Deniz Camp und Javier Rodriguez haben sich für die „Absolute“-Reihe des DC Verlags mit Martian Manhunter einen Superhelden aus der zweiten Reihe vorgenommen – ein frischer Ansatz, für den sie kürzlich mit einem Eisner Award ausgezeichnet wurden.
Agent John Jones von der FBI-Spezialeinheit für stochastischen Terrorismus hat ein Riesenglück. Als ein Selbstmordattentäter ein Café in die Luft jagt, kommt er mit ein paar Blessuren davon. Der Arzt verordnet ihm dennoch eine Pause. Von der will Jones zwar nicht wissen, aber zweifellos steht er etwas neben sich. Er sieht bunten Rauch, wo keiner ist, hört eine Stimme, die ihm Unerklärliches zuflüstert, weiß plötzlich, was seine Gegenüber denken, und entfremdet sich dabei immer mehr von seiner Frau Bridget.
Gleich vorweg: Alles an diesem Band, der sich in das noch relativ neue Absolute-Universum einordnet, in dem DC-Helden neu und alternativ interpretiert werden, ist außergewöhnlich. Autor Deniz Camp und Zeichner Javier Rodriguez zünden hier eine inhaltliche und visuelle Bombe. Das bewerkstelligen sie mit einer Figur, die bereits 1955 ihren ersten Auftritt bei DC hatte (ihre beiden Schöpfer, Joe Samachson und Joe Certa, werden auch mit einer kleinen Hommage bedacht), die aber nie so recht aus dem Schatten von Superman, Batman und Wonder Woman treten konnte, obwohl sie Gründungsmitglied der Justice League war. Eigene Serien des Martian Manhunters wurden nur wenige veröffentlicht, und bei uns ist dieser Titel meines Wissens der erste, der seinen Namen trägt.

Wer oder was Agent Jones hier heimsucht, ist uns ja klar, allerspätestens nach einem Blick aufs Cover. Wie Camp und Rodriguez dies hier zu Papier bringen, ist äußerst originell. Ein knallbunter Strauß an Farben, wild eingesetzt, zeigt uns, wie und was Jones sieht und wo irgendwas nicht stimmen kann. So entsteht am Ende von Kapitel 1 (der Band enthält die ersten sechs US-Hefte) ein regelrechter Farb-Tsunami. Bald beginnt Jones, sich mit dem, was noch in ihm ist, zu arrangieren. Langsam versteht er dessen Worte und deren Sinn. Und aus den Farben erhebt sich schließlich ein kurios modellierter Außerirdischer, Johns ganz persönlicher Freund Harvey.
Dabei wird auch die Story jenseits dieses Duos nicht vergessen. Seltsame Dinge geschehen in Middleton, Colorado (die auch in der klassischen Vita Johns Wirkungsstätte ist – einige Dinge übernehmen Camp und Rodriguez dann doch, wie auch Johns Vorliebe für Chocos). Menschen zünden andere an, es werden Attentate auf die Energieversorgung verübt – bald scheint es, als liefe die ganze Stadt Amok. Wer oder was dahinter steckt, erfährt John von seinem neuen Freund. Auch der Höhepunkt dieser Story wird optisch mitreißend wild, so originell wie skurril inszeniert. Dabei vergisst man fast, dass die Handlung noch einiges schuldig bleibt, vor allem: Wie und warum gelangt der Marsianer in Johns Geist?
Der Comic erscheint bei Panini sowohl in einer Softcover– als auch in einer Hardcover-Variante. Insgesamt ist die Reihe von Deniz Camp und Javier Rodriguez (der übrigens auch tuscht und färbt) auf (leider nur) zwölf Ausgaben angelegt. Ein weiterer Band wird also noch folgen.
Dieser Text erschien zuerst auf: Comicleser.de
Deniz Camp (Autor), Javier Rodriguez (Zeichner): Absolute Martian Manhunter. Band 1: Wahrheit gegen Wahn • Aus dem Englischen von Carolin Hidalgo • Panini, Stuttgart 2026 • 152 Seiten • Softcover/Hardcover • 20,00 Euro (SC), 30,00 Euro (HC)
Bernd Weigand ist schon über vier Jahrzehnte in Sachen Comics unterwegs: lesen, sammeln, übersetzen. Schreibt auch seit 20 Jahren über Comics, seit 2010 auf comicleser.de.

