Vittorio Giardino hat mit Max Friedman eine außergewöhnliche, unheroische Agentenfigur geschaffen. Die in den 1930ern situierten Abenteuer sind auch feinsinnige Stimmungsbilder des drohenden Faschismus. Nun ist eine Gesamtausgabe des Klassikers erschienen.
Der italienische Comiczeichner Vittorio Giardino wird in diesem Jahr 80 Jahre alt. Wenn er öffentlich auftritt, erscheint ein ruhiger, eleganter Herr mit gepflegtem Vollbart, in Hut, klassischem Regenmantel und mit Pfeife. Giardino sieht dabei fast genauso aus wie sein Comic-Held Max Friedman. Vor 45 Jahren erschien das Friedman-Abenteuer „Ungarische Rhapsodie“.
Budapest im Frühjahr 1938, eine Stadt voller Spione. Der drohende Zweite Weltkrieg wird in dieser Welt der Intrige und des Verrats im Kleinen bereits geführt. In den Gassen der Budapester Altstadt, in ehrwürdig verstaubten Hotels und auf rauschenden Maskenbällen.
„Die Gefahr war ein Teil von ihm. Sie war nicht wie ein Mantel, auf den man manchmal verzichten kann. Sie war wie eine Haut. Man starb gemeinsam.“ Dieses Zitat von Graham Greene steht am Anfang der Comic-Geschichte „Ungarische Rhapsodie“. Es charakterisiert Max Friedman, Tabakhändler in Genf und Jude. Der alleinerziehende Vater und seine Tochter leben zurückgezogen am Genfer See. Doch dann holt Friedman seine Vergangenheit ein. Früher war Max Friedman Spion des französischen Geheimdienstes. Als ein ganzer Ring französischer Agenten in Budapest brutal ermordet wird, lässt ihm sein früherer Arbeitgeber keine Wahl: „Wir brauchen jemanden, der sich nicht so leicht unterkriegen lässt. Einen, den man nicht einschätzen kann. Kurzum, einen fähigen Mann, aber keinen Profi.“

Der französische Auslandsgeheimdienst zwingt Max Friedman, den Fall der Gruppe „Rhapsodie“ aufzuklären. Aber Friedman hat von Anfang an keine Chance. Die deutsche Abwehr und ihre ungarischen Handlanger haben ihn längst im Visier. Während Friedman auf höfliche, aber stets betrunkene Aristokraten trifft, auf geheimnisvolle Frauen und kommunistische Doppelagenten, zieht sich das Netz um ihn immer enger. Am Ende geht es nur ums Überleben angesichts übermächtiger politischer Kräfte, die den einzelnen niederwalzen. Das letzte Bild der „Ungarischen Rhapsodie“ zeigt den Einmarsch der Wehrmacht in Österreich. Und die überlebenden Agenten sind sich bewusst, dass sie gerade den Vorabend eines verheerenden Krieges erleben.
„Und wie ist er, der übliche Comic-Held? Gutaussehend, sportlich, jung, richtig? Nun, im wahren Leben ist oft das Gegenteil der Fall. Oft sind Personen, die außergewöhnlichen Mut beweisen, von kleinem Wuchs, korpulent oder kahlköpfig. Im Fall von Max Friedman schwebte mir ein Mann in seinen Vierzigern vor, untersetzt und mit Bart. Eine Art Anti-007, könnte man sagen.“ In der Neuauflage von Max Friedmans Abenteuern hat der Eckart Schott Verlag ein langes Interview mit dem Zeichner Vittorio Giardino abgedruckt. Der inzwischen 80-jährige Giardino erzählt darin, wie er den Antihelden Max Friedman erschaffen hat. Diesen kultivierten, meist melancholisch gestimmten Mann, dem in der Gefahr die Hände zittern, der wie 007 die Frauen liebt, aber auf ganze andere, sanfte und zuvorkommende Art, und der trotz aller Hoffnungslosigkeit im Europa der 1930er Jahre stets ein Handelnder, sprich ein Mensch bleibt, der sich gegen Unmenschlichkeit wehrt.

„Leider erkenne ich immer wieder besorgniserregende Parallelen, und ich sehe sie immer häufiger“, sagt Giardino über die Zeit der Abenteuer von Max Friedman und die Ähnlichkeiten zu unserer Zeit. Und die Wiederkehr des Faschismus im Europa des 21. Jahrhunderts macht die Entscheidung des Eckart Schott Verlags, jetzt wieder eine Max-Friedman-Gesamtausgabe rauszubringen, hochaktuell. Dabei geht es nicht um plumpe historische Parallelen. Vittorio Giardino hat mit Max Friedman feinsinnig politische Stimmungen nachgezeichnet. Diese Stimmungsbilder, die durch den vorsichtigen, fast suchenden Strich entstehen, komprimieren die Zeiterfahrung der fatalen 1930er Jahre. Sie vermitteln ein Gefühl von Unsicherheit und Ausgesetztsein. Die mehr statische als dynamische Action betont den Eindruck von der Übermacht erdrückender Verhältnisse. Und nicht selten dominiert in den fein gezeichneten Gesichtern ein Ausdruck von Niedergeschlagenheit.
Dieser 45 Jahre alte Comic verdeutlicht, welche Erkenntnisse im Angesicht des drohenden Faschismus wichtig sind: nämlich, wie schnell und unvermittelt eine scheinbar zivilisierte Ordnung ins Chaos kippt. Wie fatal es werden kann, wenn politische Ideologie über allem steht, menschliche Gefühle aber nichts mehr zählen. Und wie wichtig es ist, selbst politisch aktiv zu werden, wenn die große Geschichte sich scheinbar unaufhaltsam zum Schlimmsten entwickelt. Die Bürger des liberalen Westens in den USA und Europa, die nicht auf die Straße gehen – gegen Trump oder gegen die sich häufenden Wahlerfolge der Rechtsextremisten –, sollten die Abenteuer des leisen Helden Max Friedman lesen. 007 war gestern, Max Friedman ist heute.
Dieser Beitrag erschien zuerst in einer gekürzten Fassung am 18.06.2026 auf: SWR
Vittorio Giardino: Max Friedman Gesamtausgabe Band 1 • Aus dem Französischen von Harald Sachse • Salleck Publications, Wattenheim 2026 • 240 Seiten • Hardcover • 39,90 Euro
Max Bauer ist Redakteur in der ARD-Rechtsredaktion und berichtet u.a. vom Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, vom Europäischen Gerichtshof in Luxemburg und vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Außerdem rezensiert er Comics für SWR Kultur.

