Erst hard boiled, dann Noir-Poesie – „Alack Sinner“

Wer Schwarz-Weiß-Comics liebt, kommt nicht um Argentinien herum. Einer der wichtigsten Vertreter der Szene, die sich dort ab den Fünfzigern herausbildete, war der Szenarist Héctor Oesterheld, der 1978 im Auftrag der damals herrschenden Junta verschleppt und ermordet wurde.

Für den jungen Hugo Pratt, der aus Italien übergesiedelt war, schrieb er den Frühwestern „Ticonderoga“, für Francisco Solano López das düstere Science-Fiction-Epos „El Eternauta“ (beide 1957–1959). Auch der geniale, experimentierfreudige Zeichner Alberto Breccia war Argentinier; von ihm sind auf Deutsch „Eternauta 69“ und ein Band mit Lovecraft-Adaptionen aus den Siebzigern erhältlich.

Carlos Sampayo (Autor), José Muñoz (Zeichner): „Alack Sinner“.
Aus dem Spanischen von André Höchemer. Avant-Verlag, Berlin 2019. 704 Seiten. 49 Euro

Alle genannten Comics sind in den vergangenen Jahren beim Avant-Verlag erschienen, der nun ein weiteres, unentbehrliches Meisterstück argentinischer Provenienz präsentiert. „Alack Sinner“ ist allerdings im Exil entstanden, in Italien und Frankreich. Als Carlos Sampayo und José Muňoz 1975 mit der Serie begannen, war es ihnen unmöglich, in ihrer Heimat zu arbeiten.

Immer neue politische Episoden

Bis 2006 fügten sie neue Episoden hinzu, die stets zu ihrer Publikationszeit spielen und oft mit jeweils aktuellen politischen Ereignissen verknüpft sind: vom Vietnamkrieg über die Nicaragua-Politik der USA in den Achtzigern und den ersten Irakkrieg 1990 bis zu den 9/11-Anschlägen.

Alack Sinner, der New Yorker Privatdetektiv, ist zunächst ein kräftiger Mann in den besten Jahren; später bekommt er einen Bauch, immer mehr Falten im Gesicht und eine Lesebrille; am Ende ist er Großvater. Anders als sonst in Serien steht die Zeit nicht still; sie vergeht wie im wirklichen Leben. Aber nicht nur Sinner verändert sich; mit ihm verändern sich im Laufe der Jahre seine Schöpfer, die immer selbstständiger und kühner agieren.

Die frühen, an amerikanischen Zeitungsstrips geschulten Zeichnungen von Muňoz sind noch recht akkurat-realistisch, während Sampayo versucht, in die großen Fußstapfen von Raymond Chandler und Ross Macdonald zu treten.

Der Auftrag wird in Hard-Boiled-Manier geklärt

Das ist ordentlich gemacht, in jeglicher Hinsicht, aber noch etwas epigonal. In „Der Fall Webster“ wird der Chef einer Werbeagentur von Unbekannten bedroht; in „Fillmore“ liegt eine junge, reiche Erbin mit ihren Eltern im Clinch; in „Er, dessen Güte grenzenlos ist“ herrscht Unordnung in einer sehr frommen Pastorenfamilie. Das Schema ist klar: Sinner erhält einen Auftrag, der sich zum Mordfall auswächst und von ihm in bewährter Hard-Boiled-Manier geklärt wird.

Mit diesem routinierten Durchspielen von Genreregeln ist bald jedoch Schluss. Eine lange, ursprünglich 1984 veröffentlichte Geschichte trägt den signifikanten Titel „Begegnungen“. In ihr geht es um Leute, auf die Sinner trifft, teilweise auf einer Reise, und um Geschehnisse, in die er eher zufällig verwickelt wird. Vom Handelnden wird er zum Beobachter, zu einem, der sich treiben lässt. Anstelle der Spannungsdramaturgie tritt ein episodisches, elliptisches Erzählen, das alle Eindeutigkeiten verabschiedet.

Seite aus „Alack Sinner“ (Avant-Verlag)

Auch wenn Sampayo sich, wie später in „Nicaragua“ und „Der Fall USA“, dem Genre des Polit-Thrillers annähert, bleibt es bei dieser Gewichtung: Die eigentliche Kriminalhandlung bleibt bewusst bruchstückhaft; sie ist weniger bedeutend als die Schilderung der Figuren und der Welt, in der sie leben.

Keine hervorgehobene Position für Alack Sinner

Schlüssig ist daher, dass Muňoz Sinner visuell gerne die hervorgehobene Position verweigert, die ihm als Hauptfigur eigentlich zukäme. Dies gilt sogar in dramatischen Momenten, etwa wenn Sinner mit seiner Schwester spricht, die Opfer einer Vergewaltigung geworden ist.

Die Szene findet auf der Straße statt, aber in einem großformatigen Panel sind die Sprechenden nur im Hintergrund zu sehen, während Vorder- und Mittelgrund von sieben Passanten bevölkert sind, deren groteske Physiognomien zeigen, welches Vergnügen Muňoz an karikaturistisch zugespitzter Darstellung, speziell von Gesichtern, hat. Manchmal erlauben Denk- oder Sprechblasen auch einen ganz kurzen Einblick in das Innere solcher Statisten: Sinner ist in der großen Stadt letztlich bloß einer von Millionen; viele Schicksale weben neben dem seinen.

In der Farbgestaltung verzichtet Muňoz völlig auf Grautöne, setzt ganz auf den harten Kontrast von Schwarz und Weiß. Das ist nicht ungewöhnlich, wohl aber, wie viel Raum er dem Schwarz öfter gibt. So zeigt eine Doppelseite, wie Alack Sinner mit Enfer, seiner afroamerikanischen Freundin, schläft. Obwohl es in dem Zimmer höchstens halbdunkel ist, dominiert völlig das Schwarz; weiß sind nur die Körperkonturen und einige gezielt hervorgehobene Details.

Film-Noir-Poesie

Solche Bilder erinnern ein wenig an Fotonegative, haben aber nichts Geisterhaftes, sondern eine ganz eigene Film-Noir-Poesie. Muňoz kreiert einen barocken Minimalismus, in dem Reduktion und Verspieltheit keine Gegensätze bilden, sondern miteinander harmonieren.

Der 700 Seiten starke Band enthält alle Sinner-Geschichten. Bedauern muss man das im Vergleich zu den großzügig angelegten französischen Erstausgaben deutlich verkleinerte Format ebenso wie das Fehlen eines Vor- oder Nachwortes, das die Serie ästhetisch und historisch verortet. Aber das sind nur kleinere Mängel – die Freude darüber, dass dieser Meilenstein der Comic-Moderne zum ersten Mal komplett auf Deutsch vorliegt, können sie nicht mindern.

Diese Kritik erschien zuerst am 14.01.2020 in der taz.

Christoph Haas lebt im äußersten Südosten Deutschlands und schreibt gerne über Comics, für die Süddeutsche Zeitung, die TAZ, den Tagesspiegel und die Passauer Neue Presse.

Seite aus „Alack Sinner“ (Avant-Verlag)