In Deutschland ist Catherine Meurisse vor allem durch die Graphic Novel „Die Leichtigkeit“ bekannt geworden, in der sie den Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“ verarbeitet, den sie nur durch Zufall überlebt hat. Nun erscheint im Carlsen Verlag „Alexandre Dumas erzählt die Geschichte von Delacroix“. Klingt ziemlich kompliziert.
In der Graphic Novel „Alexandre Dumas erzählt die Geschichte von Delacroix“ geht es um das Aufeinanderprallen von Innovation und Establishment in der bildenden Kunst, das Catherine Meurisse sehr unterhaltsam zeichnet. Eugène Delacroix war Historienmaler, hat Bilder wie „Die Freiheit führt das Volk“ geschaffen, das vermutlich in jedem deutschen Geschichtsbuch zur französischen Revolution auftaucht: Darauf die barbusige Marianne mit wehender Trikolore, hinter ihr das Volk, das sich erhebt, und vor ihr die Gefallenen. Heute eine Ikone – aber zu seiner Zeit sehr umstritten.
Diese Kämpfe um Deutungshoheit und Macht im Kunstbetrieb, aber auch Anekdoten aus Delacroix‘ Leben beschreibt Alexandre Dumas, der Autor der „Drei Musketiere“, ein Jahr nach dessen Tod. Die beiden waren Freunde, und Dumas beschreibt auf urkomische Weise, wie Delacroix als Kind derart verrückte Unfälle hatte, dass es ein Wunder ist, dass er erwachsen wurde.
Genauso witzig und überspitzt erzählt er von den Eklats, die Delacroix mit seinen Bildern in der Kunstwelt auslöst. Das nimmt Catherine Meurisse als Grundlage, lässt den Text immer wieder laufen und fügt manchmal nur die ein oder andere Skizze ein. Der Text von Alexandre Dumas ist in seiner ironischen Bissigkeit reizvoll – und Catherine Meurisse bringt ihn durch ihre Arbeit noch mehr zum Glänzen.

Und sie macht die Werke von Delacroix und seinen Zeitgenossen sichtbar, indem sie die Arbeiten in ihrem Stil adaptiert. Da gibt es zum Beispiel „Das Portrait des Monsieur Bertin“ des Malers Jean-Auguste-Dominique Ingres, der damals zum Establishment gehörte. Die Ähnlichkeit von Original und Adaption ist verblüffend – allerdings fügt Meurisse dem würdevollen Original noch eine große Portion Blasiertheit hinzu, denn Monsieur Bertin war ein konservativer Publizist, also einer von denen, die Delacroix in Grund und Boden schrieben.
Die Gemälde von Delacroix werden dagegen durch Meurisses Pinsel zu einem Fest der Farben, das fast völlig auf Linien verzichtet. Ein Kommentar zur zeitgenössischen Kritik an Delacroix, dass er nicht zeichnen könne. Jedoch zeigt Meurisse, wie gerade durch Delacroix‘ Einsatz von Farbe der besondere Ausdruck entsteht. Das sieht man an dem Bild „Junge Waise auf dem Friedhof“ genauso wie an dem Kopf des Löwen, der seine Mähne genießerisch in den Wind hält.
Meurisse hat eindrucksvolle ganzseitige Malereien geschaffen, die durchaus Pathos haben. Den bricht sie aber immer wieder mit ihren treffsicher dahingekritzelten Karikaturen. Von den Kritikern, die sich das Maul über die Delacroix‘ Arbeiten zerreißen. Aber auch davon, wie sich Dumas und Delacroix das erste Mal beim Pariser Salon im Jahr 1824 treffen und über das dort ausgestellte „Massaker von Chios“ sprechen. Delacroix wanzt sich da wie ein Wurm an den erfolgreichen Dumas ran, der ganz wohlwollend eine Kritik platziert. Diese Kritik erweist sich als ein Schlüssel zur Inspiration zu diesem Bild.
„Alexandre Dumas erzählt die Geschichte von Delacroix“ ist eine dichte Graphic Novel über das Leben und Werk von Eugène Delacroix und die französische Kunstszene des 19. Jahrhunderts. Das macht sehr viel Spaß, weil Dumas so pointiert darüber schreibt und Meurisse so wunderschön und treffsicher zwischen Pathos und Karikatur changiert.
Mit dem Wechsel aus Karikatur und Malerei ist diese Graphic Novel ganz ähnlich wie seine Vorgänger. Das expressive Spiel der Farben, das Catherine Meurisse in Delacroix‘ Arbeiten herausarbeitet, ist wichtig. Somit ist diese Graphic Novel geeignet für Fans von Catherine Meurisse und für alle, die auf bissig-kultivierte Art in die französische Kunstszene des 19. Jahrhunderts eintauchen wollen.
Dieser Beitrag erschien zuerst am 07.09.2026 auf: radio3 rbb
Catherine Meurisse: Alexandre Dumas erzählt die Geschichte von Delacroix • Aus dem Französischen von Lilian Pithan • Carlsen, Hamburg 2026 • Hardcover • 140 Seiten • 32,00 Euro
Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.

