Die Comic-Bestenliste – Drittes Quartal 2026

30 Kritikerinnen und Kritiker aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die in Presse, Rundfunk und Internet regelmäßig Comics, Mangas und Graphic Novels besprechen, stellen alle drei Monate eine gemeinsame Bestenliste zusammen.

Die Comic-Bestenliste – präsentiert von Buchmarkt, Comic.de, radio3 rbb und Tagesspiegel – orientiert sich in ihrem Erstellungsverfahren an der renommierten „SWR Bestenliste“ für Literatur.

Die Jurorinnen und Juroren, die am Ende der Seite aufgelistet sind, konnten bis zu vier Comic-Novitäten benennen, denen sie möglichst viele Leser und Leserinnen wünschen, und vergaben je einmal 15, 10, 6 sowie 3 Punkte. Hier folgen jetzt die zehn Bestplatzierten für die zurückliegenden Monate …


Platz 1

Catherine Meurisse:

ALEXANDRE DUMAS ERZÄHLT DIE GESCHICHTE VON DELACROIX (Carlsen)

Hardcover, 140 Seiten, farbig, € 32,00, ISBN: 978-3-551-76047-0 • Übersetzung aus dem Französischen: Lilian Pithan • Leseprobe

Andrea Heinze auf radio 3 rbb und Comic.de: „‚Alexandre Dumas erzählt die Geschichte von Delacroix‘ ist eine dichte Graphic Novel über das Leben und Werk von Eugène Delacroix und die französische Kunstszene des 19. Jahrhunderts. Das macht sehr viel Spaß, weil Dumas so pointiert darüber schreibt und Meurisse so wunderschön und treffsicher zwischen Pathos und Karikatur changiert. Mit dem Wechsel aus Karikatur und Malerei ist dieser Comic ganz ähnlich wie seine Vorgänger. Das expressive Spiel der Farben, das Catherine Meurisse in Delacroix‘ Werken herausarbeitet, ist wichtig. Somit ist diese Graphic Novel geeignet für Fans von Catherine Meurisse und für alle, die auf bissig-kultivierte Art in die französische Kunstszene des 19. Jahrhunderts eintauchen wollen.“


Platz 2

Mathieu Bablet:

SILENT JENNY (Splitter Verlag)

Hardcover, 312 Seiten, farbig, € 49,80, ISBN: 978-3-96792-335-3 • Übersetzung aus dem Französischen: Christiane Sixtus • Leseprobe

Sven Jachmann auf DieZukunft.de: „Nicht dass Bablet sein Herz auf der Zunge trüge: Die Themen schälen sich langsam heraus (aber subkutan scheint es überall zu brodeln), die Motivation der Figuren ergibt sich manchmal allein aus ihrer Konstellation (weswegen man ihre Dialoge gewissermaßen nur beobachtet und erst später versteht), und die Ordnungen dieser Welten zeigen immer dann die Zähne, wenn sich ihre Funktionen als reine Autopoiesis erweisen (warum noch in jedem Bablet-Comic kafkaeske Situationen auftreten). Auch in ‚Silent Jenny‘ führen ausgedörrte Farben durch eine sterbende Welt. Kunstvoll stilisierte Figuren fliehen in monströsen motorisierten Dörfern vor der Hitze der Sonne und den Überresten einer Zivilisation, die ihnen diese Freiheit im Elend nicht überlassen will. (…) Großunternehmen vergeben Aufträge zur lebensbedrohlichen Suche nach Bienen-DNA im verseuchten Innern der Erde, aber an einen solchen Glücksfall scheint schon deshalb niemand mehr zu glauben, weil er die Routine der Verwaltung auf den Prüfstand stellen würde. Auf diesen Grundlagen entwirft Bablet ein ausfransendes Science-Fiction-Ungetüm, dessen Zukunftsvision auf sehr gegenwärtigen Problemen fußt.“


Platz 3

Julia Zejn (Autorin), Matthias Lehmann (Zeichner):

DIE SUMME SEINER TEILE (Reprodukt)

Hardcover, 128 Seiten, s/w, € 20,00, ISBN: 978-3-95640-534-1 • Leseprobe

Sven Jachmann auf DieZukunft.de und Comic.de: „Julia Zejns und Matthias Lehmanns Graphic Novel ‚Die Summe seiner Teile‘ besitzt die Wucht einer ‚Black Mirror‘-Episode, weil sie technologische Entwicklungen und philosophische Fragestellungen der Gegenwart in eine Zukunft verlagert, die zum Greifen nah ist. Wie weit kann sich Liebe vom Körper emanzipieren? Was bleibt von der Identität eines verstorbenen Menschen, wenn sein Bewusstsein in eine App eingespeist wurde, die sein einstiges Ich verlustfrei simulieren kann? (…) Zusammen mit Matthias Lehmanns höchst atmosphärischer Graustufen-Ästhetik entwickelt Julia Zejn eine zurückhaltende und zugleich bedrohliche KI-Vision, deren erste Rumpfableger als ‚digitale Zwillinge‘ schon heute in der kommerziellen Trauerbegleitung eingesetzt werden.“


Platz 4

Bianca Bagnarelli:

KREATUREN (Reprodukt)

Hardcover, 224 Seiten, farbig, € 25,00, ISBN: 978-3-95640-545-7 • Übersetzung aus dem Italienischen: Myriam Alfano • Leseprobe

Christoph Haas in der taz und auf Comic.de: „Uneingeschränkt zu rühmen sind Bagnarellis Qualitäten als Zeichnerin. Ihr Ligne-claire-Stil ist von makelloser Eleganz. Chris Ware dürfte sie beeinflusst haben, ohne dass sie in dessen formalistische Exzesse verfällt. Die Seitenaufteilungen sind sehr variabel und einfallsreich, drängen sich aber nicht zu Ungunsten des Erzählten in den Vordergrund. ‚Philosophie‘ besteht fast nur aus jeweils zwei untereinander gesetzten sehr großen Panels, während in ‚Myriam‘ vier Reihen kleiner Panels abwechselnd nur Schwarz und die Silhouetten von Tanzenden zeigen – und darunter vier größere Panels, in denen die Hauptfigur weinend und einsam an der Bar sitzt. Trotz einer Reduktion, die bei der Darstellung von Gegenständen mitunter an Piktogramme denken lässt, sind Bagnarellis Bilder von einer großen sinnlichen Prägnanz. Ein Panel in ‚Wölfe‘ zeigt eine frühabendliche Landschaft und, spielzeugklein in diese gebettet, eine Kirche und zwei Häuser. Das sind alles nur Linien und Konturen, aber durch die Kolorierung – dunkelgrün die Bäume, in abgestuft hellerem Grün Hügel und Berge, gelb der Himmel, in dem schma­le orangefarbene Wolken schweben – erzielt Bagnarelli eine enorme Tiefe und ­Anschaulichkeit.“


Platz 5

Darcy Van Poelgeest (Autor), Ian Bertram (Zeichner):

PRECIOUS METAL (Cross Cult)

Hardcover, 320 Seiten, farbig, € 35,00, ISBN: 978-3-98666-783-2 • Übersetzung aus dem Englischen: Frank Neubauer • Leseprobe

Mario Zehe im taz-Comicblog und auf Comic.de: „Bleibt schließlich der Eindruck des erratischen, unzugänglichen Charakters des Werkes, den die Lektüre hinterlässt. Es mag seine Ursache darin haben, dass die Autoren die Grenzen des sequentiellen Erzählens gesucht und gefunden, mit den Zeitebenen gespielt und einen ziemlich vertrackten Plot entwickelt haben. Meiner Meinung nach liegt ein wichtiger Grund aber auch in der Tiefenstruktur von ‚Precious Metal‘, die sich einer Grundbedingung des klassischen Erzählens widersetzt, und zwar der Teilung eines semantischen Raumes in zwei gegenüberstehende gegensätzliche Lager (wie es in ‚Little Bird‘ übrigens noch der Fall ist). Statt Polarisierung erwartet die Leser*innen maximale Komplexitätssteigerung und eine Vervielfältigung der Frontlinien. Wer Freund und wer Feind ist, ist zeitweise kaum noch zu bestimmen. Diese hochgradige Verunsicherung des Protagonisten (wie übrigens auch der Leser*innen) über das, was hier eigentlich Sache ist, entspricht ziemlich genau dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Vertrauens- und Orientierungsverlust und wird damit zu einer übergreifenden Trope.“


Platz 6

Luc Jacamon:

DER MAGIER IM KREML (Schreiber & Leser)

Hardcover, 144 Seiten, farbig, € 29,80, ISBN: 978-3-96582-247-4 • Übersetzung aus dem Französischen: Resel Rebiersch • Leseprobe

Mathias Heller in NDR Kultur: „Der Franzose Luc Jacamon schafft mit seinen Zeichnungen schnell ein Gefühl von Weite, Kraft, Bedrohlichkeit oder auch Intensität. Ob bei einer Bärenjagd in der Tundra oder dem ersten Treffen mit Putin in einem Café. Detailreiche Perspektiven aus der Totalen wechseln sich mit Nahaufnahmen ab, die jede Regung einzufrieren scheinen. Unterstützt werden die in klassischen Comic-Panels gezeigten Bilder durch warme oder auch kalte Farbwahl. ‚Der Magier im Kreml‘ erzählt nicht nur einen spannenden Polit-Thriller im Großformat, sondern blickt auch hinter die Türen vom Machtapparat Mütterchen Russlands. Rasant, aufregend und nachdenklich stimmend.“


Platz 7

Robin Recht (Szenario), Jean-Baptiste Hostache (Zeichner):

SIE NANNTEN SIE JUNIOR UND SENIOR (Splitter Verlag)

Hardcover, 104 Seiten, farbig, € 22,00, ISBN: 978-3-69258-011-1 • Übersetzung aus dem Französischen: Tanja Krämling • Leseprobe

Bernd Weigand auf Comic.de: „Willkommen zu einem Film, den Bud Spencer und Terence Hill (leider) nie gedreht haben. Denn wer die Vorbilder von Junior und Senior sind, liegt nicht nur auf der Hand, sondern ist auch von Autor Robin Recht voll beabsichtigt. Das Duo Spencer-Hill war in den 1970er- und 1980er-Jahren nicht nur in seinem Heimatland Italien und in Deutschland äußerst populär, sondern feierte auch in Frankreich große Erfolge. (…) Zeichner Jean-Baptiste Hostache, der sich zuletzt mit „Es war einmal Amerika“ einem ganz anderen Thema widmete, setzt das Geschehen locker stilisiert und pointiert in Szene. ‚Junior & Senior‘, gleichsam Parodie und Hommage, ist abgeschlossen und trägt keine Nummer, wobei der Band auf der Splitter-Website als Nr. 1 geführt wird. Das lässt hoffen.“


Platz 8

Patrick Horvath:

BENEATH THE TREES – WO NIEMAND DICH SIEHT Band 1 (Panini)

Hardcover, 152 Seiten, farbig, € 29,80, ISBN: 978-3741650-83-3 • Übersetzung aus dem Englischen: Josy Rother • Leseprobe

Sven Jachmann auf DieZukunft.de: „‚A Portrait of a Serial Killer‘ lieferte schon 1986 John McNaughtons Bravourstück ‚Henry‘, das mit dokumentarischer Strenge dem titelgebenden Serienmörder so verstörend nahe kam, wie es keiner True-Crime-Doku jemals gelingen wird. Aber das sind die Gesetze des Films. Im Comic gibt es weitere Konventionen, mit deren Hilfe die Betulichkeit einer scheinbar harmlosen Welt auf die Probe gestellt werden kann. Der US-amerikanische Comiczeichner Patrick Horvath setzt in seinem Debüt, das bereits für einen Eisner- und Bram-Stoker-Award nominiert war und einen Harvey-Award erhalten hat, auf die basics: knuddelige Tierfiguren in einer herrlich aquarellierten Kleinstadt. (…) Dass der Comic im Erscheinungsjahr von ‚Henry‘ spielt und außerdem eine zweite Serienkillerfigur auftreten lässt, deren Hemmungslosigkeit das geordnete System der Hauptfigur gefährdet, darf man als Referenz verstehen, auf wessen riesige Schultern wir hier durchs Schlachterwunderland geführt werden.“


Platz 9

Katharina Kulenkampff:

BETTER CALL MEERSCHWEINCHEN (Rotopol)

Hardcover, 56 Seiten, farbig, € 22,00, ISBN: 978-3-96451-070-9 • Leseprobe

Mechthild Wiesner auf Comic Report online: „Obwohl es eine Kapitelaufteilung gibt, lassen sich die einzelnen Seiten wie ein Comicstrip lesen. Wobei es nie um die große Pointe, eher um die feinen, leisen und oft skurrilen Beobachtungen des Alltags geht. Der Wunsch nach Zugehörigkeit und die Schwierigkeiten des sozialen Miteinanders werden thematisiert, ebenso wie der Kampf des Stinktiers, aus einer depressiven Phase herauszufinden. Am Ende scheint alles besser, obwohl eigentlich nicht viel passiert ist. Aber es gab Freundschaft und Zuwendung. Und oft ist es genau das, was es braucht. Kulenkampff behandelt das Thema mentale Gesundheit auf subtile, sehr respektvolle und angemessene Art, rein als Beobachterin. Ohne zu behaupten, dass sie die Lösung kennen würde, gibt sie doch die Hoffnung darauf, dass bessere Zeiten kommen können.“


Platz 10

Tobias O. Meißner (Autor), Reinhard Kleist (Zeichner):

BERLINOIR – Neuausgabe (Carlsen)

Hardcover, 176 Seiten, farbig, € 30,00, ISBN: 978-3-551-80915-5 • Leseprobe

Felicitas Kleiner auf Filmdienst.de: „Mit ‚City of Blood‘ startet bei Disney+ eine Serienadaption des Stoffes, die ‚Berlinoir‘ in einen aktuellen Kontext überführt. Statt einer alternativen deutschen Geschichte entwirft Regisseur Philipp Kadelbach eine dystopische, vom Klimawandel geprägte Zukunft. Es ist spannend, wie sich das auf den Verlauf der Geschichte und die Visualität auswirkt. Denn die Optik ist die große Stärke der Graphic Novel. Die Panels von Reinhard Kleist punkten nicht nur mit einer expressionistischen, von Hell-Dunkel-Kontrasten befeuerten Dramatik, sondern entfalten eine ungemein suggestive Atmosphäre und Rhythmik. Schon rein formal vermittelt die häufige Montage extrem schmaler, in die Höhe gezogener Panels ein Flair, das an enge Straßenschluchten erinnert und eine klaustrophobisch-ausweglose Stimmung verbreitet.“


DIE MEDIENPARTNER

BuchMarkt – Das Ideenmagazin für den Buchhandel
Comic.de – Das Magazin für Comic-Kultur im Internet
radio3 rbb – Deine Ohren werden Augen machen
Der Tagesspiegel – Die größte Zeitung der Hauptstadt


DIE JURY

Niels Beintker (Bayerischer Rundfunk, https://t1p.de/8o0h)
Christian Blees (Die Sprechblase, http://t1p.de/wv34)
Barbara Buchholz (Der Tagesspiegel, Schnüss, http://t1p.de/p02p)
Anne Delseit (Animania, https://t1p.de/ae4v)
Christian Endres (die zukunft, Geek!, http://t1p.de/ukpk)
Birte Förster (Titel Kulturmagazin, Der Tagesspiegel, http://t1p.de/qtej)
Christian Gasser (Radio SRF 2, Neue Zürcher Zeitung, http://t1p.de/mlz5)
Meheddiz Gürle (Lektoratsdienste des ekz.bibliotheksservice, https://t1p.de/qsog)
Christoph Haas (Süddeutsche Zeitung, taz. die tageszeitung, http://t1p.de/fqdm)
Volker Hamann (Alfonz, Reddition, http://t1p.de/lr8o)
Andrea Heinze (Deutschlandfunk, rbbKultur, https://t1p.de/lcg9)
Jule Hoffmann (Deutschlandfunk Kultur, http://t1p.de/htfj)
Sven Jachmann (Comic.de, DieZukunft.de, Tagesspiegel, https://t1p.de/pe4jj)
Alex Jakubowski (ARD-aktuell, Comic-Denkblase, https://t1p.de/34ug)
Lucas Sebastian Jordan (Manga Passion, https://t1p.de/7ig7)
Martin Jurgeit (Buchreport, die neunte, http://t1p.de/mnzr)
Michael Klamp (Ostsee-Zeitung, Rostock, https://t1p.de/z4pe)
Karin Krichmayr (Der Standard, http://t1p.de/yjp7)
Gerrit Lungershausen (Comicgate, Comic.de, Closure, http://t1p.de/7xy3)
Mattes Penkert-Hennig (Dein Antiheld, http://t1p.de/5j86)
Claudia Reicherter (Reutlinger General-Anzeiger, http://t1p.de/8v3n)
Martin Reiterer (Wiener Zeitung, http://t1p.de/71xu)
Volker Robrahn (Comic-Talk, https://t1p.de/lz67i)
Martin Schöne (3sat, http://t1p.de/qzyh)
Sabine Scholz (Animania, Der Tagesspiegel, http://t1p.de/g2ju)
Christa Sigg (Abendzeitung, http://t1p.de/g2ju)
Anna Mháire Stritter (Orkenspalter TV, https://t1p.de/lyts)
Lars von Törne (Der Tagesspiegel, http://t1p.de/zuip)
Ralph Trommer (taz.die tageszeitung, http://t1p.de/cagt)
Gesa Ufer (Deutschlandfunk Kultur, rbb radioeins, https://t1p.de/1ky28)