Zwei Comics, ein Thema – Yuta Kumagai und Emmanuel Lepage finden sehr diametrale ästhetische Ansätze, um die Folgen der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl abzubilden.
20 Minuten. So lange, heißt es, könne man sich in der engen Zone um den Reaktor von Tschernobyl aufhalten, ohne Strahlenschäden davonzutragen. 40 Jahre. So lange liegt die Katastrophe im Kernkraftwerk von Tschernobyl zurück. Nobelpreisträgerin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch hat zu Europas nuklearem Trauma „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ geschrieben. Auf das eindrucksvolle Buch beziehen sich zwei Comics – eine Manga-Reihe aus dem Carlsen Verlag und eine neu aufgelegte Reportage bei Splitter.
Alexijewitsch arbeitete zehn Jahre an ihrem Buch. Sie sprach mit hunderten Personen, führte Interviews und reiste vor Ort. Alexijewitsch wollte den GAU aus der Sicht Betroffener erfahrbar machen – hören, wie Opfer, Hinterbliebene von Strahlungstoten, „Liquidatoren“ aus der Aufräumtruppe, Mediziner und andere Wissenschaftler das unfassbare Unglück erlebt hatten. Viele Berichte gehen an die Nieren: Der Fallout nach der Kernschmelze im Reaktor von Tschernobyl hat radioaktive Niederschläge und Angst über große Teile Europas gebracht, aber unermessliches Leid über Menschen in der Region. Wen es traf, durfte häufig nicht einmal darüber sprechen. „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ wurde 1997 veröffentlicht. In Belarus, dem Heimatland von Alexijewitsch, unterliegt das Buch noch immer der Zensur.

„Niemand hat ihren Erzählungen je Gehör geschenkt“, fängt Yuta Kumagais Manga-Adaption von „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ an. Jeder Band enthält abgeschlossene Episoden. Im ersten Teil greift Kumagai fünf Berichte auf, im zweiten sechs. Den Anfang macht die junge Ljudmila Ignatenko, Frau des Feuerwehrmanns Wassili. Er musste – ahnungslos wie seine Kollegen – in der Nacht der Katastrophe zum Einsatz im Katastrophenreaktor ausrücken, ohne Schutzkleidung, ohne Geigerzähler, Dosimeter oder andere geeignete Ausrüstung. „Es gab auch keine vorherige Warnung“, berichtet Ljudmila rückblickend, „sie sollten nur einen normalen Brand bekämpfen.“
Die Dialoge in den Geschichten stehen in gerundeten oder gezackten Sprechblasen. Parallel dazu laufen Textblasen, die eine dickere, regelmäßig ausgefranste Borte umgibt. Hier steht, was Ljudmila rückblickend Alexijewitsch erzählt hat: „Um sieben Uhr morgens riefen sie mich an und teilten mir mit, dass mein Mann im Krankenhaus liegt.“ Dort schienen alle ahnungslos zu sein. „Er braucht Milch! Viel Milch!“, riet eine Ärztin. Ljudmila kommentiert das im Nachhinein: „Zur damaligen Zeit kursierten viele unwissenschaftliche Behauptungen, Milch oder Wodka würden gegen die Strahlung helfen.“
Ljudmila musste hilflos zusehen, wie die Strahlenkrankheit ihren Mann unaufhaltsam zerstörte: „Wissilja veränderte sich. Es war, als würde ich jeden Tag einem anderen Mann begegnen. Die Verbrennungen wurden sichtbar, an seinem Mund, auf der Zunge, auf seinen Wangen. Anfangs waren es nur kleine Bläschen und Geschwüre, die sich aber bald ausbreiteten und größer wurden.“ Wer einen geliebten Menschen verliert, geht immer durch die Hölle. Für Ljudmila war dieser Weg besonders schmerzhaft: Sie trug ungeborenes Leben im Bauch, das Kind ihres sterbenden Mannes Wassili.

Ljudmilas Geschichte ist die längste. Den anderen gönnt Kumagai nur die Hälfte an Seiten – was ihren Schrecken keineswegs halbiert. Chemie-Ingenieur Iwan Nikolajewitsch Schmychow wurde vom Militär direkt aus dem Labor geholt. Vor Ort, am Kraftwerk, hatte niemand ernsthaft Ahnung von Radioaktivität, und Ingenieur Iwan musste nur schaufeln: die obere, am stärksten kontaminierte Schicht Erde abtragen. Seine Gruppe wurde so schlecht verpflegt, dass die Männer hungerten und gierig Äpfel von den Bäumen gepflückt und Hühner geschlachtet haben. Sie wussten genau, dass diese Lebensmittel verseucht waren.
Kindern erinnern sich, wie Soldaten ihnen ihre Katzen abnehmen wollten. Wie plötzlich ganze Schwärme toter Spatzen am Boden lagen. Das Mädchen Katja P. wuchs in einem Haus mit Blick aufs Kraftwerk auf. Als es explodierte, war zunächst ein großes Spektakel: „Echte Hubschrauber! Wow! Ist das toll!“ Alle aus ihrer Schule, die ein Rad hatten, sausten neugierig unter dem unheimlichen, dunkelblau getönten Himmel zum Reaktor. Nach kurzer Zeit kamen sie mit „schwarzgebrannten“ Gesichtern zurück. „Radioaktive Bräune nannten sie es“, erzählt Katja P., „so einen schweren Sonnenbrand würde man sich nicht einmal nach einem Monat in Sotschi holen.“
Kumagais auf vier Bände angelegte Reihe kann nur beispielhaft einige der rund 500 Gespräche wiedergeben, die in Alexijewitschs Buch eingingen. Sie hat zudem die Aussagen literarisch bearbeitet, etwa zu dokumentarischen Monologen. Dafür lässt sich nur schwer eine grafische Entsprechung finden. Gezeichnet erscheinen Emotionen weniger subtil und plakativer, obwohl sich Kumagai in ihrer Darstellung zurückhält. Seine Figuren schneiden keine Leidensgrimassen. Sein Strich ist schmucklos klar, der Stil genregerecht, aber weitgehend realistisch. Die Berichte der Betroffenen transportieren ohnehin genug wahrhaftige Dramatik, ihre Schicksale stehen und sprechen für sich selbst. Kumagai hat sie respektvoll als Manga renoviert. So macht er sie hoffentlich leichter und einem breiteren Publikum zugänglich.

Für Emmanuel Lepage dient Alexijewitschs Buch in „Ein Frühling Tschernobyl“ zur Vorbereitung. 2008 plant er, mit einer Künstlergruppe an die Ruine des geborstenen Reaktors zu reisen. Alexijewitsch soll ihm vorher einen Eindruck davon vermitteln, was ihn dort womöglich erwartet. Der Effekt ist heftiger als gedacht: Das Buch jagt Lepage so viel Angst ein, dass sie sich sogar in körperlichen Symptomen äußert. Der Zeichner will die Reise abblasen. Er reist dann doch, aber zunächst färbt die Furcht seine Sicht. Trostlos, Grau in Grau zeichnet er seine ersten Eindrücke nieder: einzig Zerstörung, Verfall, Tristesse wohin das Auge blickt. Mit der Zeit lüftet Lepage den Schleier seiner Angst. Er lernt, dass selbst Menschen, die am Rand der „Zone“ unter dauerhaftem Strahlenbeschuss leben, fröhlich sein können, Kinder haben, die spielen, feiern und lachen.
Nun leuchten ab und zu Farben auf in Lepages exzellenter Comicreportage von 2012, die mit Auszügen aus Alexijewitschs „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ beginnt. Während Kumagai das Buch in Teilen nacherzählt, ergänzt es Lepage eher. „Ein Frühling in Tschernobyl“ liefert jüngere Aspekte und Lepages persönliche Perspektive. Die Comicreportage erlaubt einen mehr zeitgemäßen Blick auf Tschernobyl. Zwischen dem Früher und Heute gibt es einige Berührungspunkte. Aberglaube oder Dummheit scheint gänzlich resistent zu sein gegen Radioaktivität. Ein Zeitgenosse, dem Emmanuel Lepage in Tschernobyl begegnet, schwört – wie manche „Fachleute“ gleich nach dem GAU – noch immer auf alkoholische Isotopenabwehr: Ihm könne die Strahlung nichts anhaben, weil in seinem Körper mehr Wodka als Blut umherschwappe.
Yuta Kumagai, Swetlana Alexijewitsch: Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft Band 1 & 2 • Aus dem Japanischen von Martin Gericke • Carlsen, Hamburg 2026 • 194/176 Seiten • Softcover • 12 Euro/9,99 Euro
Emmanuel Lepage: Ein Frühling in Tschernobyl, Neuausgabe • Aus dem Französischen von Tanja Krämling • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 (2013) • 168 Seiten • Hardcover • 35 Euro
Jürgen Schickinger hat seine ersten Artikel über Comics im Jahr 1981 für das Fachmagazin „Comic Art“ geschrieben. Danach folgte ein Studium, das er zu einem guten Teil mit dem Verkauf von Comics auf Flohmärkten finanziert hat. Zwangsläufig wuchs dabei die eigene Sammlung. In dieser Zeit sind auch weitere Comic-Artikel von ihm in verschiedenen Fanzines und Büchern erschienen. Nebenher hat er einige Jahre im Fachhandel gejobbt. Seit 1999 betreut er für die Badische Zeitung in Freiburg als freier Autor unter anderem das Themengebiet Comics, Graphic Novels, Cartoons und verwandte Grafik.



