunkte deiner journalistischen Arbeit? Und wie passt das Thema „Menschen ohne gültige Papiere“ da hinein?

Macht ist ein wichtiges Wort für mich. Ich habe jahrelang zu prekären Arbeitsverhältnissen und Arbeitskämpfen in Deutschland und Europa recherchiert, mit Menschen gesprochen, die unsere Häuser bauen, unser Essen ernten oder unsere Angehörigen pflegen. Das sind enorm wichtige Jobs, weil sie so nah an unseren Grundbedürfnissen sind. Aber die Leute werden in diesem Wirtschaftssystem enorm an den Rand gedrängt. Menschen ohne Papiere sind mir dabei oft begegnet, ihre Abhängigkeiten sind meist besonders hoch. Mit dem Comic gab es endlich eine Form, ihre Geschichten zu erzählen.

Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit und zur Idee, Interviews mit Menschen ohne legalen Status für eine Comicreportage zu porträtieren?

Lisa Frühbeis: Wir haben uns 2019 beim Bäcker kennengelernt, kurz vor einem Workshop, der Comickünstler:innen und Journalist:innen zusammenbrachte. Wir waren beide spät dran, haben uns noch schnell ein Frühstück geholt und standen hintereinander in der Schlange. So wurden wir an dem Wochenende ein Team und haben festgestellt: It’s a Match!

Jonas Seufert: Ich habe Lisa beim Workshop von der Situation undokumentierter Menschen erzählt, und wir haben festgestellt: Der Comic als Form könnte gut passen. Die ersten Gespräche haben wir ein paar Monate später geführt.

Wie sah eure Zusammenarbeit ganz konkret aus?

Jonas Seufert: Ich habe zwei Jahre lang in ganz Deutschland Vorgespräche mit Initiativen, Beratungsstellen und undokumentierten Menschen geführt. Dâu, Charlotte, Nasir und Brienne fanden unsere Idee gut und haben zugesagt. Wir haben dann lange biografische Gespräche geführt, teilweise mit Übersetzer:innen. Lisa war dabei und hat die Personen live beim Sprechen gezeichnet.

Lisa Frühbeis: Danach haben Jonas und ich uns zusammengesetzt und aus den Gesprächen ein Szenario in Text und Bild gebaut. Wir haben uns gefragt: Worum geht es genau in den Erzählungen? Aus unseren Überlegungen habe ich ein Storyboard gezeichnet. Daran saß ich ein Jahr lang durchgehend, es sind immer wieder neue Iterationen im Gespräch mit unserem Lektor entstanden.

Jonas Seufert: Wir wollten die Geschichten der vier gerne aus ihrer Perspektive und im Wortlaut erzählen, also sind wir später mit den Skizzen zu ihnen zurückgekehrt. Dieses Feedback war für uns zentral, wir haben ja im Vergleich eine privilegierte Position und wissen manche Dinge einfach nicht. Sie haben wichtige Anmerkungen gemacht, und am Ende haben alle gesagt: Ja, das ist meine Geschichte.

Lisa Frühbeis: Anschließend folgte die Reinzeichnung der Seiten. Das waren noch mal sieben Monate. Insgesamt saßen wir sechs Jahre an dem Projekt, davon die zwei letzten Jahre durchgehend.

Wie kamt ihr auf die vier Menschen, warum habt ihr sie ausgewählt? Welche Aspekte ihrer Geschichten haben euch am meisten interessiert?

Jonas Seufert: Alle Menschen sind auf ihre Art sehr beeindruckend. Brienne ist eine unglaublich mutige Frau, sie hat sich aus der Zwangsprostitution gekämpft, anderen Betroffenen geholfen und ihre Menschenhändler vor Gericht gebracht. Die Verfahren dauern bis heute an. Charlotte hätte um ein Haar ihr Kind auf den Straßen von Mainz zur Welt gebracht, weil sie sich nicht zum Arzt traute. Dâu hat auf ihrer Odyssee durch Europa Ausbeutung in ihrer eigenen Community erfahren, aber auch viel Solidarität. Und Nasir ist schon seit 30 Jahren in Deutschland, spricht breitestes Pfälzisch und hat immer noch keine Papiere. Die Geschichten sind individuell. Zusammen, hoffen wir, stehen sie für viele, auch weil sie ganz unterschiedliche Facetten der Papierlosigkeit berühren.

Lisa Frühbeis: Für mich ist unser Comic ein Buch über Arbeit. Diese Menschen leben in Deutschland in einem permanenten Widerspruch: Sie sollen hier sein und gleichzeitig nicht hier sein. Unsere Gesellschaft braucht Menschen in prekären Situationen, damit gewisse unangenehme und gefährliche Jobs erledigt werden. Und zwar maximal billig, sonst könnten wir uns bestimmte Dinge gar nicht mehr leisten. Inoffiziell sind sie also eingeplant. Offiziell sollen viele von ihnen abgeschoben werden.

Wie liefen die Gespräche mit den Protagonist:innen ab, wie zeitintensiv war der Austausch? Was ist die Herausforderung bei Interviews mit Menschen, die mit der Angst leben, dass jeder Kontakt zu Fremden zu ihrer Abschiebung führen kann?

Jonas Seufert: Vertrauen ist zentral. Wir haben von den vier viel verlangt, und wir sind total dankbar, dass sie sich über Jahre hinweg immer wieder Zeit für uns genommen haben. Die biografischen Gespräche haben viele Stunden gedauert, mit zahlreichen Pausen. Wir haben die Menschen nach potenziell traumatischen Ereignissen gefragt, da wollte ich, dass sie die Geschwindigkeit bestimmen. Erzählt haben sie aber auch von lustigen Momenten, Partys oder von Sprichwörtern, die ihnen Kraft gegeben haben. Das wollten wir unbedingt auch abbilden. Die Redewendungen sind sehr prominent in den Comic eingeflossen.

Wie empfindet ihr den staatlichen Umgang, vor allem unter der neuen Bundesregierung, und die Darstellung des Themas in den Medien?

Jonas Seufert: Alle Bundesregierungen haben in den vergangenen Jahren Migrationsgesetze verschärft, in der Hoffnung der extremen Rechten Stimmen zu nehmen. Der Plan ist nicht aufgegangen, stattdessen hat sich die Situation für Millionen von Menschen verschlechtert. Menschen ohne Papiere stehen im Fokus dieser Verschärfungen. Im sogenannten 5-Punkte-Plan, den Friedrich Merz 2025 mit den Stimmen der AfD verabschiedet hat, steht zum Beispiel, dass alle Menschen ohne Papiere in Abschiebehaft genommen werden sollen.

Lisa Frühbeis: Die Menschen selbst reden in der Debatte über Migration nicht mit. Das können sie in ihrer Situation ja gar nicht. Das Buch versucht, ihren Stimmen eine Bühne zu geben.

Im Kapitel über Charlotte erfährt man viel über das Thema Gesundheit – könntet ihr noch mal kurz auf diesen Aspekt eingehen? Welche Rechte und welche Möglichkeiten haben Menschen ohne Dokumente in Deutschland, die Versorgung zu erhalten, die sie benötigen? Was kann man in dieser Hinsicht noch tun, um das System zu verbessern?

Jonas Seufert: Menschen ohne Papiere haben in Deutschland nur eingeschränkten Zugang zur Gesundheitsversorgung. Das liegt unter anderem an der sogenannten Meldepflicht. Dadurch können Daten von undokumentierten Menschen nach einem Arztbesuch bei der Ausländerbehörde landen, dann droht die Abschiebung. Viele Menschen gehen deshalb nicht zum Arzt, auch wenn sie schwer krank sind. Initiativen berichten auch von Todesfällen.

Lisa Frühbeis: Momentan fangen Ehrenamtliche in Medibüros in ganz Deutschland und einige Clearingstellen den Bedarf auf. Die Arbeit der Ehrenämtler:innen fängt vieles ab, wir wollten das auch in unserem Buch zeigen. Für mich erzählt „Schattenleben“ auch von den Menschen, die in Deutschland leben. Es gibt nach jedem Kapitel einen Sachteil, bebildert mit Architektur und Landschaft aus Deutschland, um das Thema visuell in unserem Alltag zu verankern.

Welche Leser:innen wünscht ihr euch für euer Buch? Was möchtet ihr mit „Schattenleben“ erreichen?

Lisa Frühbeis: Zunächst wollen wir erfahrbar machen, wie das Leben für Menschen ohne Papiere in Deutschland aussieht. Ich glaube, das Buch ist interessant für alle, die sich für ihre Mitmenschen interessieren und die Systematik hinter dem politischen Aspekt der „Illegalität“ besser begreifen wollen.

Jonas Seufert: Wir haben uns in Deutschland auf grundlegende Rechte geeinigt, die für alle gelten sollen. Doch Menschen ohne Papiere können ihre Rechte kaum durchsetzen. Es wäre schön, wenn das Buch darüber eine Debatte anstößt. Spanien zum Beispiel gibt dieses Jahr rund 500.000 Menschen Papiere, weil die Regierung sagt: Sie machen hier wichtige Jobs. Zuvor hat die Zivilgesellschaft jahrelang Druck ausgeübt.

Lisa Frühbeis: Wir wollen mit dem Buch ins Gespräch kommen und im kommenden Jahr möglichst viel in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs sein. Um Räume für Austausch und Diskussion zu schaffen, haben wir auch eine Wanderausstellung konzipiert, die Initiativen, Museen, Schulen oder Kulturräume ohne großen Aufwand mieten und mit ihren Themen vor Ort verknüpfen können.

Sie wollen eine Lesung, Diskussionsveranstaltung oder Ausstellung vor Ort organisieren? Unter www.schattenleben-ausstellung.de gibt es weitere Infos.

Lisa Frühbeis (Zeichnerin), Jonas Seufert (Autor): Schattenleben – Menschen ohne Papiere erzählen • Reprodukt, Berlin 2026 • 160 Seiten • Klappenbroschur • 24 Euro