Der Sachcomic „Die Geschichte des Krimis“ baut Rezeptionsbarrieren ab und bietet Leseanreize in Hülle und Fülle.
Die Geschichte der Kriminalliteratur im zunehmend beliebten Medium des Sachcomics, das hat schon was. Die Szenaristin Claire Caland rauscht wie ein geölter Blitz durch die Geschichte des Genres, von mythologischen Urgründen bis fast heute. Die Zeichnerin Sandrine Kerion bebildert in schönster Ligne Claire-Manier eine gigantische Stoffmenge. Natürlich gilt auch für dieses Werk, was für alle ähnlichen Unternehmungen, egal, in welcher medialen Aufbereitung, gilt: Alles kann man nicht berücksichtigen, alles kann man nicht erwähnen.
Eine wirklich erschöpfenden „Geschichte der Kriminalliteratur“ gibt es nicht, vermutlich wird es sie auch nie geben. Denn der Gegenstandsbereich ist zu riesig, zu global, zu ausdifferenziert und insofern auch für SpezialistInnen schon lange nicht mehr völlig überschaubar. Literaturtheoretische Diskurse über Terminologie, Poetik und Ästhetik des Kriminalromans können in diesem Medium nicht stattfinden und müssen es auch nicht. Jegliches schlaumeierische und schulmeisterliche Genörgel, dass große Teile der Genre-Entwicklung fehlen, dass manche Namen nicht auftauchen, ist wohlfeil. Und jede Wertung ist angreifbar, aber so what. Insofern wäre es verfehlt, ausgerechnet von einem Sachcomic zu erwarten, was die Literaturwissenschaft und andere „disparate Archive“ (Nele Hoffmann) nicht vollbracht haben.

Aber: Calands und Kerions Werk hat einen Riesenvorteil. Es bietet Leseanreize in Hülle und Fülle. Das hat auch wesentlich mit der Feinarbeit auf der Bildebene zu tun. Die vereinigt nämlich Anekdotisches aus dem Leben wichtiger AutorInnen, zeichnet Stammbäume, setzt Traditionsbezüge in Diagramme um, porträtiert die Protagonisten, erlaubt sich Abschweifungen, denkt sich lustige Spiele aus, integriert Fußnoten und bibliographische Hinweise, gibt Lese-Tipps und erzeugt so einen Mehrwert, den gelehrte Prosa nicht zu bieten hat. Mit anderen Worten: „Die Geschichte des Krimis“ ist extrem unterhaltsam, amüsant und baut Rezeptionsbarrieren ab. Sie macht die Geschichte des Genres in der Tat lecker.
„Die Geschichte des Krimis“ ist deutlich ein französisches Produkt und bildet logischerweise sehr gut die französische Produktion und Rezeption ab – nicht unbedingt nur den französischen Markt. Und das ist gut so. Frankreich ist in Sachen Crime Fiction ein Schwergewicht, aber frankophone Kriminalliteratur hat es bei uns – bis auf wenige Ausnahmen (Simenon, Izzo, Fred Vargas, Grangé) sehr schwer, traditionellerweise. Für das Genre extrem wichtige Autoren wie Léo Malet, Jean-Patrick Manchette, Pierre Siniac, Hervé Le Corre, Olivier Norek usw. waren hier immer Minderheitenprogramme, nicht erst seitdem der unfassbare Herr Bannalec und seine unzähligen Klone die Rezeptionskanäle echter französischer Kriminalliteratur erst recht verstopft hat.
Bei Claire Caland wird man fündig – sie kennt sich aus. Deswegen kommen Namen wie Boris Vian, Frédéric Dard, Jean Vautrin, Didier Daeninckx & Co. bei ihr ins Spiel. Auch die Macher im Hintergrund werden behandelt: Vor allem Marcel Duhamel, der nicht nur die berühmte Serie Noir bei Gallimard aufgebaut, sondern u. a. Chester Himes nach Europa geholt hatte, François Guérif, das Hirn hinter Payot/Rivage wird ebenso gewürdigt wie sein Nachfolger Patrick Raynal. Also Leute, die für eine spezifische, profilierte Krimi-Kultur prägend waren. Und dass Claland selbst die auf Französisch schreibenden Schwestern Tran-Nhut aus Vietnam auf dem Schirm hat, freut mich persönlich besonders (ich hatte ein oder zwei Bücher von ihnen bei metro). Und auch dass der Belgier Stanislas-André Steeman seinen Auftritt hat, kann man gar nicht genug loben.

Die französische Perspektive hat auch den Vorteil, dass sie das Genre konsequent multimedial denkt. Und zwar grundsätzlich. Film und Graphic Novel werden immer mitgedacht. Das lenkt die Aufmerksamkeit auf große Dialogschreiber, etwa Michel Audiard, der für unzählige französische Gangsterfilme gearbeitet hat, denkt Autorinnen wie Leigh Brackett mit, desgleichen Filmemacherinnen wie Ida Lupino oder Vera Caspary. Dass Hitchcock oder Jacques Tardi, Fincher und Tarantino eine Rolle spielen, ist selbstverständlich, genauso wie Jim Thompson und Bernard Tavernier.
Bemerkenswert auch, dass Caland und Kerion sich intensiv um Japan kümmern, besonders um die Manga-Kultur, bei der es bei uns kaum Synergieeffekte zwischen Text und Bild gibt. Und Deutschland? Na ja, Süskind ist natürlich erwähnt, sonst aber nur „Derrick“ und „Tatort“ und Leonie Swann mit ihren Schaf-Krimis. Vermutlich ist diese Lücke aber auch ganz okay und erspart uns Peinlichkeiten wie Fitzek, Kutscher & Co. Aber wie gesagt: Alles kann man nicht erwarten, alles kann man nicht erwähnen. Lateinamerika, Afrika, Australien (bis auf Arthur W. Upfields „Bony“-Romane), Osteuropa, die Türkei bleiben weitgehend außen vor, der Polit-Thriller weitgehend unbeachtet.
Die deutschen Redakteure Sven Jachmann und Martin Budde liefern zum Ausgleich einen sehr anständigen und soliden Anhang für unsere Verhältnisse, nur den Hinweis auf das verheerende, glücklicherweise schnell wieder vom Markt verschwundene „Reclams Krimi-Lexikon“ (von 2002) hätte nicht passieren dürfen, aber nu… All at all ist „Die Geschichte des Krimis“ ein extrem vergnügliches Bilderbuch, strotzend vor Anregungen, ein ideales Einsteigerteil, eine sehr nützliche Mine und Quelle für nicht mehr Präsentes, das vor allem die Vielfalt, den intellektuellen und ästhetischen Status des Genres sichtbar und sinnlich erfassbar macht. Well done.
Dieser Beitrag erschien zuerst am 01.04.2026 auf: CulturMag
Claire Caland (Autorin), Sandrine Kerion (Zeichnerin): Die Geschichte des Krimis • Aus dem Französischen von Harald Sachse • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 216 Seiten • Hardcover • 29,80 Euro
Thomas Wörtche, geboren 1954. Kritiker, Publizist, Literaturwissenschaftler. Beschäftigt sich für Print, Online und Radio mit Büchern, Bildern und Musik, schwerpunktmäßig mit internationaler crime fiction in allen medialen Formen, und mit Literatur aus Lateinamerika, Asien, Afrika und Australien/Ozeanien. Mitglied der Jury des „Weltempfängers“ und anderer Jurys. Er gibt zurzeit das Online-Feuilleton CULTURMAG/CrimeMag und ein eigenes Krimi-Programm bei Suhrkamp heraus. Lebt und arbeitet in Berlin.

