Die Journalistin Sara Dellabella und der Comiczeichner Alessio Lo Manto erinnern in ihrer Graphic Novel „Die Irrfahrt der St. Louis“ an die vergebliche Flucht der jüdischen Passagiere des Hapag-Dampfers vor dem Terror der Nationalsozialisten.
Im Mai 1939 nimmt die St. Louis, ein Passagierdampfer des Transportunternehmens Hapag, von Hamburg Kurs auf Kuba. An Bord befinden sich über 900 Passagiere – Juden, die vor der Nazi-Diktatur fliehen und in Kuba auf einen sicheren Neuanfang hoffen. Doch aufgrund kurzfristig geänderter Bestimmungen wird den Flüchtlingen die Einreise in Havanna verweigert. Nur einer Handvoll Passagieren ist es möglich, den damals horrenden Betrag von 500 Dollar aufzubringen, um das Schiff verlassen zu dürfen. Der erfahrene Kapitän Gustav Schröder, dem das Schicksal der Passagiere am Herzen liegt, gibt nicht auf und sucht weiter nach einer Möglichkeit, „seine“ Flüchtlinge zu retten.
Die Geschichte der Irrfahrt der St. Louis und ihres beherzten Kapitäns, der posthum von Israel als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt wurde, ist bekannt. Es gibt Bücher, zahlreiche Publikationen, TV-Dokumentationen und einen Spielfilm von Regisseur Stuart Rosenberg, der 1976 unter dem Titel „Voyage of the Damned“ („Reise der Verdammten“) erschien. Die St. Louis kehrte nicht direkt nach Europa zurück. Vorher verweigerten sowohl die USA unter Präsident Roosevelt als auch Kanada die Aufnahme der Juden. Nachdem das Schiff in Antwerpen einlief, nahmen schließlich Großbritannien, die Niederlande, Belgien und Frankreich die Passagiere auf. Für das Gros war dies nur eine kurzfristige Rettung, etliche wurden nach Kriegsbeginn in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet.

Die Graphic Novel „Die Irrfahrt der St. Louis“ der Journalistin Sara Dellabella und des Zeichners Alessio Lo Manto behandelt den Teil der Reise bis nach Kuba. Sie steigt ein mit Sequenzen, die ohne Worte oder Erläuterungen auskommen. Beispielhalft werden die Reisevorbereitungen einiger Passagiere gezeigt, die ihr Hab und Gut versetzen, um die Überfahrt bezahlen zu können und die damit nicht nur ihre Heimat zurücklassen, um ihr Leben zu retten. Kapitän Gustav Schröder zeigt Mitgefühl und geht auf die Bitten und Wünsche seiner Passagiere ein – so lässt er im Ballsaal die Hitler-Porträts entfernen, damit dort der Shabatt gefeiert werden kann. Tatsächlich verläuft die Fahrt mitunter unbeschwert, man genießt die Annehmlichkeiten eines Passagierschiffes.
Nur der Matrose Hell entpuppt sich als Nazi und droht dem Kapitän offen ein ums andere Mal und greift auf perfide Aktionen zurück, indem er auf Nazi-Fahnen besteht oder direkt nach Disneys „Steamboat Willie“ im Bordkino zum Entsetzen der Zuschauer eine Wochenschau mit Säbelrasseln von Hitler und Mussolini zeigt – der Zweite Weltkrieg zeichnet sich hier schon ab. Auch die Folgeszene, in der Schröder Hell zur Rede stellt, ist ohne Text inszeniert und wird dadurch noch eindringlicher.
Mit dem Verlassen Havannas und der aufkeimenden Hoffnung, von den USA aufgenommen zu werden, endet die Handlung, in Textkästen wird schließlich das Schicksal der Passagiere und des mutigen Kapitäns geschildert. Der Comic-Teil ist eingerahmt von drei Vorworten. Außerdem kommt u. a. ein Überlebender und ehemaliger Passagier der St. Louis zu Wort, und auch die offizielle Bitte um Entschuldigung des kanadischen Premierministers Justin Trudeau von 2018 für die Einreiseverweigerung der Juden der St. Louis ist in Gänze abgedruckt.
Dieser Text erschien zuerst auf: Comicleser.de
Sara Dellabella (Autorin), Alessio Lo Manto (Zeichner): Die Irrfahrt der St. Louis • Aus dem Italienischen von Anja Kootz • Knesebeck, München 2026 • Hardcover • 112 Seiten • 24,00 Euro
Bernd Weigand ist schon über vier Jahrzehnte in Sachen Comics unterwegs: lesen, sammeln, übersetzen. Schreibt auch seit 20 Jahren über Comics, seit 2010 auf comicleser.de.

