Liebe in Zeiten des Krieges – „Lebensbsorn“ und „Sudetenlove“

Zwei gute Comics aus dem Helvetiq Verlag erzählen auf sehr unterschiedliche Weise von unglücklichen Liebschaften im Zweiten Weltkrieg. Einer davon, „Lebensborn“ von Isabelle Maroger, wurde in der Kategorie Jugendbuch für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 nominiert.

Gerda liebt Paul. Hedwig liebt Fritz. Den Weg zu ihrem Glück verfinstert leider ein großer Schatten: Gerade wirbelt der Zweite Weltkrieg ganz Europa schwer durcheinander. Er überzieht den Kontinent mit Chaos, reißt viele Menschen in den Schlund der Katastrophe, die auch vor frisch Verliebten nicht Halt macht. Davon erzählen die interessanten Comics „Sudetenlove“ von Filip Raif und „Lebensborn“ von Isabelle Maroger. Doch es gibt mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten.

Schon die Ausgangslage unterscheidet sich: „Sudetenlove“ handelt von wahrer Liebe, spielt im damaligen Sudetenland und zur Kriegszeit, beziehungsweise beginnt sogar kurz davor. Hedwig und Fritz lernen sich im Winter 1937/38 beim Skifahren kennen. Zwischen der jungen Deutschen und dem jungen Mann aus deutsch-tschechischer Familie funkt es, und es bahnt sich zart eine Beziehung an. Monate später berichtet Hedwig ihrem Fritz bekümmert: „Papa will mich zu meiner Tante nach Belgien schicken.“ Der Vater sieht Krieg heraufziehen. Um ihrer Sicherheit willen schickt er Hedwig fort nach Lüttich zu Tante Greta. „Vergiss Fritz“, gibt er ihr mit auf den Weg. Doch Fritz gibt seine Hedwig nicht auf. Von einem Kumpel leiht er sich ein Rennrad und macht sich damit auf den Weg quer durch Europa nach Belgien… In losen Episoden springt „Sudetenlove“ chronologisch voran durch die Jahre, die vergehen werden, bevor sich Hedwig und Fritz wiedersehen: Gefängnis, Kämpfe, Desertion, Deportation, Internierung…

Filip Raif, 1973 im tschechischen Jeseník geboren, breitet die vielen Dramen, die in der Handlung stecken, nicht reißerisch aus. Er erwähnt oder streift sie fast. Sie passieren einfach. Dabei beschönigt oder verschweigt der Comic weder die Gräuel noch ihre komplexen Ursachen. Bewegende Momente fehlen nicht, aber vereinfachte, pauschale Schulzuweisungen. So fließt die Geschichte, die auf authentischen Erfahrungen basieren, erstaunlich stetig und sacht dahin. Die Grafik hält sich ähnlich zurück. Illustrator und Designer Raif arbeitet in seiner ersten Graphic Novel nur mit monochromen Flächen in dezenten Farbtönen. Keine Umrisslinien, nichts Kantiges oder Hartes. Jede Zeichnung sieht aus wie ein nostalgisches Plakat im Kleinformat. Lediglich in dynamischen Szenen erscheinen Raifs stocksteifen Figuren etwas ungelenk, was ebenso wenig abschrecken sollte wie der plumpe Titel. „Sudetenlove“ erzählt feinfühlig eine traurige Geschichte, bei der Tiefe und das Unheil wohltuend zwischen den Panels liegen – in den Leerstellen, die sich beim Lesen selbst füllen.

„Lebensborn“ handelt dagegen von einseitiger Liebe, spielt hauptsächlich in Frankreich und Schweden – und blickt zeitlich nach hinten. Der Band beginnt 2014 in Lyon. „Kriegt er noch ein Geschwisterchen?“, meint eine Frau im Bus zu Isa, die mit ihrem ersten Baby gegenüber sitzt. Als die frische Mama ablehnend antwortet, bricht es aus der Frau heraus: „Das sollten sie aber! Blond und blauäugig – das ist eine aussterbende Rasse!“ Anschließend springt Erzählerin Isa(belle) Maroger etappenweise durch die Zeit hin und zurück.

Ihre Mutter wurde in Norwegen geboren, aber wuchs als Adoptivkind in Frankreich auf. Sie ist ein Resultat des kranken Nazi-Arier-Vermehrungsprogramms „Lebensborn“. Maroger macht sich auf die Suche nach ihren Wurzeln, wie es davor schon ihre Mutter hat. Im Comic begleitet ihre Mutter sie bei der Recherche und ihren Reisen zu den Verwandten in Norwegen. Anfang 2004 fahren beide sogar nach Düsseldorf zu Paul, dem ehemaligen Wehrmachtssoldaten und leiblichen Vater der Mutter.

Maroger zeichnet locker-flockig im Semifunny-Stil. Sie vermeidet es allerdings, die Emotionen der Menschen, die vorkommen, ins Lächerliche zu ziehen oder peinlich zu übertreiben. „Lebensborn“ lebt von der nachvollziehbaren Freude, Trauer und Sprachlosigkeit, mit der die Figuren auf die teils ungekannte Vergangenheit reagieren und auf Verwandte, die sich nie vorher begegnet sind. Geschickt sind historische und dokumentarische Passagen in die Handlung eingebettet. „Lebensborn“ wurde in der Kategorie Jugendbuch für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 nominiert. Das verdankt der Comic sicherlich auch, dass Maroger eine schönen Balance zwischen Erzählung und Information, zwischen Leichtigkeit und mitfühlender Betroffenheit gefunden hat.

Filip Raif: Sudetenlove • Aus dem Tschechischen von Katharina Hinderer • Helvetiq Verlag, Basel 2026 • 240 Seiten • 22 Euro

Isabelle Maroger: Lebensborn • Aus dem Französischen von Silv Bannenberg • Helvetiq Verlag, Basel 2026 • 224 Seiten • 22 Euro

Jürgen Schickinger hat seine ersten Artikel über Comics im Jahr 1981 für das Fachmagazin „Comic Art“ geschrieben. Danach folgte ein Studium, das er zu einem guten Teil mit dem Verkauf von Comics auf Flohmärkten finanziert hat. Zwangsläufig wuchs dabei die eigene Sammlung. In dieser Zeit sind auch weitere Comic-Artikel von ihm in verschiedenen Fanzines und Büchern erschienen. Nebenher hat er einige Jahre im Fachhandel gejobbt. Seit 1999 betreut er für die Badische Zeitung in Freiburg als freier Autor unter anderem das Themengebiet Comics, Graphic Novels, Cartoons und verwandte Grafik.