Ist, wie’s ist – „Spinnenwald“

Bei den Bewohner*innen in Sascha Hommers „Spinnenwald“ ist die Aufklärung längst noch nicht angekommen. Hier wird alles hingenommen, was der Mythos vorsetzt.

„Seit je hat die Aufklärung das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie wollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen“, schrieben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in ihrer „Dialektik der Aufklärung“. So weit sind die Protagonist*innen in Sascha Hommers Comic-Welt noch lange nicht, hier regiert der Mythos: „Einst schufen die Augen die Felsen. Rund um die Felsen schufen sie den Wald und die Spinnen des Waldes“, heißt es im Comic „Spinnenwald“. Hier bestimmt die Furcht das Leben und Denken der Lebewesen, die irgendwie zu überleben versuchen. „Die Augen erschufen auch uns und ließen uns hier auf den Felsen leben.“

Die Augen sind die strafenden Schöpfer, die den Rahmen der Welt bestimmen, in der die Einwohner*innen des Waldes von der Jagd nach Punkis leben, kleinen Geschöpfen, die im Schleim der Waltrauder hausen. Die Waltrauder wiederum sind eine Art Würmer, die im Wald gejagt und als Haustiere gehalten werden. Irgendwo in der Ferne liegt ein „Reich der Wolken“, in das sie ein Bote, ein Erlöser, einst führen wird, so erzählen es zumindest die „Alten“, die für die Überlieferung des Mythos zuständig sind.

So das Setting, in dem eine Gruppe Jugendlicher eine Art Initiationsritus durchläuft und auf die Jagd nach Waltraudern in den Spinnenwald geschickt wird. Gemeinsam mit ihnen lässt Hommer die Leser*innen langsam den Wald erkunden, über Mauern und Bäume klettern oder Jagd auf die Waltrauder machen. Ihren Glauben an das „Reich der Wolken“ hat die Gesellschaft so sehr verinnerlicht, dass niemand auf die Idee kommt, die vorgefundenen Strukturen zu hinterfragen. Selbst die Jugendlichen, die als aufgeklärte junge Menschen eingeführt werden, die sich in ihrem Habitus gar nicht so sehr von anderen Teenagern unterscheiden, nehmen hin, was sie von den Alten vorgesetzt bekommen. Genauso wie die Hintergründe in Hommers schwarzweißem Comic stets durch Rasterpunkte strukturiert sind, klare Formen und Raster die Folie bilden, vor der sich die Handlung entfaltet, wird die grundsätzliche Struktur der Gesellschaft nicht erschüttert.

Einen düsteren Comic hat Hommer mit „Spinnenwald“ abgeliefert, der keinerlei Utopie mehr zulässt, der keinen Fortschritt sieht, nur das Verharren in einem Denken, das hinnimmt statt zu hinterfragen. Selbst als die beiden Protagonisten Dan und Albi am Ende tatsächlich durch Zufall die letzte Hürde ins „Reich der Wolken“ überwinden, ändert sich dadurch nichts – sie sind einfach verschwunden: ins Reich der Aufklärung? Der Rest der Waldbewohner*innen jedenfalls jagt weiter und wartet auf eine Erlöserin. Keine Dialektik, keine Aufklärung, nur Furcht, Punkis und Waltrauder.

Dieser Beitrag erschien zuerst in: Strapazin #136

Sascha Hommer: Spinnenwald • Reprodukt, Berlin 2019 • 152 Seiten • Klappenbroschur • 18,00 Euro

Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins. Zuletzt ist von ihm die Textsammlung „Nach Strich und Rahmen“ erschienen.