Das beeindruckende Debüt der Hamburger Zeichnerin Judith Kranz entführt in eine merkwürdige, postapokalyptische Welt, die nur noch von Bäumen am Leben gehalten wird.
Erst dachte ich an die Spermien aus Woody Allens „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten“ von 1972. Im Kapitel „Was geschieht bei der Ejakulation?“ warten die Spermien gespannt auf den Höhepunkt ihrer Ausbildung. Es sind in weiße Overalls und Masken gehüllte emsige Samenmännchen. Nur ein Exemplar, das eine schwarze Hornbrille trägt, hat Angst, weil es nicht weiß, was passieren wird. Doch seine Kollegen erinnern es an seinen Eid und es fügt sich in sein Schicksal. Das Satireformat „extra3“ missbrauchte die Episode als Vorlage für den Film „Boris Beckers Samenraub“.
Aber Schluss mit lustig, obwohl auch dem auch im Format ungewöhnlichen „Soma“ von Judith Kranz ein verblüffend leichter Zauber innewohnt. Ihr Debüt, zum Teil im Rahmen ihrer Bachelorarbeit im Studiengang Illustration an der HAW Hamburg entstanden, entführt in eine surreale Pflanzenlandschaft, durch die Wesen in luftdichten Overalls und Masken wuseln. Sie bewegen sich öfter synchron, bereiten kollektiv etwas vor, stimmen sich aufeinander ab. Gehören zusammen. Handeln gemeinsam. Und füreinander. Der Anfang ist ruhig, wir haben Zeit uns in diese andere, fremde Welt voller surrealer Pflanzen einzugewöhnen. Bis Seite 43 besteht jede Seite aus einem Einzelbild. Bleistift, meisterhaft detailliert. Stimmungsvoll. Dann werden es mehr und es wird klar: Dies ist eine Geschichte aus ein anderen Welt. Eine, in der die Erde, das Wasser, die Luft verseucht sind. Sie heißt Soma. (Im Griechischen bedeutet dieses Wort „Körper“.)

Das kleine Volk der Soma hat gelernt, in einer feindlichen Umgebung zu überleben – dank ihrer Verbündeten: den Bäumen. Die versorgen die Soma mit Nahrung und neuem Leben, aber das hat seinen Preis. Als Lan sich für die Gemeinschaft opfern soll, flieht sie, gemeinsam mit Iri, und es beginnt eine Reise in ein verseuchtes, unbekanntes Land, aus dem noch nie jemand zurückgekehrt ist…
Dieses Debüt ist wirklich Master Class. Und dazu eine elegante Hommage an die Graphic-Novel-Meisterin Anke Feuchtenberger („Genossin Kuckuck“), die Professorin und Mentorin von Judith Kranz. Die Wesen in ihren Overalls und den Gesichtsmasken in Steckdosenoptik gewinnen Individualität, die Erzählung Drive und visuelle Opulenz. Diese Graphic Novel entführt tatsächlich in eine andere Welt. Die filigranen Bleistiftzeichnungen bleiben im Gedächtnis.
Diese Kritk erschien zuerst am 01.04.2026 in: CulturMag
Judith Kranz: Soma • Reprodukt, Berlin 2025 • 192 Seiten • Hardcover • 29,00 Euro
Alf Mayer ist Mitherausgeber und Chef vom Dienst des monatlichen Webmagazins CulturMag, war früher Redakteur der legendären Fachzeitschrift „medium“, Chef der Filmbewertungsstelle, Filmfestival-Kurator und vieles mehr.

