Männer, die auf Frauen starren

Spätestens mit dem US-Underground der späten 60er Jahre wurde der Comic auch zur gezeichneten Bekenntnisschrift sexueller männlicher Devianz, qualitativ mit großem Vorsprung angeführt von Robert Crumbs Neigungs- und Fetischoffenbarungen, an denen weniger die Drastik, als der zur Kunst erhobene und ohne Scheu zur Schau getragene Selbsthass schockiert. In den frühen Neunzigern gerieten die Bilderwelten schon sittsamer, eigenbrötlerischer, als Zeichner wie Joe Matt oder Chester Brown begannen, in ihren selbstverlegten Heftreihen von ihrer Pornosucht oder der derangierenden Wirkung des christlichen Tugendkomplexes auf ihre sexuelle Selbstfindung als Pubertierende zu erzählen.

Florian Winter (Autor und Zeichner): „XES“.
Avant-Verlag, Berlin 2020. 360 Seiten. 25 Euro

Mittlerweile ist das Medium vielleicht vollends zum Therapeutikum geworden. „XES“, das autobiografische Debüt des Comiczeichners Florian Winter – ein Pseudonym aus Gründen –, behandelt das Thema Sexsucht. Wobei der autobiografische Anteil für die Story zweitrangig ist: Mit seinem spindeldürren Körper und dem übergroßen Kopf mit Riesennase stilisiert Winter sein Alter Ego Flo zum Allerweltsfigürchen, dessen Funny-Charakteristika allen Leser*innen die Hand zur Anteilnahme reichen. Zum Einstieg sehen wir auf sieben Panels eine geschlossene Tür. Erst im achten öffnet sie sich, rotes Licht – fortan Synonym des Begehrens und Kitzels und einzige Signalfarbe einer ansonsten in Schwarz-Weiß-Grau getauchten Welt – strahlt aus dem Raum. Heraus tritt Flo, offensichtlich aus dem Bordellzimmer einer Prostituierten, um nur drei Bilder weiter die Tür zu einer Selbsthilfegruppe zu öffnen. Erster Satz: „Hi, ich bin Flo und ich bin sexsüchtig.“

Der Bogen ist zwischen Ich-Erzählung und Ratgeber gespannt, darum versorgt uns Winter auch nicht mit eindeutigen Antworten darauf, was zu seiner Sexsucht geführt hat, sondern streift Erklärungsangebote, welche Elemente sie begünstigten: der vor allem für die begleitende Oma schamhafte wöchentliche Routinebesuch beim Arzt, der dem Jungen ohne weitere Erklärungen Spritzen injiziert, die zu unkontrollierten Erektionen führen, die Sexmagazine des Onkels, die Abwesenheit des Vaters, den die Familie zur persona non grata erklärt, der erste Puffbesuch, die leichte Zugänglichkeit von Pornos im Internet, die Einsamkeit beim Masturbieren. Die Folgen jedenfalls sind existenziell: Jobverluste, zerstörte Beziehungen, andauerndes Schamgefühl sind die Wegbegleiter in jeder neuen Lebenspassage.

Um den Sog der Sucht zu vermitteln, schöpft Winter aus dem ganzen Zeichenrepertoire des Comics. Dokumentarische Blöcke wechseln zu Superhelden-Splashpages, rasante Manga-Action-Sequenzen und schnelle Perspektivwechsel münden in kontemplative Abschnitte, und dass darum die 360 Seiten recht schnell gelesen sind, wirkt wie ein letzter Rückkopplungseffekt, den sich ein Abhängiger von der schnellen Befriedigung verspricht.

Florent Ruppert, Jérome Mulot: „Die Perineum-Technik“.
Aus dem Französischen von Andreas G. Förster. Reprodukt, Berlin 2020. 104 Seiten. 20 Euro

Weniger Pathologie, mehr Schlüpfrigkeit verspricht die Graphic Novel „Die Perineum-Technik“ des französischen Künstlerduos Florent Ruppert und Jérôme Mulot. Beide überraschen regelmäßig mit ihrem Hang zum grafischen Experiment, hier deckeln sie ihn aber mit einer Story im bürgerlichen Lusttaumel. Bilder von Sex sind für Connaisseure metaphernfreudig verfremdet.

Der Plot setzt Arthur Schnitzler mit seiner „Traumnovelle“ im Hinterkopf für eine Zeitraffer-Sitzung vor „Der letzte Tango in Paris“ und presst aus diesen Inspirationsquellen eine wehleidige männliche Künstlerseele, die im anfänglich halbanonymen Sex-Experiment nicht mehr die vereinbarte Distanz zu wahren schafft, weil sie von der Liebe spontan überwältigt wird. Denn eigentlich, Zeitgeist und so, treffen sich die beiden Hauptfiguren JH und Sarah ausschließlich zum Webcam-Sex. Aber irgendwann will der gutsituierte, jedoch kreativ ausgebrannte Videokünstler JH mehr und schafft es, Sarah zu einem Treffen nach ihren Bedingungen zu überreden. Sie schleppt ihn zu einer Elite-Orgie in ein Herrenhaus. In seiner Fantasie verpasst sie ihm dort einen Handjob an der voll besetzten Tafel. Tatsächlich tätschelt sie ihm auf einer Couch in Distanz zum Geschehen liebevoll den Kopf, kurz darauf pennt er ein. Danach verschwindet sie für vier Monate aus beruflichen Gründen, empfiehlt zuvor aber die „Perineum-Technik“ des Titels, die dem Mann multiple Orgasmen verschaffen soll, wenn er die Ejakulation zu unterdrücken lernt. Wegen der langen Enthaltsamkeit grantig – die gesamte Erzählperspektive begnügt sich mit den Nöten des männlichen Parts und interessiert sich für die Sarah-Figur nicht die Bohne –, blafft JH seine Mitarbeiter*innen wochenlang an (die für spontane Sexdates schon mal einstündige Pausen einlegen dürfen, man kann ja über alles klönen), später bei ihrer Rückkehr auch Sarah, weil sie nicht sofort, wie von ihm erhofft, als Dank für seine Orgasmusaskese bei ihrem ersten Wiedersehen in einem Restaurant auf dem Klo über ihn herfällt. Aus Frust wird dann noch eine Mitarbeiterin zu Sarahs temporärem Sex-Surrogat, und auf JHs finaler Vernissage sind schließlich alle wieder halbwegs miteinander zufrieden. Eine Romanze zwischen ihm und Sarah kündigt sich doch noch an.

Diese femme war nur deshalb fatale, weil sie eigene Lebenspläne verfolgt, und im zeitgenössischen Noir, den der Neoliberalismus schreibt, ist weibliche Unterordnung immer noch das beste Mittel gegen das männliche Leiden – für solche Pimmelnöte im Emanzipationssimulator mit Backlash-Ticket für den 1950er-Notausstieg musste Robert Crumb nun wirklich nicht die Hosen runterlassen.

Hier gibt es ein Interview mit Florian Winter zu „XES“.

Sven Jachmann ist Comic.de- und Splitter-Redakteur und Herausgeber des Filmmagazins filmgazette.de, schreibt für KONKRET, Tagesspiegel, ND und Junge Welt. Beiträge u. a. in Taz, TITANIC, Jungle World, Der Schnitt, Pony, Das Viertel, Testcard, kino-zeit.de sowie für zahlreiche Buch- und Comicpublikationen und DVD-Mediabooks.

Seite aus „XES“ (Avant-Verlag)