In der Teheraner Kunstakademie muss sie Schleier zeichnen. Ein Fertigkeit, die sie in „Persepolis“ gegen das theokratische Regime wendet. Ein Nachruf auf die iranisch-französische Zeichnerin und Regisseurin Marjane Satrapi.
In ihrer Graphic Novel „Persepolis“ teilt Marjane Satrapi mit den Lesern ihre Erinnerung an den letzten Besuch bei ihrem Onkel Anusch, der 1980 nach seiner Verurteilung als angeblicher sowjetischer Spion durch die neuen islamistischen Machthaber in einem Teheraner Gefängnis auf seine Hinrichtung wartet. Vor seinem Tod darf er noch eine letzte Person empfangen, er entscheidet, dass er seine zehnjährige Nichte sehen will. Dem Mädchen gibt er neben der Hoffnung auf eine bessere Zukunft („Du wirst sehen, das Proletariat wird siegen! Stern meines Lebens“) auch einen aus Brotkrumen gefertigten Schwan mit. Der Schwan ist für Marjane von nun an untrennbar verknüpft mit der Erinnerung an den Widerstand ihrer Familie gegen die islamische Diktatur und der Utopie eines Lebens frei von den Zwängen des Gottesstaates. Ihr vierbändiges Comic-Werk „Persepolis“ ist gewissermaßen der Schwan, den Marjana Satrapi der Welt überlassen hat.
Die zwischen 2000 und 2004 in Frankreich erschienenen Bände erzählen auf einzigartige Weise die Geschichte von Unterdrückung und Widerstand, von Flucht und Exil, Rückkehr, Freundschaft, Krieg und Tod. Im Vorwort der 2004 erschienenen deutschen Ausgabe schreibt Satrapi über ihre Intention, sich in der Form des Comic mit der iranischen Geschichte und Gesellschaft zu beschäftigen: „Ich will nicht, dass jene Iranerinnen und Iraner vergessen werden, die für die Freiheit gekämpft haben und im Gefängnis gestorben sind, die ihr Leben im Krieg gegen den Irak verloren und unter den verschiedenen repressiven Systemen gelitten haben, oder gezwungen waren zu fliehen. Man kann vergeben, aber man soll niemals vergessen.“

In „Persepolis“ hat Satrapi ihre Kindheit im Iran entlang der politischen Umwälzungen der Jahre um die Islamische Revolution 1979 in den dunklen Farben des Schleiers gezeichnet. Als das Land in eine theokratische Islamische Republik unter Führung von Ayatollah Ruhollah Khomeini verwandelt wird und die Buntheit aus den Straßen verbannt wird, ist sie zehn Jahre alt. Die politische Lage verschärft sich in den folgenden Jahren, nicht zuletzt durch den Krieg mit dem Irak. 1984 wird sie daher von ihren Eltern auf eine französische Schule nach Wien geschickt. Satrapi stammt aus einem kommunistisch geprägten Elternhaus, das wiederholt mit dem politischen System der Islamischen Republik Iran in Konflikt geraten ist. In Wien lernt „Marji“ den Punk lieben, macht erste sexuelle Erfahrungen und muss mit den Vorurteilen kämpfen, die ihr als Migrantin entgegengebracht werden. Voller Heimweh kehrt sie schließlich nach Teheran zurück, unternimmt dort einen Selbstmordversuch, den sie nur knapp überlebt. Sie versucht sich an das Leben als Frau im Iran anzupassen, studiert Kunst an der Teheraner Universität, wo sie vor allem den Faltenwurf des Schleier zu zeichnen lernt; eine erzwungene Kunstfertigkeit, die sie später als Comic-Autorin gegen das Mullah-Regime einsetzen kann. Sie heiratet einen Kommilitonen, die alltägliche Repression im Iran ist aber bald für sie unerträglich, sie lässt sich scheiden und kehrt Mitte der neunziger Jahre endgültig nach Europa zurück. Nach einem Studienaufenthalt in Straßburg geht sie schließlich nach Paris, wo sie bis zu ihrem plötzlichen Tod am 4. Juni lebt.
Zentrales Thema in ihrem weltberühmten Comic „Persepolis“, wie auch in vielen Vorträgen und Interviews, die Satrapi in den letzten zwanzig Jahren gegeben hat, ist das Kopftuch als Mittel der Unterdrückung. In der 2007 von Satrapi realisierten Filmversion von „Persepolis“ findet sich ein Dialog zwischen der Protagonistin und ihrer Großmutter, in dem diese ihre Enkelin auffordert: „Willst du nicht diese blöde Kapuze abnehmen? Ich krieg Platzangst.“ Marjane antwortet: „Ich vergesse oft schon, dass ich es auf habe“, worauf ihre Großmutter sie belehrt: „Das darfst du nicht vergessen. Denn bestimmt die Angst dein Denken, raubt sie dir dein Bewusstsein. Sie ist es auch, die Feiglinge aus uns macht.“

Wie die Angst im Iran zum politischen Machtinstrument werden konnte, durch Folter, Hinrichtungen und die Kontrolle des weiblichen Körpers, zeigt Satrapi in eindrücklichen Bildern, weist aber immer auch auf die kleinen und großen Akte des Widerstands hin, die im Westen oft nicht wahrgenommen wurden. Neben „Persepolis“ erschienen von Satrapi die beiden größeren Comic-Arbeiten „Sticheleien“ (2003), eine Erinnerung an den bürgerlichen Alltag in Teheran, und „Huhn mit Pflaumen“ (2004), worin sie von den letzten Tagen ihres Großonkels Nasser Ali Khan erzählt, einem leidenschaftlichen Musiker – er spielt eine Tar, eine traditionelle iranische Laute, die ihn an die große, unglückliche Liebe seines Lebens erinnert.
Nach der Ermordung der Studentin Jina Mahsa Amini im Jahr 2022 durch die iranische Sittenpolizei hat sie von Frankreich aus die die Proteste der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ unterstützt und 2023 einen auch ins Deutsche übersetzten gleichnamigen Sammelband herausgegeben. Als Zeichen der Solidarität mit den Protesten im Iran gab sie 2024 den Verdienstorden der Ehrenlegion zurück: Sie übte damit Kritik an der französischen Regierung, die iranischen Dissidenten Einreisevisa verweigere, während die Kinder iranischer Oligarchen problemlos einreisen könnten.

Zu diesem Zeitpunkt hat Satrapi das Comiczeichnen schon lange abgeschlossen, in einem Interview von 2021 reflektiert sie rückblickend diese Entscheidung: „Wenn ich weiß, wie etwas funktioniert, verliert es für mich an Reiz, weil mir die intellektuelle Herausforderung fehlt. Mich interessieren Vielfalt, Herausforderung, Neugier und Überraschung. Mein eigentlicher Erfolg ist, dass ich mir aussuchen kann, was ich machen und welche Herausforderung ich annehmen möchte.“ Der Film wird zur neuen Herausforderung für Satrapi. Mit der Filmfassung von „Persepolis“ etabliert sie sich als Regisseurin. Der Film, eine Gemeinschaftsarbeit mit dem Regisseur und Comiczeichner Vincent Paronnaud, wird mit dem Preis der Jury bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes ausgezeichnet und erhält eine Oscar-Nominierung als bester Animationsfilm. „Jetzt gibt es nichts Besseres, als am Set zu sein und einen Film zu machen. Dabei habe ich die schönsten Momente meines Lebens“, sagte sie 2021 in einem Interview. 2011 verfilmt sie ihren Comic „Huhn mit Pflaumen“, 2012 folgt „La bande des Jotas“ und 2014 die englischsprachige Serienkiller-Komödie „The Voices“. In „Marie Curie – Elemente des Lebens“ von 2019 zeigt sie vor allem die Trauer von Marie, nachdem ihr Mann Pierre Curie nach nur wenigen Jahren Ehe bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist.
Ihren letzten Film „Paris Paradies“ (2024) realisiert sie mit ihrem Ehemann, dem in Schweden geborenen Schauspieler und Produzenten Mattias Ripa, der am 8. April 2025 im Alter von nur 53 Jahren verstorben ist. Tod, Trauer und Abschied sind wiederkehrende Motive im Werk von Satrapi, von der Hinrichtung des Großonkels Anusch über den tödlichen Unfall eines Kommilitonen bis hin zum Filmtod von Pierre Curie. Ein selbstgewähltes Lebensende aus Traurigkeit hat Satrapi 2004 in „Huhn mit Pflaumen“ beschrieben, dort beschließt ihr Großonkel Nasser Ali, nicht mehr aufzustehen und in seinem Bett auf den Tod zu warten, nachdem seine unersetzliche Laute und damit seine Lebensfreude und sein Lebenssinn zerbrochen sind. „Der Onkel meiner Mutter war Musiker und ist an Traurigkeit gestorben. Ich wollte eine Geschichte über den Tod schreiben, anhand der ich etwas über das Leben erzähle“, hat Satrapi 2012 in einem Interview erklärt. Am 4. Juni 2026 ist auch Marjane Satrapi im Alter von 56 Jahren gestorben. In einem Statement aus dem Umfeld der Künstlerin heißt es: „Sie starb an Traurigkeit, ungefähr ein Jahr nach dem Tod von Mattias Ripa, ihrem Ehemann und der Liebe ihres Lebens.“
Dieser Beitrag erschien zuerst in: Jungle World 25/2026
Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins. Zuletzt ist von ihm die Textsammlung „Nach Strich und Rahmen“ erschienen.
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