Marsch auf die Pharmakonzerne – „Die alten Knacker“

Nein, in dem aktuellen Band „Die Zauberin“ geht es ganz bestimmt nicht um Magie. Die Zauberin ist eine seltene Riesenheuschrecke, die ausgerechnet dort gesichtet wurde, wo der Pharmakonzern Garan Servier eine neue Fabrikhalle bauen will. Natürlich wird dort gleich ein Protestcamp von bestens vernetzten jungen Umweltaktivisten aufgebaut. Und auch die drei alten Knacker mischen da mit – allen voran Pierre, der in Paris mit seiner sabbernden Seniorengang immer wieder Hipster-Lokale aufmischt, um gegen Gentrifizierung zu protestieren. Allein das sorgt für viele komische Momente. Richtig gut wird die Geschichte aber, weil Wilfrid Lupano hier nicht einfach Gut gegen Böse antreten lässt, sondern alle Beteiligten irgendwie auch eigene Interessen haben. Lupano hat sich all die Verwicklungen zusammen mit dem Zeichner Paul Cauuet ausgedacht: „Mit den alten Knackern wollten wir eine zeitgenössische Geschichte erzählen – und wir wollten über das Erbe sprechen, das eine Generation der nächsten hinterlässt. Also, es geht da nicht um finanzielle Erbschaften, sondern um Gesellschaftsmodelle und wie wir die Welt der nächsten Generation hinterlassen. Das heißt, wir wollten eine Geschichte mit unterschiedlichen Generationen, in der die eine Generation auf die andere guckt und umgekehrt.“

Wilfrid Lupano (Text), Paul Cauuet (Zeichnungen): „Die alten Knacker Bd. 4: Die Zauberin“.
Aus dem Französischen von Tanja Krämling. Splitter, Bielefeld 2017. 56 Seiten. 14,80 Euro

Lupano erzählt davon in vielen kleinen Anekdoten: wie die Alten verärgert sind, weil der Landarzt in Rente geht und wegen des Ärztemangels ausgerechnet eine Rumänin die Praxis übernimmt. Die Fernsehserie „Game of Thrones“ wird zwar richtig zitiert, aber immer falsch ausgesprochen. Und die verzweifelte Suche der jungen Aktivisten nach W-Lan-Empfang beobachten die Alten mit verwunderter Gelassenheit. Es wird also durchaus das ein oder andere Klischee gestreift – nur eins vermittelt Lupano nie: dass die Alten hilfsbedürftig sind: „Seltsamerweise wird das in fiktionalen Stoffen kaum dargestellt. Wenn da Alte mitspielen, dann sind die meist auf ihr Alter reduziert und die jungen Frauen oder Männer werden viel komplexer dargestellt – das ist verrückt, weil wenn du jung bist, weißt Du gar nichts über das Leben. Und genau das will ich in den ‚alten Knackern‘ erzählen: Altern heißt nicht Reduktion, sondern die Verfeinerung der Persönlichkeit.“

Ebenso prägnant wie die Charaktere sind die Zeichnungen von Cauuet. Die schwabbelnden Tränensäcke und das schlaff hängende Wangenfett sind den Alten so drastisch ins Gesicht gezeichnet, dass man am liebsten fortrennen möchte – und es dann doch nicht tut. Weil auch die Jungen wie ganz normale Menschen gezeichnet sind – und nicht wie Supermodels. Und weil die Mimik der Figuren so großartig ist, dass es eigentlich keine Sprechblasen braucht. In den alten Knackern mischen sich Unterhaltung und Anspruch – und genau das will Wilfrid Lupano mit seinen Comics erreichen: „Die Graphic Novel ist oft sehr engagiert – fühlt sich sozialen oder politischen Kämpfen verpflichtet und ist manchmal ganz schön langweilig. Und der klassische Comic auf der anderen Seite ist oft der blanke Wahnsinn und verrückt und einfach nur Spaß – aber manchmal eben auch ziemlich sinnfrei. Und ich will das beides mixen, um den perfekten Cocktail zu bekommen.“

Das gelingt übrigens auch mit dem Bilderbuch „Der Wolf im Slip„, das gleichzeitig mit dem vierten Band erschien und eine Art Auskopplung ist. Hier wird das Puppentheater, das im Comic aufgeführt wird, als Bildergeschichte erzählt – in der sämtliche Zuschreibungen, die den Wolf als böse und unheimlich brandmarken, urkomisch ad absurdum geführt werden. Lupano hat damit gleich eine neue Serie begonnen – Ende Mai soll der zweite Band vom Wolf im Slip erscheinen. Und auch „Die alten Knacker“ sind noch nicht auserzählt: „Wie haben gesagt, es wird drei Bände geben, weil am Anfang weiß man nie, ob eine Reihe funktioniert – ob die Leute das mögen. Wir haben deshalb gedacht, wir machen drei Bände – aber eigentlich haben wir nie gesagt, dass wir nur drei machen. Am Ende werden es sechs Bände, glaub ich.“

Und wenn es noch mehr würden, wäre das eigentlich eine gute Nachricht.

Dieser Text erschien zuerst auf: Deutschlandfunk.

Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.