„Gegenwärtig sehe ich kaum Gogs Mut“

In der Comicbiografie „Der König der Vagabunden“ erzählen der Journalist Patrick Spät und die Berliner Illustratorin Bea Davies die Lebensgeschichte des Anarchisten und Syndikalisten Gregor Gog (1891-1945). Gog war Gründer der Brüderschaft der Vagabunden und Herausgeber der ersten Straßenzeitung in Deutschland, „Der Kunde“. Als Bürgerschreck ging er in die Annalen ein, als er 1929 den Ersten Vagabundenkongress in Stuttgart und „einen lebenslangen Generalstreik“ ausrief. Wir präsentieren die Presse-Interviews mit Patrick Spät und Bea Davies mit freundlicher Genehmigung des Avant-Verlags.

Wie bist du auf die Geschichte von Gregor Gog gestoßen?
2013 habe ich für mein Buch „Und, was machst du so?“ über den Arbeitsfetisch in der kapitalistischen Gesellschaft recherchiert. Und dabei bin ich zufällig über Gogs Parole „Generalstreik das Leben lang!“ gestolpert, die er 1929 beim Internationalen Vagabundenkongress ausgerufen hatte. Dann habe ich etwas tiefer gegraben und festgestellt, dass Gog während der Weimarer Republik landesweit als „König der Vagabunden“ bekannt war – so hatte ihn die Presse genannt –, heute aber fast vergessen ist. Und da war mir klar: Ich will unbedingt was über Gog und seine Bruderschaft der Vagabunden machen.

Patrick Spät (© Avant Verlag)

Was hat dich veranlasst, Gogs Geschichte als Graphic Novel umsetzen zu wollen?
Zum einen liebe ich einfach das Medium Comic und habe in den 1980ern quasi mit Asterix das Lesen gelernt. Zum anderen lässt sich die Vagabundenbewegung sehr gut visuell darstellen: Das Ganze spielt ja nicht in einem langweiligen Büro, sondern auf der Landstraße, in der Natur, in Obdachlosenasylen, mit Charakteren, die buchstäblich vom Leben gezeichnet sind. Und die Vagabunden der 1920er bevorzugten – neben Gedichten und Liedern – vor allem Zeichnungen, um sich künstlerisch auszudrücken. Wie beispielsweise die Vagabundenmaler Gerhart Bettermann oder Hans Tombrock, die teils schon cartoonhaft gezeichnet haben.

Welche Aktualität hat das Leben und die Geschichte Gregor Gogs, was ist für die Leser*innen des 21. Jahrhunderts interessant an ihm, was ist sein Erbe an die Zukunft?
Gog hatte Courage: Er hat sich mit bürgerlichen Spießern, Faschisten und Ausbeutern angelegt. Er hat im Ersten Weltkrieg gemeutert – und saß dafür mehrmals im Gefängnis, 1933 auch im KZ, und wurde gefoltert. Trotzdem blieb er seinen freiheitlichen Idealen treu und hat sich für Sinti und Roma, Juden, Homosexuelle und die verachteten Underdogs der Gesellschaft eingesetzt. Und abgesehen von dieser Courage zeigt uns Gog: Die Gedemütigten und Drangsalierten können sich, damals wie heute, organisieren und ihre Stimme erheben gegen das Unrecht, das ihnen widerfährt. Und viele Probleme, mit denen sich Gog auseinandersetzte, sind auch Jahrzehnte später leider immer noch aktuell: Rechtsruck, Rassismus, Obdachlosigkeit, geschlossene Grenzen, der schwindende Sozialstaat.

Patrick Spät (Autor), Bea Davies (Zeichnerin): „Der König der Vagabunden“.
Avant-Verlag, Berlin 2019. 160 Seiten. 25 Euro

Eine Passage aus „Der König der Vagabunden“ spielt in der anarchistischen Kommune im baden-württembergischen Bad Urach, die Gog in den 1920ern mit seiner Familie und Freunden bewohnt hat. In einer Szene zeigt ihr ein Aufeinandertreffen von Gog mit dem bekannten Anarchisten Erich Mühsam und Gusto Gräser, dem Alternativleben-Pionier und Mitbegründer der Monte-Verità-Aussteigerkolonie. Welche Weltanschauungen trafen hier aufeinander?
Viele fühlten sich in den 1920ern wirklich als „lost generation“ und suchten Orientierung fernab vom verhassten Krieg und Obrigkeitsstaat. Bei Gusto Gräser, der wirklich wie ein Teilnehmer in Woodstock 1969 aussah, mündete diese Suche in einem kruden Mix aus christlicher (aber nicht kirchlicher) Heilslehre, strikter Tabak- und Alkoholabstinenz, FKK und freier Liebe. Die bekennenden Anarchisten Gog und Mühsam waren durchaus von Gräser inspiriert, wollten aber nicht nur dessen Hippie-Schiene fahren, sondern haben – wie später die Punks – gesagt: Flower Power reicht nicht, wir müssen uns politisch organisieren! Außerdem war es für Bea ein Riesenspaß, Mühsam als Comic-Charakter zu zeichnen!

Gog war neben Gustav Brügel einer der Gründer von „Der Kunde“ – der ersten Straßenzeitung Deutschlands. Könntest du uns ein bisschen über „Der Kunde“ erzählen?
Die Zeitung erschien ab 1927 und entwickelte sich schnell zum Zentralorgan der Vagabunden. Sie erschien „in zwangloser Folge“ etwa vier Mal jährlich mit einer Auflage von 1.000 Exemplaren. Weil das Blatt auch in Kneipen und Wärmehallen auslag, war die Leserschaft weit größer. Der Preis betrug 30 Pfennige, aber „Kunden, die unterwegs sind, bezahlen nichts“. Publiziert wurden Tipps für das Leben auf der Straße, politische Essays, Reiseberichte, Gedichte und viele Zeichnungen. Das Material kam von den Tippelbrüdern und -schwestern der Landstraße, zum Beispiel von der Tänzerin und Dichterin Jo Mihaly, die auch in unserem Comic eine wichtige Rolle spielt.

Seite aus „Der König der Vagabunden“ (Avant-Verlag)

1929 ruft Gregor den Ersten Vagabundenkongress in Stuttgart ins Leben. Der Kongress nimmt einen prominenten Part in eurer Erzählung ein. Kannst du uns etwas darüber erzählen? Wie lief der Kongress ab? Wie wurde er in der Öffentlichkeit wahrgenommen?
Ende 1928 machte in ganz Deutschland ein Flugzettel die Runde, der für viel Aufsehen sorgte: Die Bruderschaft der Vagabunden trommelte die Tippelbrüder und -schwestern zum „Ersten Internationalen Vagabundenkongress“ zusammen. Die bürgerliche Presse hetzte über „geistige Platzverunreinigung“ und „gerissene Speckjäger“. Die Polizei errichte kurz vor dem Kongress Straßensperren und verhaftete dutzende Vagabunden. Und die Bevölkerung ließ sich schon im Vorfeld dermaßen einschüchtern, dass in ganz Stuttgart die Vorhängeschlösser ausverkauft waren. Trotz aller Schikanen trafen sich vom 21. bis 23. Mai 1929 rund 600 Teilnehmer im Freidenker-Garten auf dem Stuttgarter Killesberg. Gogs Eröffnungsrede, in der er den „lebenslangen Generalstreik“ ausruft und die „Grenzen der Nationen aufheben“ will, gilt als einer der Höhepunkte der Vagabundenbewegung. Gog wollte die Vagabunden zum Protest ermutigen, ihnen aber zugleich zeigen, dass sie nicht alleine, sondern eine Gemeinschaft sind.

Kannst du uns noch ein wenig zur Zusammenarbeit mit Bea Davies erzählen? Wie kam es zu dieser Kooperation und wie habt ihr gemeinsam den Stoff bewältigt?
Zuerst hatte ich in Büchern und im Berliner Archiv der Akademie der Künste in Gogs Nachlass recherchiert und dann das Script geschrieben. Währenddessen bin ich auf Bea aufmerksam geworden, als ich ihre Comics für die inzwischen leider eingestellte Berliner Straßenzeitung „straßenfeger“ gesehen habe – und begeistert war von ihren Arbeiten. Anschließend stellte ich Bea das Projekt vor, das war im April 2017, und sie war sofort Feuer und Flamme. Das Storyboard, das für uns als Orientierung und Gerüst sehr wichtig war, haben wir in sehr enger Zusammenarbeit angefertigt. Weil wir beide in Berlin leben, haben wir uns sehr oft getroffen und selbst kleinste Details miteinander abgesprochen. Der Rest lief übers Smartphone, da haben wir unzählige Fotos mit visuellen und textlichen Korrekturen hin- und hergeschickt. Bei alldem gab es auch nie das blöde Hierarchiegefälle „hier befehlender Szenarist, dort ausführende Zeichnerin“: Bea und ich haben alles auf gleicher Augenhöhe entschieden. Und Bea hat großartige Ideen eingebracht, die dann auch im finalen Comic zu sehen sind: Zum Beispiel die Szene, als Gog 1930 in seine Geburtsstadt zurückkehrt, und etliche mehr. Viel Schweiß, viel Spaß, und dabei ist nicht nur ein Comic, sondern auch eine Freundschaft entstanden.

Bea Davies (© Avant-Verlag)

„Diese Gesellschaft ist so informiert, aber trotzdem so stumm“

Beatrice Davies über ihre Anfänge als Comiczeichnerin und Berlinerin, über ihr ehrenamtliches Engagement mit Obdachlosen und die Bedeutung von Gregor Gogs Vermächtnis für unsere heutige Zeit.

Liebe Beatrice, „Der König der Vagabunden“ ist dein Graphic-Novel-Debüt, aber Comics zeichnest du schon seit Jahren. Wie bist du auf den Comic gekommen? Was bedeutet das Medium für dich als Erzählerin?
Obwohl ich mittlerweile seit ungefähr sieben Jahren Comics zeichne, fühle ich mich noch ganz neu in dem Metier. Ich bin schon immer eine begeisterte Comicleserin gewesen. Zeichnen tue ich nonstop, seit ich einen Stift in der Hand halten kann – und da meine Familie eine Künstlerfamilie ist, wurde diese Leidenschaft von allen Verwandten sehr kräftig unterstützt. Mit 13 Jahren habe ich mein erstes kleines Buch für UNICEF illustriert und seitdem wollte ich Illustratorin werden. Aber Comiczeichnerin war lange Zeit nicht mein Berufswunsch. Erst als Mutter habe ich das Bedürfnis gehabt, Geschichten zu erzählen, um die schönen, lustigen oder einfach besonderen Momente des Familienlebens nicht zu vergessen. Und für mich ist es irgendwie ganz natürlich gewesen, diese Alltagsszenen in Comicform zu erzählen. So ist mein Blog „Samurai’s Visual Journal“ entstanden, und so kamen auch meine ersten Comics auf die Welt.

Seite aus „Der König der Vagabunden“ (Avant-Verlag)

Du bist in Italien geboren und aufgewachsen und kamst erst 2012 nach Deutschland. Wie hast du die Comicszene in Deutschland erlebt? Gibt es große Unterschiede zu der Comicgemeinde in Italien?
Ich bin 2012 nach Berlin gekommen. Da war ich 22 und hatte ein kleines Kind. Viel Zeit und Energie, die Kunst- und Comicszene zu entdecken, gab es nicht, aber trotzdem haben sich schnell die ersten Fäden des Netzwerkes zusammengewoben. Leider kann ich die Comic-Industrie Italiens und Deutschlands nicht vergleichen, da ich sie nicht genug kenne. Ich kann aber sagen, dass sowohl die Comicszene als auch die Illustratorenszene in Berlin unglaublich offen und freundlich sind. Und generell gibt es in Deutschland mehr Respekt für künstlerische Berufe: Bezahlungen erfolgen zuverlässiger und verbindlicher als in Italien, es gibt mehr Tutoring- und Mentoring-Angebote, es gibt die KSK und insgesamt gibt es auch mehr Gelder für Kunst und Kultur. Was die Leserschaft angeht: In beiden Ländern müssen die Comicschaffenden gegen Vorurteile kämpfen, ich habe aber das Gefühl, dass in Deutschland der Comic stärker als eigenständiges Medium wahrgenommen wird – mehr als in Italien, wo es für viele immer noch als Genrekost gilt.

Du hast Comics für die Berliner Obdachlosenzeitschrift „straßenfeger“ gezeichnet. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? Hat diese Arbeit deinen Blick auf die Obdachlosenthematik, die auch in „Der König der Vagabunden“ eine zentrale Rolle einnimmt, geschärft?
Wer Geschichten erzählen will, muss auch Geschichten zuhören können. Ich bin immer eine neugierige Zuhörerin und schöpfe große Inspiration aus den Dingen und Menschen, die ich auf der Straße sehe oder treffe. Eines Tages habe ich sehr lange der Geschichte einer obdachlosen Frau zugehört. Danach dachte ich, es müsse Tausende von unglaublichen Lebensgeschichten geben hinter all den obdachlosen Menschen, die sich auf der Straße rumtreiben. Und man könnte Comics daraus machen. Ich nahm Kontakt mit dem „straßenfeger“ auf und sie hatten großes Interesse. So fing es also an. Die damalige Vorsitzende des Vereines, Mara Fischer, schlug mir vor, in der Notunterkunft zu arbeiten, um näher mit den Leuten in Kontakt zu kommen und um besser die Problematik zu verstehen. Diese Erfahrung hat mich tief geprägt und meinen Horizont stark erweitert. Die Comics für den „straßenfeger“ waren aber erst mal keine Reportagen oder keine Lebensgeschichten. Was ich am Anfang wollte, war eine einfache Sprache zu finden, um dem Publikum die Problematik zu erklären, und um Empathie zu wecken. Erst nach fast zwei Jahren habe ich mich getraut, meine erste Reportage in Comicform über die Notübernachtung zu zeichnen: www.7naechte.com

Sequenz aus „Der König der Vagabunden“ (Avant-Verlag)

Wie ist es zu der Zusammearbet mit Patrick Spät gekommen? Und warum hast du dir die Lebensgeschichte von Gregor Gog für dein Buch-Debüt ausgesucht?
Seitdem ich angefangen habe, Comics zu machen, habe ich oft mit Autoren zusammengearbeitet. Als Anfängerin im Comicfeld fand ich es angenehmer, mich erst mal nicht um das Script kümmern zu müssen, sondern hauptsächlich auf die visuelle Erzählung zu konzentrieren. Diese ersten Zusammenarbeiten waren aber immer kurze Geschichten und ich habe mich langsam bereit gefühlt, eine größere Herausforderung anzunehmen. Eines Tages schrieb mir Patrick und schlug ein Treffen vor, um mir ein Treatment und Script für eine Graphic Novel vorzustellen. Es war einfach the right thing at the right moment. Patricks Script war sehr gut geschrieben und das Thema fand ich großartig. Ich habe damals ehrenamtlich in der Notunterkunft für Obdachlose gearbeitet und mir war dort aufgefallen, dass viele unserer Gäste in tiefste Einsamkeit geraten waren. Wo findet man die Kräfte, wieder auf die Beine zu kommen, Drogen und Alkohol zu verscheuchen und ein neues Leben anzufangen, wenn man weder Familie noch Freunde noch Gesellschaft hat? Und Gogs Botschaft war einfach: Diese Gesellschaft, die „Herberge für alle“, bauen wir Vagabunden wieder zusammen auf.

Welche Lehren können wir heute aus Gregor Gogs Leben und seinen sozialen Kämpfen ziehen?
Gogs Botschaft, seine Lebensgeschichte und aber auch die Geschichten der Menschen, die ihn umgaben, sind für die heutigen Leser*innen in vielerlei Hinsicht wichtig. Ein Beispiel unter vielen ist das Ende der Bruderschaft der Vagabunden. 1933 wurden die ersten Menschen in KZs geschickt, darunter Gregor Gog. Die Gründer und die Unterstützer der Bruderschaft – die, die sich rechtzeitig retten konnten – flüchteten durch ganz Europa. Die Bruderschaft der Vagabunden verschwand. Hitler und der Holocaust sind kein plötzliches Pech gewesen. Der Weg bis zum Holocaust war sehr lang und viele haben es kommen sehen. Die Gesellschaft damals war geteilt, korrupt, geschwächt, verunsichert. Gog, „der König der Vagabunden“, ist ein Nebenprodukt dieser Gesellschaft. Ein uneheliches Kind des Rechtsrucks. Eine Reaktion. Ein Rettungsversuch. Wer sagt, das alles sei bloß die Vergangenheit, schaut nicht genau auf das Heute. Doch gegenwärtig sehe ich kaum Gogs Mut. Diese Gesellschaft ist so informiert, aber trotzdem so stumm. Gogs Ansatz auf den Staat „zu pfeifen“, erscheint extrem. Aber schau ich mir die Regierungen der Welt an, denke ich mir wie Gog: Wir machen das besser selbst!