Spektakel des agilen Körpers – „Wonder Woman“

© Warner Bros. Entertainment

Blockbuster-Kino darf wieder Spaß machen, hieß es vergangene Woche an dieser Stelle über „Die Mumie“. Auch „Wonder Woman“, der mittlerweile vierte Teil des hastig zusammengeschusterten „Shared Universe“, mit dem der Comicverlag DC auf die Kino-Fernsehserie des Konkurrenten Marvel reichlich verspätet reagiert, könnte ohne weiteres unter diesem Motto stehen. Nachdem mit den ersten beiden Franchise-Filmen „Man of Steel“ und „Batman v Superman: Dawn of Justice“ der ganz große Opernschwulst männlichen Leidens an der Welt auf die Leinwand kam und mit „Suicide Squad“ der arg verhauene Versuch, das DC-Comicuniversum mit streetsmartem Pop-Zynismus anzureichern, fühlt sich „Wonder Woman“ wie eine Besinnung aufs Wesentliche an: zurück zu den Ursprüngen, zurück zum Kino-Spaß.

Im Modus eines fast schon naiven, geradezu altmodischen Fantasy-Abenteuerfilms wird zunächst eine „origin story“ erzählt – und zwar nicht nur einer Heldin, sondern, wenn man so will, des Superheld(inn)enmythos generell: Demnach habe Zeus die Menschen geschaffen – Alt-Philologen hören bitte weg – und ihnen zum Schutz die Amazonen zur Seite gestellt, nachdem der Kriegsgott Ares zu viel mit dem Feuer gespielt hatte. Abseits von Raum und Zeit halten sich die Kämpferinnen auf der Insel Themyscira bereit, für den Fall, dass Ares die Erde wieder mit Krieg überziehen sollte. Unter den Kriegerinnen befindet sich die kleine Prinzessin Diana, die mit Staunen beobachtet, zu was die Amazonen fähig sind. Gegen den Willen ihrer Mutter lässt sich auch Diana in der Kampfkunst unterweisen – bis eines Tages nicht mehr zu übersehen ist, dass in der Prinzessin weit mehr Fähigkeiten schlummern als lediglich ein Talent zum Schwertkampf.

Der Erste Weltkrieg sucht dieses Idyll, das man als Zuschauer bis dahin ins antike Griechenland verlegt hätte, ruppig heim, wenn die Insel durch einen Spalt im Zeitkontinuum mit einem Schwadron deutscher Soldaten und deren Schusswaffen konfrontiert wird. Vom britischen Spion Steve Trevor (Chris Pine) erfährt die mittlerweile zur jungen Frau herangewachsene Diana (Gal Gadot), dass die Mutter aller Kriege den Globus heimsuche – die Amazone wittert darin das Werk des Kriegsgotts, den sie ein für allemal erledigen will. Als einzige der Amazonen macht sie sich auf, um Ares zu stellen.

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Weitgehend frei von zwanghaften Verweisen auf das übergeordnete Filmuniversum gestattet sich „Wonder Woman“ den Luxus, eine in sich abgeschlossene Geschichte zu erzählen und erinnert damit an eine Zeit im Kino, in der es tatsächlich noch ein seltenes Wunder war, liebgewonnene Comicfiguren in Fleisch und Blut vor sich zu haben. Und das mit Recht: Zwar ist „Wonder Woman“ keineswegs der erste Film mit einer Superheldin, aber dass das Kino die Geschichte einer der immerhin ersten eigenständigen Superheldinnen erst so spät aufgreift, ist doch auffällig. Vielleicht auch deshalb erzählt Jenkins die Heldinnenwerdung aus einem naiv-bunten Paradies heraus, in das die hässlich-triste Welt der Männerkriege des 20. Jahrhunderts wie ein Schock hereinbricht: Was im gängigen Superheldenkino lange vorbereitet werden konnte – der erste kanonische „Superman“-Film aus den 70ern stammt immerhin aus einer Zeit, in der so einschneidende, düstere Comics wie „The Dark Knight Returns“ und „Watchmen“ (beide 1986) noch nicht einmal konzipiert waren -, muss „Wonder Woman“ in aller Plötzlichkeit nachholen.

Aber – und das ist das Entscheidende – die Figur selbst wird darüber nicht zynisch. In einem zentralen Moment sieht sich Wonder Woman mit der Frage aller Superhelden konfrontiert: Warum sich aufreiben für eine Menschheit, die diese Mühe allem Anschein nach nicht wert ist? Anders als Batman und Superman, die über solche Fragen zu grüblerischen Meistern der Nabelschau mit Jesus-Komplex werden, sagt sich Wonder Woman einfach: Deshalb.

Erzählt ist das unterhaltsam, in einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Schauwert-Exzess, mitreißenden Szenen und bloßem Storytelling. Auch das Feingespür für Genderfragen ist bei Regisseurin Jenkins eine Selbstverständlichkeit. Zwischendurch gibt es etwa eine heitere Vignette, in der Diana zwecks Camouflage in die geziemliche Frauenmode der 10er Jahre eingekleidet werden soll. Für die freiheitsliebende Amazone ist die Frauenkleidung dieser Tage ein Körpergefängnis, eine Zumutung. Zur Frau wird man bekanntlich nicht geboren, sondern – eben auch mit disziplinierender Mode – gemacht.

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Ist der Film deshalb die feministische Meisterleistung, als die er von vielen Seiten marketingträchtig ausgerufen wird? Wenn junge und ältere Frauen im Kino zur Abwechslung einmal mit taffen Frauen mitfiebern können, ist das weiß Gott nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil. Wenn Nerds von ihren Testosteron-Monstern ein bisschen Abstand erhalten, sowieso nicht. (Und ganz nebenbei: Dass Regisseurin Patty Jenkins nach ihrem vielbeachteten, oscarnominierten Debüt „Monster“ nach 14 Jahren nun erstmals wieder einen Kinofilm drehen darf, ist einerseits erfreulich, andererseits ist die lange Durststrecke ein Skandal.)

Dennoch bleiben, was diese Facette des Films betrifft, ein paar Vorbehalte. Die haben damit zu tun, dass es immer sonderbar wirkt, wenn sich emanzipatorische Ziele an eine multimillionendollarteure Ware eines internationalen Konzerns knüpfen – eine bloße Marktausdifferenzierung des Spätkapitalismus ist kein Indiz für tatsächliche Emanzipation. Fraglich bleibt auch, ob Superheld(inn)en-Narrative überhaupt für emanzipatorische Großerzählungen taugen: Dass „Wonder Woman“ eben keine normale Frau ist, sondern eine Ausnahme nach allen Regeln der Kunst, sagt ja bereits der Titel. Auch der Rest des Films unterscheidet klar zwischen Wonder Woman und den übrigen Frauen. Die Geschichte, dass Frauen mit besonderen Befähigungen alles erreichen können, riecht zunächst einmal nach einem sozialdemokratischen Feminismus für die Chefetage. Der ist eine schlechte Sache nicht per se. Doch den (eben vorrangig weiblichen) Reinigungskräften, die diese Chefetage nachts putzen, ist damit kaum geholfen. Die Abschaffung des Patriarchats – bitte gern, klaro – hat eben nicht bloß mit Personalfragen zu tun.

Sondern auch mit Ästhetik. Wonder Woman stellt eben auch ohne Weiteres ein ideales Produkt im Sinne feministischer Filmtheorie nach Laura Mulvey dar – nicht zuletzt in den fetischisierenden Zeitlupenaufnahmen, die das Spektakel des agilen Körpers auskosten. Ein Promo-Shot zum Film betont sogar – man darf spekulieren: mithilfe von Bildmanipulation – die Brustwarzen der Figur, eine glatte Preisgabe des Projekts des Films zu Promozwecken.

Vielleicht ist die Sache also etwas komplizierter. Vielleicht ist es generell schwierig, derartige Unterhaltungsprodukte mit solchen Diskursen zu beladen. Spaß und Freude sollte man sich davon jedenfalls nicht nehmen lassen. Auch wenn es nicht schadet, zu wissen, dass der Film von Steven Mnuchin produziert wurde. Das ist der US-Finanzminister unter Donald Trump.

Dieser Text erschien zuerst am 15.06.2017 auf: perlentaucher.de

Wonder Woman
USA 2017

R: Patty Jenkins – B: Allan Heinberg – P: Charles Roven Deborah Snyder, Zack Snyder, Richard Suckle – K: Matthew Jensen – S: Martin Walsh – M: Rupert Gregson-Williams – A: Aline Bonetto – V: Warner Bros. Pictures – L: 140 Min – FSK: 12 – D: Gal Gadot, Chris Pine, Robin Wright, Connie Nelason, David Thewlis, Elena Anaya, Ewen Bremner

Thomas Groh, Jahrgang 1978, lebt seit 1997 in Berlin, ist Redakteur bei Deutschlandfunk Kultur und schreibt u. a. für die taz, den Tagesspiegel, den Perlentaucher und weitere Medien über Filme. Im Netz anzutreffen ist er in seinem Blog und auf Twitter.