Imagination oder Realität – „Blutsauger“

Ist der Nachbar nur oldschool oder etwa ein aktiv tätiger Vampir? André Breinbauers Graphic Novel „Blutsauger“ kombiniert Wiener Charme mit düsterer Spannung. Der Band ist für den diesjährigen Max-und-Moritz-Preis nominiert.

So kann Wien bei Nacht also ausschauen: wie in einem nachkolorierten deutschen Stummfilm der frühen 1920er. Kein Schwarz-Weiß, aber überwiegend Blau- und Grautöne. Die Häuser scheinen aus Lehm geformt zu sein; der Himmel über ihnen ist kaum je zu sehen. Eng und labyrinthisch die Gassen, in denen niemand unterwegs ist, bis auf Hannah, die, seit sie aus der U-Bahn gestiegen ist, von ­einem unheimlichen Typen im Vampir­kostüm verfolgt wird. Auf Wände, an denen die beiden vorbeikommen, werfen sie lange Schatten. Schließlich die vor­läufige ­Entwarnung: Der Mann wohnt im selben Mietshaus wie Hannah, ist sogar ihr ­direkter Nachbar.

Vor fünf Monaten ist die junge Frau in den Altbau gezogen, in eine Wohnung, in der zuvor ihre Großmutter gewohnt hat. Hannah fühlt sich hier wohl, aber am Morgen nach ihrer nächtlichen Begegnung klingeln drei Männer an ihrer Tür. Thomas Huber, deren Chef, stellt sich als Vertreter der Hausverwaltung vor, die nach einem Besitzerwechsel neu verpflichtet worden ist. Im Haus, erklärt Huber, würden um­fangreiche Renovierungsmaßnahmen anstehen, die mit viel Lärm und Schmutz verbunden seien. Ob Hannah nicht lieber ausziehen wolle? Trotz der Abfindung von 3.000 Euro, die sie erhalten würde, lehnt Hannah ab, und die Männer verabschieden sich.

„Blutsauger“ ist die zweite Graphic Novel von André Breinbauer, der in Passau geboren wurde und in Wien lebt. In „Medusa und Perseus“, seinem vor vier Jahren vorgelegten Debüt, hat er den titelgebenden Mythos einer feministischen Revision unterzogen. Als Monster erscheint hier eher der kriegerische Held; die Frau mit dem Schlangenhaar, deren Anblick alle versteinern lässt, ist dagegen ein traumatisiertes Opfer patriarchalischer Gewalt.

Ähnlich verfährt Breinbauer in „Blutsauger“: Der Rückgriff auf Dracula und Nosferatu dient ihm dazu, von sehr heutigen Problemen zu erzählen. Der Titel lässt sich auf Hannahs Nachbarn beziehen, trifft vor allem aber auf die Immobilienspekulanten zu, die das Haus erworben haben und, wie sich ­herausstellt, nicht zimperlich sind, wenn es darum geht, eine renitente Mieterin zu vergraulen.

Dieser sozialkritische Ansatz steht im Zentrum des Comics. Beiläufig gelingt es Breinbauer aber auch, eine weitere Schattenseite des Großstadtlebens anzusprechen: die Einsamkeit. Als im Haus eine ältere Frau stirbt, wird dies nur von deren Ärztin registriert; ansonsten hätte die Tote tagelang unbemerkt in ihrer Wohnung gelegen. Einsam ist auch Hannah. An dem sympathischen jungen Mann, mit dem sie be­freundet ist, hat sie in erotischer Hinsicht ­offenbar kein Interesse. Stattdessen vertraut sie auf die Partnersuche mittels App und wird von einem ihrer Dates, als sie nicht ­pünktlich zu einem Treffen auftaucht, sofort übel ­beschimpft.

Ob es sich bei dem Nachbarn tatsächlich um einen Vampir handelt oder ob Hannah ein Opfer ihrer überhitzten Einbildungskraft ist, wird mit letzter Sicherheit erst am Ende klar. Dass Herr Hubers freundliches Gesicht bloß eine Maske ist, die er sich vorübergehend aufgesetzt hat, erkennt man jedoch schon bei dessen erstem Auftritt.

Realistisch gezeichnet wäre der Band nur halb so wirkungsvoll. Mit seinem allenfalls semirealistischen Stil, der vor expressiven Zuspitzungen nicht zurückscheut, versteht Breinbauer sich darauf, zugleich das Komische im Gruseligen und das Gruselige im Komischen präsent zu halten. „Blutsauger“ ist eine Horror­komödie mit Tiefgang. In der deutschsprachigen ­Graphic-Novel-Szene, die sich für Genre­stoffe – auch solche, in denen es um mehr als Humor oder Action geht – nur selten erwärmen kann, zählen André Breinbauers ­Comics zu den unterhaltsamen, erfrischenden Ausnahmen.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 21.05.2026 in der taz.

André Breinbauer: Blutsauger • Carlsen, Hamburg 2026 • 248 Seiten • Hardcover • 28,00 Euro

Christoph Haas lebt im äußersten Südosten Deutschlands und schreibt gerne über Comics, für die Süddeutsche Zeitung, die TAZ, den Tagesspiegel, die Passauer Neue Presse und das Alfonz Magazin.