Keine Postapokalypse-Rambos – „Endzeit“

In einer von menschenfressenden Pflanzenzombies weitgehend entvölkerten Welt lebt die introvertierte und scheue Vivi in einem Pflegeheim für psychisch Kranke. Als sie, um einem anderen Patienten etwas Gutes zu tun, die strengen Regeln des despotischen Pflegepersonals missachtet, soll sie zur Strafe bei den Arbeiten am Schutzzaun gegen die untote Bedrohung helfen. Dort trifft sie auf die störrische aber überaus wehrhafte Eva, mit der sie kurz darauf eine günstige Gelegenheit nutzt, um sich auf in die ausgesprochen gefährliche Freiheit zu begeben…

Olivia Vieweg: „Endzeit“.
Carlsen, Hamburg 2018. 288 Seiten. 22 Euro

Endzeit“ verbindet eine skizzenhafte und stimmungsvolle Graphic-Novel-Optik mit farbenfrohen, überdrehten Manga-Sprenklern und beweist mit seinen einfühlsam geschilderten, zerrütteten Antiheldinnen viel Gespür für eine vielseitig deutbare erzählerische Tiefe. Etwas gewöhnungsbedürftig ist daran, dass sowohl die stilistisch bedingt reduzierte Mimik der Figuren als auch ihre scheinbar ebenfalls gewollte Einsilbigkeit sehr viel Raum für Interpretationen lassen. Nicht immer ist daher klar, wie besonders hektische Situationen zu deuten sind, wie die Charaktere tatsächlich die Ereignisse um sie herum wahrnehmen und reflektieren. Oft spielt das der vorherrschenden diffusen Mystery-Stimmung in die Karten, vereinzelte Szenen geraten aber doch ein wenig uneindeutig.

Dass die Geschehnisse im ausgesprochen schick aufgemachten Buch mitten in Deutschland spielen, die handelnden Personen alltägliche Umgangssprache verwenden und wir es ausnahmsweise nicht mit bis an die Zähne bewaffneten Postapokalypse-Rambos zu tun haben, verleiht der Story Authentizität und steigert das für das Genre so wichtige Unwohlsein des Lesers, da die gefühlte Distanz zu den Ereignissen merkbar reduziert wird.

Ein einfühlsames und trotz einiger ruppiger Sequenzen jugendkompatibles Gruseldrama, dessen gelegentliche Ecken und Kanten es noch sympathischer wirken lassen. Insbesondere Freunde japanischer Erzählweisen dürfen die Gelegenheit ergreifen, einmal eine heimische Produktion zu lesen, die sich gleichzeitig von japanischen Standards abgrenzt und sich vor ihnen verbeugt.

Mattes Penkert-Hennig ist Betreiber des Online-Comicmagazins DeinAntiHeld.de, Autor für Comic.de, war Juror beim „Rudolph Dirks Award“, Panelmoderator auf Comicmessen und hat bereits viele Video-Interviews mit namhaften, internationalen Comic-Künstlen geführt. Darüber hinaus produziert er mit Begeisterung animierte Video-Trailer für Comics und artverwandte Medien.