In ihrer tragikomischen Graphic Novel „Der Traum ist aus, Charly P.“ blickt Comiczeichnerin Lisa Neun zurück auf die BRD der 1980er und seziert den Machismo der Autonomenszene.
Saufen und feiern. So verbringt Kleindealer Charly seine Zeit am liebsten. Nebenbei markiert die Hauptfigur im Comic „Der Traum ist aus, Charly P.“ den Revoluzzer: Mit seinem besten Kumpel Dieter unterstützt er Anfang der 1980er linke Untergrundkämpfer. Sie und „die Sache“ sollen etwa das Geld bekommen, das Charly mit dem Verkauf von fünf Kilo Haschisch einnehmen will. Als er hört, dass italienische Genossen wegen der Kronzeugenregelung beim Staatsschutz gesungen haben, tönt Charly: „Das würde bei uns nicht funktionieren. Wir würden lieber sterben, als die Sache zu verraten.“
Klingt doch ganz passabel. Immer gutgelaunt, der Charly, leutselig, engagiert und aufrecht. Doch dieses Image bekommt schnell Risse in Lisa Neuns Tragikomödie. Nach wenigen Seiten wird klar, dass Macho Charly seine Freundin Elke wie Hausmüll behandelt. Den gemeinsamen Sohn Paul zu versorgen, bleibt allein an ihr hängen. Charly stellt derweil anderen Frauen nach, säuft, kifft und amüsiert sich. Auch die politische „Sache“ sieht er eher pragmatisch. Angeblich links und subversiv zu sein, findet er halt cool. Kumpel Dieter ist jedenfalls beeindruckt. Er weiß ja nicht, dass Kneipenrebell Charly eines der fünf Kilos an der Revolution vorbei in die eigene Tasche manövrieren will. Allerdings muss er das Dope erst mal von Italien nach Deutschland schmuggeln – wozu Charly der Grips fehlt. Die Dumpfbacke wird geschnappt, was seine übelste Seite zutage fördert: Charly ist ein rückgratloser Waschlappen. Die eigene Mutter würde er ans Messer liefern, nur um seine schäbige Haut zu retten!

Wie sich das feige, verantwortungslose Arschloch ungestraft und ohne Ansatz von Schuldgefühlen durchmogelt, ärgert. Der Wunsch, Charly möge sein Fett wegbekommen, wächst so schnell, wie seine überhebliche Fassade zerfällt. Zum Ausgleich würzt Lisa Neun ihre Story mit netten zeitgeistigen Gags. Schon das Titelbild setzt den humoristischen Ton. „Miethaie zu Dosenfleisch“, fordert da ein Transparent. Zudem vereint Charly, die Nulpe, so viele Macho-Klischees, dass er einer schlechten Karikatur ähnelt. Diesen Eindruck verstärkt Neuns eigentümliche, leicht verschrobene Grafik. Ähnlich wie in Guy Delisles autobiographischen Reportagen sind bei ihren Figuren stets beide Augen im Profil zu sehen. Charlys Schnauzer baumelt scheinbar schräg neben der Nase.
Die ulkige Grafik, der teils beißende Witz und die Aufreger verbinden sich zur lockeren, sehr unterhaltsamen Lektüre. Hinter der steckt mehr – ein bisschen Milieustudie und Zeitkritik. Charly ist ein extremer Vertreter seiner Epoche. Lisa Neun nimmt mit feinem Auge auch das Lebensgefühl dieser pseudo-postkapitalistischen Kreise aus den 1980ern auf eine Schippe, die hinten tödlich scharfe Kanten bekommt: „Der Traum ist aus, Charly P.“ überrascht mit einem heftigen Ende. Schluss ohne lustig.
Lisa Neun: Der Traum ist aus, Charly P. • Avant-Verlag, Berlin 2026 • 216 Seiten • Softcover • 25,00 Euro
Jürgen Schickinger hat seine ersten Artikel über Comics im Jahr 1981 für das Fachmagazin „Comic Art“ geschrieben. Danach folgte ein Studium, das er zu einem guten Teil mit dem Verkauf von Comics auf Flohmärkten finanziert hat. Zwangsläufig wuchs dabei die eigene Sammlung. In dieser Zeit sind auch weitere Comic-Artikel von ihm in verschiedenen Fanzines und Büchern erschienen. Nebenher hat er einige Jahre im Fachhandel gejobbt. Seit 1999 betreut er für die Badische Zeitung in Freiburg als freier Autor unter anderem das Themengebiet Comics, Graphic Novels, Cartoons und verwandte Grafik.

