Die Verästelung des Bewusstseins – „Die Summe seiner Teile“

Was wäre, wenn das Bewusstsein eines Menschen nach seinem Tod weiterleben und mit den Hinterbliebenen in Kontakt bleiben kann? Das spielt der Comic „Die Summe seiner Teile“ in einer Zukunft am Beispiel eines Unfallopfers und seiner Frau durch.

Mara und Joshua sind glücklich verheiratet. Sie ist Tänzerin, er Psychologe und Musiker. Doch Joshua hat einen schweren Autounfall, liegt im Koma. Es ist klar, dass er nicht überleben wird. Mara ist verzweifelt; sie vermisst Joshua und die Gespräche mit ihm schon, bevor er überhaupt gestorben ist. Als ein Forscherteam an Mara herantritt, das ihr vorschlägt, Joshuas Bewusstsein zu scannen und es nach dem Tod des Körpers mittels KI weiterleben zu lassen, willigt sie ein. Das Projekt ist streng geheim, Mara wird also mit niemandem darüber reden dürfen. Joshuas Bewusstsein wird gescannt und lebt als App auf einem Tablet weiter.

Einerseits kommt „Die Summe seiner Teile“ als klassische Science Fiction Geschichte daher: Die Apparate zum Scannen des Bewusstseins sind beeindruckend, die Autos sehen spacig aus. Und doch wirkt dieser Comic so gar nicht wie eine Zukunftsgeschichte. Die Eingangssequenz ist eine Atemübung, wie man sie vom Meditieren kennt. „Der Atem fließt langsam durch den Körper“, liest man, und dazu sind Bäume und Dickicht zu sehen, die Verästelungen des Körper mit seinen Adern – vielleicht sind es auch die Verästelungen des Bewusstseins.

Auf jeden Fall kommt der Comic immer wieder auf den Körper zurück. Zeigt, wie Mara tanzt, wie sie in ihrer Erinnerung Joshua umarmt, wie sie mit ihm in der Welt ist. Matthias Lehmann hat das mit sehr kraftvollen Strichen und ausdifferenzierten Graustufen gezeichnet, die den Bildern eine große Lebendigkeit verleihen und zugleich ein bisschen nostalgisch wirken. Und die einen Gegensatz bilden zum Labor, das mit geometrisch starrer Linienführung gezeichnet ist.

Julia Zejn erzählt die Geschichte mit Rückblenden, in denen das vielfältige Leben von Joshua und Mara deutlich wird. Joshua war Musiker in der Tanzkompagnie von Mara, hat den rauschenden Applaus bei den Premieren erlebt. Dann Psychologie studiert um zu verstehen, was Menschen glücklich macht. Zejn zeigt, wie beide mit anderen Menschen gearbeitet und gefeiert haben – und wie sie glücklich waren.

Das Leben mit der Joshua-App ist dagegen zurückgezogen. Mara zieht in ein Haus mitten im Wald, in das Joshua sich zurückgezogen hat, um ein Buch zu schreiben. Sie zieht dorthin, weil niemand wissen darf, dass Joshuas Bewusstsein weiterlebt. Und sie kommt mit dieser Einsamkeit nicht gut klar. Auch Joshua ist damit nicht glücklich. Die Einsamkeit war nur so lange schön, wie sie selbstgewählt war. Und dann sitzt Joshuas Bewusstsein den ganzen Tag auf dem Sofa neben Mara. Kann nicht durch den Wald spazieren und den Wind auf der Haut spüren. Das Glück der beiden erodiert immer mehr.

Der Mensch ist nicht die Summe seiner Teile. Im Fall von Joshua heißt das, dass das Bewusstsein eben nicht Mensch minus Körper ist. Das Leben mit der Joshua-App ist anders, als das Leben mit Joshua. Das liegt nicht nur daran, dass Sex mit einer App nicht besonders sinnlich ist – was im Comic durchaus humorvoll dargestellt wird. Auch die Gespräche sind nicht mehr dieselben. Joshua wird eifersüchtig, neidet Mara jeden Kontakt mit anderen Menschen. Rational kann der digitale Joshua das fassen, er kann es aussprechen, auch deshalb, weil Joshua ein reflektierter Mensch war. Aber er kann es nicht abstellen, weil er fast ausschließlich auf sich selbst bezogen ist und auf Mara. Und weil Joshua keinen Körper hat, mit dem er noch viel mehr Erfahrungen machen kann. Zum Beispiel die Gedanken beruhigen, indem er sich seines Atems bewusst wird.

„Die Summe seiner Teile“ ist eine feine und ausgefeilte Reflexion über das Menschsein in seinen unterschiedlichen Facetten. Eine Reflexion, die bei den immer verblüffenderen Fähigkeiten von KI, die sich immer schneller entwickelt, Mut macht, Mensch zu sein. Weil nur wir Menschen mit unseren Körpern in der Welt sind, mit der Welt in Beziehung stehen – und genau so unser Bewusstsein bilden.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 07.07.2026 auf: radio3 rbb

Julia Zejn (Autorin), Matthias Lehmann (Zeichner): Die Summe meiner Teile • Reprodukt, Berlin 2026 • Hardcover • 128 Seiten • 20,00 Euro

Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.