Alles ist Klang – „Zwischen zwei Tönen“

Joonas Sildre sucht in seiner Comicbiografie nach adäquaten Bildern für die Musik des estnischen Komponisten Arvo Pärt, der 1980 aus der Sowjetunion nach Wien geflohen ist.

Als der estnische Komponist Arvo Pärt mit seiner Familie 1980 die Sowjetunion verlassen muss, verwandelt sich die Bahnhofshalle an der Grenze in einen Konzertsaal. Die Grenzbeamten spielen die von Pärt mitgeführten Tonbänder ab, da verschwindet die Welt um sie herum und alles wird zu Klang. So endet „Zwischen zwei Tönen“, eine Graphic Novel von Joonas Sildre über das Leben des heute wieder in Estland lebenden Komponisten: Töne werden sichtbar, bilden große Spiralen, die über die Zwischenräume der Panels hinausweisen, Grenzen überschreiten, wie auch Pärt mit seiner Familie auf das Überschreiten einer Landesgrenze wartet.

Joonas Sildre interessiert sich in „Zwischen zwei Tönen“ vor allem für die Jahre im Leben von Pärt, in denen dieser sich auf der Suche nach jenem Zwischenraum befindet, einer „neuen Welt“ des Klangs, wie es im Comic einmal heißt: „Der von Arvo entdeckte ‚Zweiklang‘ zwischen Melodie und Dreiklang ist in seinem Schaffen wie ein großer Knall. Durch die Spannung zwischen diesen zwei Stimmen entsteht dieses Etwas, das die Werke zum Leben erweckt.“ „Zwischen zwei Tönen“, die erste Graphic Novel in estnischer Sprache, tastet sich vorsichtig an dieses „Etwas“ heran, sucht nach Bildern, in denen die Spannung von Pärts Musik zum Ausdruck kommen kann. In Bilder übersetzte Töne begleiten die Leser daher von Beginn an, der 1935 geborene Pärt saugt bereits als Kind alle Töne in sich auf, sei es das Ticken der Uhr, klassische Musik aus dem Radio oder die Sirene beim Bombenangriff auf Tallin im Zweiten Weltkrieg. All diese Töne prägen ihn und gehen in seine Kompositionen ein, sehr zum Missfallen der Machthaber. „Das Stück dieses Schuljungen war weder sozialistisch im Inhalt noch national in der Form“, kritisiert etwa 1953 ein Juror bei einem Wettbewerb den Beitrag von Pärt. In das enge Korsett des Sozialistischen Realismus will sich Pärt zeit seines Lebens nicht zwängen, was zu immer größeren Spannungen und schließlich seiner Ausweisung führt.

Die inneren und äußeren Konflikte nehmen insbesondere zu, als Pärt die orthodoxe Kirche für sich entdeckt, sowohl als Glaubensgemeinschaft wie auch als Klangreservoir. So werden gregorianische Gesänge zu einer wichtigen Inspirationsquelle seiner Musik, die ansonsten von der Reduktion lebt, von der Konzentration auf das Wesentliche, eben das Zwischen zwei Tönen. „Der Mensch ist nicht Schöpfer, sondern Vermittler der Töne“, davon ist Pärt überzeugt. Zum Vermittler ist auch Joonas Sildre geworden, der die Musik von Arvo Pärt einem neuen Publikum präsentiert und dabei beeindruckende Bilder geschaffen hat, die deutlich machen: Alles ist Klang.

Dieser Beitrag erschien zuerst in: Strapazin #142

Joonas Sildre: Zwischen zwei Tönen. Aus dem Leben des Arvo Pärt • Aus dem Englischen von Maximilian Murmann • Voland & Quist, Berlin 2021 • 224 Seiten • Hardcover • 30,00 Euro

Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins. Zuletzt ist von ihm die Textsammlung „Nach Strich und Rahmen“ erschienen.