Denk ich an Deutschland in der Nacht… – „Bruchlinien“

Deutschland hat ein Problem mit rechtem Terror – das wurde im vergangenen Jahr mit dem Mord an Walter Lübcke und dem Anschlag auf die Synagoge in Halle deutlich. Das hätte man früher wissen können, zeigen die Recherchen der Berliner Comic-Künstlerin Paula Bulling und der Autorin Anne König. Für den Comic „Bruchlinien“ haben sie die Aufarbeitung der Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds, kurz NSU dokumentiert.

Der Comic fokussiert auf drei Frauen, die in der Aufarbeitung um den NSU bislang wenig oder gar nicht beachtet wurden. Da ist Susann Eminger, eine Unterstützerin des NSU, die ihre Krankenversicherungskarte zum Beispiel immer wieder an Beate Zschäpe ausgeliehen hat, als die abgetaucht war. Und die vermutlich auch ein Wohnmobil gemietet hat, das nach einem der Morde als Fluchtfahrzeug diente. Der Staatsanwaltschaft war das bekannt, trotzdem musste sich Susann Eminger dafür nicht vor Gericht verantworten.

Anna König (Autorin), Paula Bulling (Zeichnerin): „Bruchlinien. Drei Episoden zum NSU“.
Spector Books, Leipzig 2019. 96 Seiten. 24 Euro

Starke Farben signalisieren: Schaut hin!

Dann ist da Sibylle, ihr Name ist ein Deckname für eine Mitarbeiterin des Verfassungsschutzes, die Akten über V-Männer vernichtet hat, nachdem der NSU aufgeflogen ist. Ihr Chef, der die Aktenvernichtung veranlasst hat, ist noch im Amt, sie selbst wurde deswegen in Frührente geschickt.

Und schließlich Gamze Kubasik, die Tochter eines der Mordopfer: Sie wurde vor Gericht von den Freunden der Angeklagten bedroht und musste dann erleben, dass ein Hauptunterstützer des NSU aus der Haft entlassen wird, weil er kleine Kinder hat. Die Kinder sind ungefähr so alt wie der Bruder von Gamze Kubasik, als der Vater ermordet wurde.

Mit ihren Zeichnungen bringt Paula Bulling den Lesern diese drei Frauen nahe und zeigt, wie sehr deren Leben vom Terror des NSU geprägt ist. Die Figuren sind mit feinen schwarz-weißen Linien gezeichnet. Dem setzt Paula Bulling Farbflächen in klaren Ocker-, Blau-, und Rottönen gegenüber. Mal haben sie die Form einer Frisur, eines Kleidungsstücks oder bilden das Interieur. Und immer sind diese Flächen offen, wirken unbegrenzt, so als wäre alles miteinander verwoben: das Leben der Frauen, die Mordfälle und deren juristische Aufarbeitung. Zugleich wirken die starken Farben wie Signale, als forderten sie die Leser dazu auf, genau hinzusehen.

Bruchlinien der Demokratie

Denn der Comic von Paula Bulling und Anne König zeigt, wo die Bruchlinien der deutschen Demokratie und der damit verbundenen Rechtssicherheit liegen: Die polizeilichen Ermittlungen und die juristische Aufarbeitung des rechten Terrors funktionieren schlecht, weil rechter Terror nicht für möglich gehalten wurde. Und weil Mitarbeiter des Verfassungsschutzes die Aufklärung boykottieren – sei es, weil sie selbst in Verbrechen verwickelt sind, oder auch nur, um eigene Fehler zu vertuschen.

Der Comic zeigt, dass die Opfer aus der türkischen Gemeinde selbst im Verdacht standen, weil die Ermittler sich eher deren Zugehörigkeit zu einer mafiösen Vereinigung als rechten Terror vorstellen konnten. Die Hinweise aus der Gemeinde blieben ungehört. Das Beispiel von Susann Eminger zeigt, dass die Unterstützerin in ihrem Alltag unbeschwert und hilfsbereit sein kann – und gleichzeitig menschenverachtende Morde ermöglichen konnte.

Aufklärung durch Kultureinrichtungen und Journalisten

Die Details des Comics sind gut recherchiert. Paula Bulling und Anne König haben dafür Interviews mit Beteiligten und Beobachtern des NSU-Prozesses geführt und im zweiten Teil des Buches veröffentlicht. Darunter sind Gespräche mit dem Anwalt der Opfervertreter, Sebastian Scharmer, der Kunstvermittlerin Ayse Gülec, die die Recherchen von Forensic Architecture zu einem der Morde für die documenta 14 begleitet hat, sowie mit den Journalisten Christian Fuchs und Toralf Staud, die immer wieder Bücher über rechte Terror-Netzwerke veröffentlichen. Die Interviews zeigen, in welchem Umfang der Staat versagt hat. Zur Aufklärung der NSU-Verbrechen haben vor allem Kultureinrichtungen und Journalisten beigetragen.

Der Comic und die Dokumentation der Interviews könnten beide gut für sich allein stehen. Zusammengenommen entwickeln sie eine besondere Wucht. Weil der Comic zeigt, wie die Leben der drei Frauen Gamze Kubasik, Sibylle und Susann Eminger von den NSU-Verbrechen durchdrungen sind. Wie nah freundliche Fürsorge und Menschenverachtung beieinander liegen können. Und wie sehr die Leben der Angehörigen der Opfer durch die Zuschreibungen der Ermittler und Richter beeinträchtigt werden.

Damit ist der Comic wie ein emotionaler Schlüssel, der die Informationen des zweiten Teils noch interessanter werden lässt.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 07.01.2020 auf: kulturradio rbb

Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.

Sequenz aus „Bruchlinien“ (Spector Books)