Trumps USA, SF-Epen und Serienmörder-Soziogramme

Alison Bechdel zeigt, wie sich als queerer Mensch ein Leben in rechten Zeiten anfühlt, Philippe Cazas „Die Welt von Arkadi“ erscheint erstmals komplett, und gleich zwei Serienkiller-Comics verraten viel über das Jahrzehnt, in dem sie spielen. Eindrucksvolle, liebenswerte, diskutable Phantastik-Comics der letzten Monate.

Caza: Die Welt von Arkadi

In diesem Jahr feiert der Splitter Verlag 20-jähriges Jubiläum, und aus diesem Anlass werden die limitierten 10-Jahre-Splitter-Jubibände, die seitdem im Halbjahrestakt erschienen, von einer neuen „Staffel“ abgelöst. Die kommt noch eine Spur edler daher mit einheitlichem Leinenrücken und großformatiger Cover-Präsentation (die bei den Vorgängern zugunsten der verlagseigenen Reihengestaltung noch verkleinert ausfiel). Man rühmt diesmal also weniger sich selbst als die verlagsrepräsentativen Künstler*innen und hat mit dem französischen Phantastik-Maestro Philippe Caza (der kürzlich schon die alte Jubiläums-Reihe beendete) auch buchstäblich ein Schwergewicht ausgewählt. Zehn Alben umfasst dessen Epos „Die Welt von Arkadi“, was kumuliert mit Vor- und Nachwort sowie ein paar Illustrationen einen über 500-seitigen Trumm ergibt. Damit liegt diese 1989 gestartete SF-Fantasy-Odyssee, an der Caza 20 Jahre lang gearbeitet hat, erstmals vollständig in deutscher Übersetzung vor, deren Editiongeschichte nicht unkompliziert war, weil sich auch innerhalb der Serie der Wandel der europäischen Comic-Kolorierungstechnik niederschlug: Die ersten sechs Alben wurden von Caza und seiner Mitarbeiterin Scarlett Smulkowski noch traditionell koloriert, die weiteren vier hingegen digital. Die vorliegende Ausgabe verdankt sich einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne des Humanoids Verlags aus dem Jahr 2024, mit deren Hilfe eine komplexe Restaurierung der Seiten unter Aufsicht Cazas finanziert werden konnte. So wurde dank des Einsatzes der Fans wieder mal ein Stück europäischer Genre-Comicgeschichte gerettet, und auch das beste, herrlich existenzialistische Kapitel, das sich komplett im Innern eines gigantischen Wals abspielt, bleibt uns hiermit schöner denn je erhalten.

Caza: Die Welt von Arkadi • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • Hardcover • 528 Seiten • 99,80 Euro

Alison Bechdel: Kaputt

Nachrichten aus der Prä-Apokalypse: Alison Bechdel zeigt diesmal nicht nur ihre, sondern US-amerikanische Seelenzustände – am Beispiel liberaler Babyboomer: ihrer eigenen Peergroup, deren Kinder und zahlreicher Figuren aus ihrem „Dykes to Watch Out For“-Kosmos. In ihrer autofiktionalen Graphic Novel „Kaputt“ tummeln sich Figuren, auf die MAGA-Faschisten mit Schaum vorm Mund herabblicken und allein aufgrund ihrer Existenz „Woke!“ gen Himmel oder Führer schreien würden. Wie lebt es sich als queerer Mensch in einem Land, dessen zukünftiger Präsident den autokratischen Umbau durchsetzen und einen Bürgerkrieg provozieren könnte? Wie funktioniert diese ominöse „Spaltung“, die alle nachbeten, um von rechten Machtinteressen zu schweigen? Wie dringt also die Makro- in die Mikroebene? Bechdel liest Marx und will einen Comic über die destruktiven Kräfte des Kapitalismus zeichnen; wir halten ihn gewissermaßen in der Hand, die Kapitelüberschriften sind aus dem „Kapital“ übernommen. Aber hier ist nichts abstrakt.

Bechdel lebt mit ihrer Partnerin Holly Rae Taylor auf dem gemeinsamen Zwergziegen-Gnadenhof in Vermont, Rückzug ins Idyll nach jahrzehntelangen sozialen Kämpfen. Mit über 60 ist langsam die Puste ausgegangen – obwohl so ein Satz sowohl Bechdels Situation als auch ihre Methodik in diesem Comic nur unzulänglich beschreibt. Liegt es vielleicht auch am zumindest ausreichenden finanziellen Polster, dass die Puste ausgeht? Im Modus ständiger indirekter Selbstbefragung entfaltet Bechdel mit viel Humor und (Selbst-)Ironie den Doppelcharakter eines idealistischen Lebens unter kapitalistischen Bedingungen – wenn ein kleiner linker Buchverlag für eine Veröffentlichung anfragt, sie sich aber für das Geld eines großen Players entscheiden muss; wenn die immer bekloppteren Wendungen der (fiktiven) Netflix-Serie zu ihrem Bestseller „Fun Home“ sie dazu antreiben, mit einem eigenen Pitch das Ruder rumzureißen, der nur müde belächelt wird; wenn ihre Partnerin mit einem Gnadenhof-Insta-Kanal Bechdels Popularität zu überflügeln scheint, was sie insgeheim ziemlich neidisch macht.

Im Fokus steht mehr aber noch der herzliche Blick auf das teils herrlich schrullige Leben der queeren alternden Land-Community und wie sie sich unterm spürbaren Druck der Faschisierung – und es sind noch die Corona-Jahre unter Biden, aber in den Nachrichten und Gesprächen ist die Hetze der Republikaner allgegenwärtig – selbst behauptet. „Kaputt“ lässt keinen Zweifel daran, dass Hoffnungslosigkeit der schlechteste Garant für die Zukunft ist.

Alison Bechdel: Kaputt • Reprodukt, Berlin 2026 • 272 Seiten • Hardcover • 24,00 Euro

Laurent Hopman, Renaud Roche: George Lucas – Episode 2

Der zweite Teil der Comic-Trilogie um George Lucas‘ „Star Wars“-Trilogie (nach „Der lange Weg zu Stars Wars“). Sechsstellige Verkaufszahlen in Frankreich sind auch für eine Comicbiografie mit einem solch dauergefragten Thema außerordentlich. Aber die Inszenierung ist auch allemal geschickt: Laurent Hopman und Renaud Roche zeigen Lucas als sozial manchmal neben sich stehenden Nerd, der seine Vision gegen alle Widerstände durchzusetzen versteht – eine Quest also, die im ersten Band, mit den Entscheidern in den Studiobüros als Opponenten, zur Erfolgsgeschichte wurde und sich im zweiten fortsetzt. Geblieben ist die Missgunst der Studio-Vertreter, die sich ihre Fehlentscheidung schmallippig eingestehen müssen und darum auch dem Sequel nicht wohlgesinnt sind. Für Lucas ist der Erfolgsdruck nicht geringer, weil er diesmal die Finanzierung größtenteils selbst übernimmt, und es zeugt von gutem Erzählhandwerk, wie spannend Hopman und Roche die teils katastrophale Produktionsgeschichte des Films behandeln, deren guter Ausgang (der dem ökonomischen Konzept des Blockbuster das Fundament lieferte) eigentlich längst bekannt ist, zumal hier nochmals die Spätphase Hollywoods nähergebracht wird, in der Probleme am Set nicht mit dem Rechner gelöst werden konnten. Die brutalen Dreharbeiten in den eisigen Temperaturen Norwegens rufen eine in die Ästhetik übertragene Körperlichkeit des Kinos in Erinnerung, wie wir sie in diesem Überfluss wohl nie wieder erleben werden.

Laurent Hopman, Renaud Roche: George Lucas – Episode 2 • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • Hardcover • 208 Seiten • 29,80 Euro

Daria Schmitt: Der Totenkopf aus Schweden

Schon „Das Traumbestiarium des Mr. Providence“, die erste deutsche Veröffentlichung der französischen Zeichnerin Daria Schmitt, war ein fantastisch gezeichnetes Spiel mit den Lovecraft-Mythen, die sich gegen den Einbruch der Moderne beweisen mussten – sehr lustig, weil dieser Einbruch sich vor allem im Marketing-Jargon der Protagonisten offenbarte. Um Mythos und Moderne geht es auch in ihrem Folgewerk „Der Totenkopf aus Schweden“, bei dem es sich um den Schädel René Descartes’ handelt. Der steht, sichtlich verwirrt und quicklebendig, als Ausstellungsobjekt im Naturkundemuseum und muss außerhalb der Besuchszeiten den anderen Wirbeltiere-Exponaten Rede und Antwort stehen, die einerseits wissen wollen, was den Aufklärer denn so besonders macht, und ihm andererseits seine Tiermaschinen-Theorie mächtig übel nehmen. Vergnügliche Philosophiegeschichte neben der Spur, im 20-seitigen Anhang dann mit gebotenem Ernst.

Daria Schmitt: Der Totenkopf aus Schweden • Splitter Verlag 2026 • 120 Seiten • Hardcover • 25,00 Euro

Ully Arndt: Der goldene Handschuh Band 1

Nach der Verfilmung von Fatih Akin wurde Heinz Strunks True-Crime-Serienkiller-Bestseller nun auch als Comic adaptiert – ein Stoff, den man nicht unbedingt vom Ottifanten- und „Playboy“-Altherrenwitze-Zeichner Ully Arndt erwartet hätte. Der hat seinen Stil völlig umgekrempelt und suhlt sich in einer Verfallsästhetik, als ob Guido Sieber es noch mal wissen wollte. Aufgedunsene Leiber, Detailaufnahmen hervorquellender, blutunterlaufener Augen, vom Alkohol zerschundenener Visagen und Zähne, aufgerissener Münder mit belegten, glibbrigen Zungen, die Wohnungen und Kneipen voll mit Rauchschwaden, Eckes Edelkirsch, NS-Nostalgie – irgendwie schlagerhaft und von Sozialromantik und Milieupornos so weit entfernt wie Strunk von Charlotte Link. Arndt setzt auf den Zeitkolorit der Vorlage, dem auch der Film treu nacheiferte: In den Bildern hat sich der Muff der alten BRD festgesetzt. Keine Frage, das ist auf jeder Seite stimmig, aber Kontroversen wie die exzessiv-dokumentarische Härte des Films wird diese Drittauswertung nicht mehr anstoßen.

Ully Arndt: Der goldene Handschuh Band 1 • Carlsen, Hamburg 2026 • 114 Seiten • Flexcover • 20,00 Euro

Teresa Valero: Contrapaso Band 2

Im Vergleich folgt die Spanierin Teresa Valero in ihrer Serienkiller-Erzählung „Contrapaso“, die 2022 für den Max-und-Moritz-Preis nominiert war, einem facettenreicheren Konzept. Die Story spielt im Madrid der 1950er-Jahre. Der Mörder wütet sich also durch franquistische Zeiten, und diese gesellschaftliche Atmosphäre ist bei den Ermittlungen zweier gegensätzlicher Zeitungsreporter einer Madrider Tageszeitung – der eine jung, ehrgeizig und kürzlich aus Paris zurückgekehrt, der andere ein verbitterter Falangist, der sich von Francos Diktatur längst abgewandt hat – ständig spürbar. Zwar ist das Setting fiktiv, doch gingen ihm lange Recherchen voraus, die sich in den üppigen animationsfilmerprobten Zeichnungen Valeros, die von feinen Details wimmeln, zu einem wahren Zeitdokument verdichten. Im ersten Teil lieferten das „Euthanasie“-Programm und die Menschenexperimente der Nazis die Stoßrichtung der Ereignisse, im zweiten ist es der Filz aus Filmindustrie, Zensurbehörden und Schattenwirtschaft. Dass diese harte Story sogar kurze Momente der Komik zulässt, wie sie ohnehin eine große Variabilität der Töne auszeichnet, ist nur ein weiterer Baustein ihrer bemerkenswerten Substanz.

Teresa Valero: Contrapaso. Band 2: Für Erwachsene, mit Vorbehalt • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 192 Seiten • Hardcover • 35,00 Euro

Sandrine Kerion, Claire Caland: Geschichte des Krimis

Das Konzept dieses Sachcomics wurde augenscheinlich von der 2021 erschienenen „Geschichte der Science Fiction“ übernommen: ein chronologisch aufbereiteter Ritt durch die Geschichte des Genres mit Autor*innen, deren Werk, szenisch aufbereitet, rekapituliert, oft im Biografischen erörtert und um Querverweise in die Film-, seltener in die Comicgeschichte ergänzt wird. Das sieht abwechslungsreich aus, ist durchaus erschlagend in seiner Gesamtheit, aber recht wikipedianisch im Detail, weil uns die Künstlerinnen nicht mit Theorie behelligen wollen und analytische Schlüsse abseits der Publikationshistorie(n) meiden. Gesellschaftliche Entwicklungen sind allenfalls ein in zwei Sätzen abgehandeltes Raunen im Hintergrund. Verbindungen zum Horror werden etwa an den Beispielen Poe, Hitchcock, Stephen King und dem in den 80ern losgetretenen Serienkiller-Hype registriert.

Sandrine Kerion, Claire Caland: Geschichte des Krimis • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 216 Seiten • Hardcover • 29,80 Euro

Darcy van Poelgeest, Ian Bertram: Precious Metal

„Precoius Metal“ ist das Prequel zum SF-Comic „Little Bird“, der 2020 mit dem Eisner Award für die beste Mini-Serie ausgezeichnet wurde. 35 Jahre vor der Hauptstory einsetzend, führt die Geschichte in ein dystopisches Amerika, in dem anscheinend evangelikale Ableger das Sagen haben. Hauptfigur Max Weaver arbeitet als Tracker, der genetisch manipulierte Menschen jagt und bei seinem jüngsten Auftrag auf ein Kind angesetzt wird, dessen Fähigkeiten für die Zukunft der Welt von entscheidender Bedeutung sind, weswegen eine religiöse Sekte ebenfalls hinter ihm her ist. Der Trumpf liegt nicht in der verschachtelten Story, die ständig Bilder der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einander ablösen lässt, um den Blick auf die beanspruchten Vorbilder zu vernebeln, sondern in den Zeichnungen von Ian Bertram, die in teils doppelseitigen apokalyptischen Wimmelbildern eine surrealistische Note aufweisen und sich zu einer regelrechten futuristisch überformten Raserei des Abjekten steigern.

Darcy van Poelgeest, Ian Bertram: Precious Metal • Cross Cult, Ludwigsburg 2026 • 320 Seiten • Hardcover • 35,00 Euro

Gou Tanabe: Das Unsagbare

Die Lovecraft-Adaptionen von Gou Tanabe gehören zu den schönsten, die der Comic zu bieten hat. Und der Mangaka scheint erst dann zu ruhen, wenn er Lovecrafts gesamte Kosmologie des Grauens ins Bild gesetzt hat: Die vorliegende Kurzgeschichten-Sammlung ist bereits die elfte HPL-Edition (die sich im Einzelnen noch mal auf drei, vier Bände aufteilen kann, etwa bei „Berge des Wahnsinns“ oder „Das Grauen von Dunwich“, dann sprechen wir bereits von 18 Büchern, die wir Providence verdanken). Diese Anthologie wartet mit kleineren Stimmungsübungen („Der schreckliche alte Mann“, „Das seltsame Haus hoch oben im Nebel“) und Kanonisiertem („Die Aussage des Randolph Carter“) auf; letztere ergibt zusammen mit der Titelgeschichte und der Fantasy-Story „Der silberne Schlüssel“ einen kleinen Randolph-Carter-Zyklus, in dem das Motiv Träume, die sich bei Lovecraft meist als physische Reisen zu monströsen Gottgestalten erweisen, durcherzählt wird.

Gou Tanabe: Das Unsagbare und andere Geschichten • Carlsen, Hamburg 2026 • 276 Seiten • Softcover • 20,00 Euro

Helen McCarthy: Manga! Der definitive Guide

Der Titel kommt natürlich großspurig daher; im Original wird das Buch gar zur Bibel erklärt, darunter macht man’s heutzutage wohl nicht mehr. Doch tatsächlich gelingt der in England lebenden Manga-Expertin Helen McCarthy, die bereits über ein Dutzend Bücher – darunter erste Grundlagenwerke und als Co-Autorin die „Anime Encyclopedia“ – zum Thema geschrieben hat, eine sehr lesenswerte, kompakte Abhandlung zum japanischen Comic, die als Einführung zukünftig gute Dienste leisten wird. McCarthy verbindet formalästhetische Aspekte mit soziohistorischen, ökonomischen und technologischen Entwicklungen, beleuchtet mit diesem Rüstzeug sowohl Motive und Genres (Science Fiction, Horror, Rollenwechsel der Geschlechter usw.) als auch den Kulturbetrieb und das Fandom drumherum. Pointiert, hellsichtig und weit entfernt von den hiesigen Anhängern des Buchhalter-Positivismus, die sich erst nach der Klärung, wer wann mit wem wieso und womit einen Comic gezeichnet hat, beruhigt schlafen legen können.

Helen McCarthy: Manga! Der definitive Guide • Prestel, München 2026 • 320 Seiten • Hardcover • 26,00 Euro

Diese Beiträge erschienen zuerst in der monatlichen Comic-Kolumne auf: DieZukunft.de

Sven Jachmann schreibt als freier Autor über Comic, Film und Literatur, ist Herausgeber und Chefredakteur der Magazine Comic.de und Filmgazette.de sowie Redakteur beim Splitter Verlag. Seit 2006 Beiträge u. a. in Konkret, Tagesspiegel, ND, Taz, Jungle World, Titanic, diezukunft.de, Testcard, kino-zeit.de, Das Viertel und vielen dahingeschiedenen Magazinen. Essays für zahlreiche Comic-Editionen und DVD-Mediabooks.