Fernando Truebas und Javier Mariscals Animationsfilm „They Shot the Piano Player“ porträtiert den brasilianische Pianisten Francisco Tenório Júnior, der 1976 bei einer Tournee in Argentinien spurlos verschwand. Er wurde von der Militärdiktatur gefoltert und getötet. Der Film ist bis zum 20. Juli als deutsche Erstaufführung in der Arte-Mediathek zu sehen.
In der Rahmenhandlung des Films ist der fiktive Musikjournalist Jeff Harris im New York des Jahres 2009 zu einer Lesung in einer Buchhandlung eingeladen. Gerade hat der Jazzliebhaber in der Kulturzeitschrift „The New Yorker“ einen vielbeachteten Artikel über den Bossa-Nova-Boom der 1950er Jahre geschrieben. Jetzt liest er (mit der Stimme von Jeff Goldblum) aus seinem neuen Buch „They Shot the Piano Player“, dessen internationaler Titel zugleich über dem doku-fiktionalen Animationsfilm „Dispararon al pianista“ von Fernando Trueba und Javier Mariscal steht. Darin beschäftigen sich der spanische Filmregisseur und sein Kreativpartner, der als Illustrator und Designer bekannt ist, mit dem tragischen Schicksal des seinerzeit bewunderten Pianisten Francisco Tenório (1940-1976), der in der Nacht nach einem umjubelten Auftritt in Buenos Aires plötzlich verschwand. Bei den hinterbliebenen Freunden und Familienmitgliedern wird aus der schrecklichen Ahnung bald die Gewissheit, dass der aufstrebende Musiker, der unpolitisch war und nur für seine Kunst lebte, wohl eher „zufällig“ von Schergen der argentinischen Militärdiktatur entführt, gefoltert und ermordet wurde.

Tenório Jr. sei „der Jazzmusiker unter den brasilianischen Pianisten“ gewesen, informiert Harris‘ Freund João den wissbegierigen Journalisten nach seiner Ankunft an der Copacabana in Rio de Janeiro, wo er zur eigenen Überraschung erst einmal musikalisches Neuland betritt. Begeistert berichtet João von den goldenen Jahren des Bossa Nova, den damit verbundenen radikalen Veränderungen in der Musik und den bewunderten Protagonisten der Szene, also von Chico Buarque, Gilberto Gil, João Gilberto, Antonio Carlos Jobim und Milton Nascimento. Man erfährt erstaunt, dass die Filmliebhaber unter ihnen von der französischen Nouvelle Vague beeinflusst waren und dass der Bossa Nova wiederum erheblich auf den amerikanischen Jazz, beispielsweise auf das Spiel von Stan Getz, wirkte. Treffpunkt der Musiker und zugleich Schmelztiegel waren die legendären Bars der Beco das Garrafas, wo brasilianische Lebensfreude und musikalische Spontanität eine glückliche Verbindung eingingen. Hier begeisterte mit seinem innovativen, erfrischenden Klavierspiel regelmäßig auch Tenório Jr., der zu Lebzeiten leider nur eine Platte unter eigenem Namen aufnehmen konnte.
In verschachtelten Rückblenden, die bestimmt sind von einem schnellen Erzähltempo und einer hohen Informationsdichte, unternehmen die beiden Regisseure zusammen mit ihrem Erzähler Jeff Harris eine spannende Recherche in zunächst unbekanntes Terrain. Ihre Suche nach der mysteriösen Lebensgeschichte eines Verschwundenen („desaparecido“) führt sie zu Zeitzeugen und ehemaligen musikalischen Weggefährten. Begleitet von fiebrigen Jazz-Rhythmen und in Bildern von heller Farbigkeit porträtieren sie einen „sensiblen Stilisten“, dessen Musik alles umfasste, wie es einmal heißt, einen Intellektuellen, aber auch einen verheirateten Familienvater und verträumten Liebhaber. Dieser sei „witzig, intelligent, rein, schüchtern, ironisch“ gewesen.
Der sogenannte „schmutzige Krieg“ der argentinischen Militärjunta mit Folterlagern, in denen mutmaßliche Regimegegner misshandelt und getötet wurden, lässt die bunten, lebensprallen Bilder schließlich schwarzweiß und dunkel werden. Francisco Tenório Jr. sei zum „Opfer zweier Diktaturen“ geworden, verweist der amerikanische Journalist John Rowles in seinem historischen Abriss auf die menschenverachtende, von den USA in Zusammenarbeit mit lateinamerikanischen Geheimdiensten unterstützte „Operation Condor“. Auch wenn es diesbezüglich keine Gerechtigkeit geben kann, so entreißen Trueba und Mariscal mit den animierten Fragmenten eines Lebens ihren verschwundenen Helden zumindest dem Vergessen.
Der Film ist bis zum 20. Juli 2026 als deutsche Erstaufführung in der Arte-Mediathek zu sehen.
They Shot the Piano Player
OT: Dispararon al pianista
Spanien 2023 – 96 Min.
Regie: Javier Mariscal, Fernando Trueba – Drehbuch: Fernando Trueba – Produktion: Cristina Huete, Serge Lalou, Sophie Cabon, Bruno Felix, Janneke van de Kerkhof, Femke Wolting, Humberto Santana – Montage: Arnau Quiles – Dt. Erstaufführung: 21.06.2026 (Arte)
Wolfgang Nierlin, geboren 1965. Studium der Germanistik, Philosophie und Psychologie in Heidelberg. Gedichtveröffentlichungen in den Zeitschriften metamorphosen und Van Goghs Ohr. Schreibt Film- und Literaturbesprechungen für Zeitungen (Rhein-Neckar-Zeitung, Mannheimer Morgen u. a.) sowie Fachzeitschriften (Filmbulletin, Filmgazette u. a.). Langjährige Mitarbeit im Programmrat des Heidelberger kommunalen Karlstorkinos.
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