MS. MARVEL 1 – Neue Heldin mit alten Problemen

ms-marvel1_softcover_332Eine Superheldin, die in ihrer aktuellen Reinkarnation für Furore sorgt: Ms. Marvel. Im normalen Leben heißt sie Kamala Khan, lebt in Jersey City, New Jersey und ist fest in ihrer pakistanischen Herkunft verwurzelt. Ihre Serie wurde mit dem renommierten Hugo Award (Best Graphic Story, 2015) ausgezeichnet und war für den Eisner Award nominiert. Und ergatterte hierzulande bei den Comics des Jahres immerhin einen mehr als respektablen vierten Platz (Tagesspiegel-Ranking 2015). Die Figur der Ms. Marvel erblickte 1977 das Licht der Superhelden-Comicwelt. Hinter der Maske verbarg sich damals Carol Denvers, die gegenwärtig als Captain Marvel (auch eine Figur mit langer und bewegter Historie) unterwegs ist und die wir in Band 3 der Vorgängerserie gemeinsam mit Kamala in einem Team-Up erleben konnten. Carol Denvers ist Kamalas Vorbild und der Grund, weshalb diese, dem Terrigen-Nebel ausgesetzt, zur Inhuman und zur neuen Ms. Marvel wurde.

Nachdem wir in der ersten Serie, die Panini in drei Bänden veröffentlichte, Kamalas Wandlung zur verantwortungsbewussten Superheldin verfolgen konnten, ihre neuen Kräfte, ihr Umfeld und ihre Freunde kennenlernten, geht es nun, nach dem Secret Wars Event, das Band 3 beschloss, im neuen Band 1 mit einem großen Schritt weiter: denn Kamala ist nun im (mal wieder) neuen Marvel Universum offiziell stolzes Mitglied der Avengers! Doch zuerst muss sie sich mit einem Problem in ihrer Stadt beschäftigen. Eine neue, aggressiv auftretende Immobiliengesellschaft namens Hope Yards Development & Relocation Association (wer jetzt pfiffig ist, liest mal die Anfangsbuchstaben laut vor) kauft im großen Stil Häuser auf und vertreibt deren Bewohner. Nicht genug damit: man wirbt auch noch mit dem Konterfei von Ms. Marvel. Unerlaubt aber durchaus wirkungsvoll. Klar, dass sich damit weder Hope Yards noch Ms. Marvel in der Bevölkerung sonderlich beliebt machen. In der zweiten Storyline geht ein vermeintlich cleverer Trick Kamalas nach hinten los: Nachdem ihr Kumpel und Wissenschaftsgenie Bruno per 3D-Drucker (!) Klone von ihr herstellt, die sie in der Familie und in der Schule vertreten sollen (so kann sie sich nämlich ganz auf ihr Rächer-Dasein konzentrieren), läuft die Sache komplett aus dem Ruder. Immer mehr Klone entstehen, bis ganz Jersey City von falschen Kamalas überflutet wird. Jetzt können nur noch die Avengers helfen…

Eine muslimische Superheldin, das sorgte, als die Serie mit der neuen Ms. Marvel in den USA startete, für gehörigen Wirbel. Dann werden in Kamalas Familie auch noch die Traditionen aus der pakistanischen Heimat gepflegt. Und Kamalas Bruder Aamir ist sogar ein streng gläubiger Muslim. Und Kamala? Ist sechzehn. Steht voll im Saft, will sagen, in der Pubertät. Und ist von dem typischen Leben, das ihre amerikanischen High School-Altersgenossen führen, weitest gehend ausgeschlossen. Jungs, Partys, Alkohol, Ausgehen – alles tabu und verboten. Dieser Clash der Kulturen und Religionen sorgt ein ums andere Mal für amüsante Episoden, ohne aber handlungstechnisch zu sehr strapaziert zu werden: als sich ihr Bruder Aamir im traditionellen Gewand mit seiner holden Tyesha (ebenso gewandet) in romantischer (Heirats-) Absicht trifft, muss Kamala als Anstands-Wauwau fungieren. Dann ist Tyesha auch noch als Farbige zum Islam konvertiert und Aamir eigentlich mittellos, was bei den jeweiligen Eltern für Entsetzen sorgt… Beinahe fühlt man sich ob der Situations- und Dialog-Komik in einen französischen Film à la „Monsieur Claude und seine Töchter“ versetzt. Und die Szene mit dem im Familienkreis eingehenden Kamala-Klon ist komik-technisch einfach nur perfekt getimed.

Neben dieser neuen, religiösen Komponente dürfen wir nicht vergessen, dass wir einen Superhelden-Comic vor uns haben. So tritt dann auch in der ersten Storyline („Superberühmt“) ein im Marvel-Universum altbekannter Feind mit einer neuen Masche auf. Aber: der Focus bleibt erfreulicherweise wie auch in der ersten Serie mit Kamala auf deren Privatleben, deren Probleme und deren kleinstädtischem Umfeld. Die Tatsache, dass sie nun Avenger-Mitglied ist, bleibt eher im Hintergrund und wird allenfalls zum motivierenden Faktor. Auch die zweite Geschichte („Ein-Frau-Armee“) ist dann mehr von der albernen Klon-Story, die durch die o.g. Familien-Geschichte aber gehörig aufgelockert wird, als von dem rettenden Auftritt der Avengers, geprägt. Der ganze „Überbau“ der Serie erinnert natürlich an die Anfänge von Spider-Man. Wie Peter Parker steht auch Kamala abseits des typischen amerikanischen Teenager-Daseins. Auch sie will für Gerechtigkeit sorgen, muss aber erkennen, dass dies nicht so einfach ist und der Schuss nach hinten losgehen kann. Auch sie plagt die Last des Doppellebens (inklusive Schlafmangel), auch sie muss entscheiden, was wichtiger ist: Heldendasein oder Familie, usw. Es menschelt allerorts. Man sieht: Stan Lees Marvel-Formel von einst funktioniert auch heute noch.

Auch wenn die Abwesenheit von Adrian Alphona, dem Stammzeichner der ersten Serie, schmerzlich vermisst wird (bis auf eine Episode, in der er einen Rückblick gestaltet, wo er mit seinem nervös-filigranen Stil noch einmal glänzt) und die „Neuen“ am Zeichenstift diese Lücke nicht ganz schließen können, reiht sich der Band nahtlos ein in die jüngsten Veröffentlichungen von Serien mit starken Marvel-Heldinnen, die entweder ganz neu sind oder die man schon eine Weile nicht im Mittelpunkt sah, seien es Spider-Woman, Black Widow oder Spider-Gwen. Und auch die jüngst beendete Silver Surfer Reihe, in der die fesche Erdenfrau Dan Greenwood eine Hauptrolle spielte, gehört irgendwie dazu.

G. Willow Wilson, Takeshi Miyazawa, Nico Leon, Adrian Alphona: Ms. Marvel, Band 1: Superberühmt. Panini Comics, Stuttgart 2016. 148 Seiten, 16,99 Euro