Noir-Poesie und barocker Minimalismus – José Muñoz im Cartoonmuseum Basel

Grimmig, aber nicht ohne Hoffnung: Im Cartoonmuseum Basel ist bis zum 21. Juni 2026 eine große Retrospektive von José Muñoz zu sehen.

Alack Sinner schläft schlecht: Sein aktueller Fall verfolgt ihn bis in die Träume. Die Beteiligten marschieren zweireihig, nebeneinander und hintereinander auf den Comicdetektiv zu. Leblos wie Zombies schauen sie drein und gleichzeitig vorwurfsvoll, bohrend. Ihre Arme strecken sie hoch – wie zum Protest oder in stiller Kapitulation? Ihre Hände sind gefesselt. Sie stecken in Handschellen.

Der albtraumhafte Aufmarsch beunruhigt nicht allein Sinner, sondern wahrscheinlich auch Besuchende der großartigen José-Muñoz-Retrospektive „Broken Voices“ im Cartoonmuseum Basel. Dort im ersten Saal hängt die Originalseite und verbreitet grafisch Unbehagen. Muñoz nutzt bei der Reihe „Alack Sinner“ spektakulär die Kraft der Schwärze und die Härte des Kontrasts. Keine Farben, kein Grau vermittelt zwischen schwarzen und weißen Flächen. Wenn Blicke seiner Figuren stechen wie Dolche, wirkt das fast aufdringlich.

Alack Sinners Fälle erscheinen von 1975 bis 2006. Viermal werden die Reihe und Muñoz’ Kunst auf Europas wichtigstem Comicfestival in Angoulême ausgezeichnet. 2002 erhält er einen deutschen Max-und-Moritz-Sonderpreis für sein Lebenswerk, in dem „Alack Sinner“ eine zentrale Position einnimmt. Zunächst orientiert sich die Figur des Privatdetektivs stark an klassischen US-Vorbildern: Sinner quittiert den Polizeidienst in New York, um der rassistischen Willkür und Brutalität seiner korrupten Kollegen zu entkommen. Zwischen trübem Glanz und Gewalt durchwatet er den großstädtischen Schlamm fortan als Privatdetektiv – grimmig, aber mit leiser Hoffnung auf ein Fünkchen mehr Gerechtigkeit für Unterprivilegierte.

In „Viet Blues“ (1975), der Story mit dem Albtraum, versucht Sinner dem schwarzen Vietnam-Rückkehrer John Smith III. zu helfen. Der Musiker ist traumatisiert, hängt an der Nadel und verliert auch noch seine Frau. Sie wird ermordet. Da kann Sinner – seiner rauen Schale zum Trotz – nicht anders: Er legt sich ins Zeug für den vom Schicksal Gebeutelten. In der Art laufen die frühen Sinner-Storys ab. Doch bald wandelt sich ihr Charakter und Sinners Rolle. Er wird vom handelnden Ermittler zum Beobachter, während fremde Personen ihre Geschichten ausbreiten. Immer wieder dienen historische Geschehnisse wie die Kriege in Vietnam und im Irak, der politische Nicargua-Schlamassel oder 9/11 als Teile der Kulisse. Die bissigen Noir-Krimis entwickeln sich zum kritischen Spiegel ihrer Zeit. Parallel stellt Muñoz seine Figuren, die er anfangs realistisch zeichnet, zunehmend expressionistisch dar. Konstant bleibt die intensive Grafik mit meisterlichem Einsatz von Schwärze und Kontrasten.

Ab 1981 übernimmt Muñoz das kompromisslose Schwarzweiß-Konzept in eine zweite Comicreihe mit Kurzgeschichten, den „Bar“-Zyklus (auf Deutsch: „Joe’s Bar“). „Damals steckten wir mit Alack Sinner in einer emotionalen Blockade“, erzählt Muñoz. Andererseits ist Sinner der Anknüpfpunkt: „Joe’s Bar“ ist seine Stammkneipe, und er legt ein paar Gastauftritte in der neuen Reihe hin. Sie besteht aus Episoden mit wechselnden Hauptfiguren – Regisseuren, Killern, Einwanderern, Normalos… „Joe’s Bar“ ersäuft manchmal fast im dichten, regen Treiben, im Gewirr der Gespräche, Gedanken, Geräusche und der Begleitmusik. Parallel erreicht Muñoz’ expressionistische Darstellung der Figuren ein Höhepunkt. Sie wirken teils wie Zerrbilder, wie kunstvollen Horrorfilmen entsprungen. Auch ihren Geschichten, die nicht allein in der Kaschemme spielen, wohnt oft ein gewisser Horror inne.

Die Storys für “Joe’s Bar“ schreibt – wie schon bei „Alack Sinner“ – Carlos Sampayo. Er und Muñoz lernen sich in Europa kennen, nachdem beide Anfang der 1970er wegen der politischen Umstände ihre Heimat Argentinien verlassen haben. Dort wird Muñoz 1942 in der Hauptstadt Buenos Aires geboren. Er studiert an der „Escuela Panamericana de Arte“, wo berühmte Künstler wie Héctor Oesterheld, Alberto Breccia und Hugo Pratt zu seinen Lehrmeistern zählen. Als Assistent von Francisco Solano López wirkt er erstmals an Comics mit, die Héctor Oesterheld geschrieben hat und in Magazinen wie „Hora Cero“ und „Frontera“ erscheinen. Ab 1963 schreibt und zeichnet Muñoz seine ersten eigene Comics, eine Detektivserie. Der künstlerische Durchbruch gelingt aber erst in Europa mit „Alack Sinner“.

Auf ihn und den „Bar“-Zyklus folgen einige weitere Comics wie etwa die preisgekrönte Biografie der Sängerin Billie Holiday – ebenfalls eine Kooperationen mit Sampayo. Weniger bekannt ist Muñoz’ breites malerisches Werk. Im Museum erzählt er von dem Schlüsselmoment, in dem er der grafischen Kunst verfiel: Als zehn Jahre alter Junge habe er in einem Lexikon die Reproduktion eines van Gogh Gemäldes entdeckt: „Plötzlich habe ich erkannt, dass man mit Punkten und Strichen tatsächlich Bewegung festhalten, ausdrücken und erzeugen kann.“ Später inspiriert ihn auch der Japaner Katsushika Hokusai – der mit der berühmten Welle.

Der Ausstellungssaal mit Muñoz’ kleinformatigen Landschaften in Farbe fühlt sich nach den eher düsteren Comics sehr weich, friedlich und behaglich an. Ein sanftes Lüftchen scheint hier zu gehen, das den Duft von Wiesen und Blumen, das Rauschen des Windes in den Blättern und das Zwitschern von Vögeln hineinweht. Reine Illusion… Woanders sind Filmplakate, Buchcover und leicht verspielte Buchillustrationen mit gemusterten Flächen zu sehen. Die vierte große Gruppe bilden schöne Porträts, die sich auf zwei Säle verteilen. In einem zeigen sie Personen aus Muñoz’ Erinnerung an die verlorene Heimat Argentinien. „Sie leben noch immer in mir“, sagt er. Der letzte Saal präsentiert jüngere Porträts von Musikerinnen und Musikern.

Speziell bei Muñoz’ Porträts reichen sich Malerei und Comickunst die Hand. „Dass es zwischen beiden eine Trennung gibt, war für mich immer schwer zu verstehen“, sagt er. Schon während der Studienzeit habe ihn dieser angebliche Unterschied beschäftigt. Eine Konstruktion, wie nicht nur die Ausstellung „Broken Voices“ beweist. Dort treten José Muñoz und Carlos Sampayo sogar selbst einmal als Comicfiguren auf: Sie spielen 1975 in der „Alack Sinner“-Geschichte „Das Leben ist kein Comic, Baby…“ mit. Da war Muñoz selbstverständlich deutlich jünger als heute, seine Haare dunkler und länger. Ganz untypisch für den Comic haben sie auch ihrem Detektiv Sinner das Altern nicht erspart: Von Folge zu Folge graben sich die Furchen tiefer in sein Granitgesicht. Alack Sinner bekommt einen Bauch und wird ein bisschen milder. Zu lachen fällt ihm aber schwer bis zum letzten Fall.

José Muñoz: „Broken Voices“,
Cartoonmuseum Basel, St. Alban-Vorstadt 28, Basel.
Bis 21. Juni 2026, Di bis So 11-17 Uhr.

Im Avant-Verlag sind auf Deutsch Gesamtausgaben von „Alack Sinner“ (2019) und „Joe’s Bar“ (2025) erschienen.

Jürgen Schickinger hat seine ersten Artikel über Comics im Jahr 1981 für das Fachmagazin „Comic Art“ geschrieben. Danach folgte ein Studium, das er zu einem guten Teil mit dem Verkauf von Comics auf Flohmärkten finanziert hat. Zwangsläufig wuchs dabei die eigene Sammlung. In dieser Zeit sind auch weitere Comic-Artikel von ihm in verschiedenen Fanzines und Büchern erschienen. Nebenher hat er einige Jahre im Fachhandel gejobbt. Seit 1999 betreut er für die Badische Zeitung in Freiburg als freier Autor unter anderem das Themengebiet Comics, Graphic Novels, Cartoons und verwandte Grafik. 

Fotos oben © Cartoonmuseum Basel