Moebius hat die Grenzen der Science Fiction verschoben wie kaum ein anderer. Und nicht erst mit dem „Incal“. Seine Serie „Die hermetische Garage“ lässt dem psychedelischen Geist der 1970er Jahre freien Lauf. Eine Story aus diesem Zyklus ist erst in den 2000er Jahren erschienen. Zum ersten Mal kann man sie nun auf Deutsch lesen.
Diese Comicgeschichte ist chaotisch und geheimnisvoll. „Es handelt sich um einen Traum. Einzig und allein um einen Traum.“ So steht es gleich auf der ersten Seite. Durch eine fantastische Science-Fiction-Traumwelt unterwegs ist Major Grubert. Auf den ersten Blick eigentlich ein ganz gewöhnlicher Comic-Held. An einen Kolonialoffizier aus dem frühen 20. Jahrhundert erinnert er – imposanter Helm, akkurater Schnurrbart, schlanke Gestalt. „Die hermetische Garage“ heißt seine kosmische Dimension, und sie langweilt ihn: „Die Idee, einsame Ferien in einem Städtchen der hermetischen Garage zu verbringen, war eine einzige Katastrophe!“
Dieses Kaff, seine Spelunken und der endlose Wüstenhorizont verströmt für den Major eine „tödliche Langeweile“. Doch ein Kirschlikörchen bringt ihn wieder auf die Beine, macht ihn so alert, dass er auch sogleich ein galaktisches Mordkomplott gegen ihn aufdeckt. Ein Ausweg: Die Flucht zur guten alten Erde per Astroport. Oder noch besser: Eine Nachsteuerung, eine Art magische-hypnotische Traumtherapie, angeboten in einem Nachsteuerungs-Tempel von einer sogenannten Steuerfrau, mal im kleinen Schwarzen mit High Heels, mal im Domina-Outfit. Sie schickt den Major auf eine wilde Traumreise oder vielmehr eine Folge wilder morphologischer Wandlungen. Der Major ändert ständig die Gestalt, wird zu einem Fabelwesen mit gemusterten Tentakeln, die sich aus seinem Kopf und seinem Mund hervorwinden und ihn mit den verrücktesten organischen Traumgestalten verbinden.

„Ich fühle mich ganz seltsam. So als ob ich Tentakel hätte, acht Tentakel anstelle von Armen! Ich schwebe sanft in den durchsichtigen Tiefen der Wüste B.“ Doch die fantastischen Wandlungen sind eine Falle. Der Major soll im „hoffnungslosen Universum der unendlich verschachtelten Träume“ gefangen werden. Inklusive Verfolgung durch eine mörderische Horde riesiger Hasen. Doch so was macht man nicht mit Major Grubert!
„Schauen wir mal! Wenn ich eine Art internes ‚Abrutschen‘ zu meinem integrierten Portal vornehme und mich im NAGUAL-Modus verankere, ist meine psychomorphische Signatur neu konfiguriert! Hm! Sehr technisch das alles!“ Sehr technisch, das heißt, vollkommen verwirrend. Verwirrend und bedrohlich, bis zum letzten Satz, der sich an uns richtet: „Jetzt sind Sie dran mit einer Nachsteuerungssitzung!“
Die „Hermetische Garage – Jäger und Gejagter“ des französischen Comicmeisters Moebius ist eine Story aus einem ganzen Zyklus von Geschichten um Major Grubert, dessen Name – mal mit T, mal ohne – genauso wandelbar erscheint wie seine psychomorphe Gestalt. Ein verspielt-verrückter Comic-Ritt aus dem psychedelischen Geist der 1970er Jahre. Diesen Geist ließ Moebius in den 2000er Jahren wiederkehren. Und wieder zeigt sich, wie Moebius das gesamte Science-Fiction-Genre nicht nur im Comic geprägt hat – vor allem durch seine genialen Bildideen.

Die traumhaft-albtraumhaften Metamorphosen des Major Grubert sind von der Geschichte her rätselhaft und schwer zu verstehen, Moebius‘ Zeichnungen versteht man jedoch auf den ersten Blick. Sie sind treffsicher, präzise, sogar übersichtlich. Die Wüstenlandschaft, die Architektur, der Raum ist genauso wichtig wie die surrealen Figuren. Diese Zeichnungen sind noch im größten Chaos von einer unheimlichen Ordnung. Jedes Bild öffnet einen weiten Raum, der noch den größten Wirrwarr und den unheimlichsten Albtraum unheimlich echt macht und einen auf magische Weise in diese Bilder hineinzieht.
Moebius hat in seinem Leben die Wüste in Algerien und in Mexiko erlebt, sie hat ihn fasziniert und seine Kunst tief geprägt. Die „Wüste B“, von der Major Grubert spricht, war für Moebius eine Chiffre für den „Ort aller Verführungen“. In seinem großartigen Buch „Moebius Zeichenwelt“ erinnert Andreas Platthaus an eine Szenerie, die der junge Jean Giraud in Mexiko beobachtet hatte. Durch die offene Hintertür einer kleinen Raststätte sah Moebius wie in einem leuchtenden offenen Rahmen den Wüstenhorizont. „Ein absolutes Bild. Dort habe ich mein Bündnis mit dem Western geschlossen, mit der unendlichen Wüste und ihrem Zauber. Diese unerhörte Sensation, diesen Blitz, habe ich immer in meine Comics zu übertragen versucht.“ Für Andreas Platthaus ist die Horizontlinie der Wüste so etwas wie die Grundlinie zum Verständnis der Zeichenwelten von Moebius: „Wenn Moebius am meisten mitteilen wollte, dann reduzierte er seinen Strich auf jene Horizontlinie, die er in Mexiko entdeckt hatte.“ Auch in den Geschichten um Major Grubert spielen Wüstenlandschaften eine Hauptrolle, Moebius antwortet ihrer Leere mit der ganzen Freiheit zeichnerischer Fantasie. Doch sein virtuoser Strich malt die Wüste nicht aus, der geheimnisvolle Raum bleibt geheimnisvoll und gleichzeitig erfahrbar. Dieser Raum vermittelt eine Ahnung davon, wie es sich leben lässt im Chaos, im Unheimlichen und im Zauber jeder Welt, nicht nur in Traumwelten.
Moebius: Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter • Aus dem Französischen von Lilian Pithan • Avant-Verlag, Berlin 2026 • 64 Seiten • Hardcover • 30,00 Euro
Max Bauer ist Redakteur in der ARD-Rechtsredaktion und berichtet u.a. vom Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, vom Europäischen Gerichtshof in Luxemburg und vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Außerdem rezensiert er Comics für SWR Kultur.

