Wege aus der Selbstzerstörung

Ein zwiespältiges Zeugnis stellte einst der antike griechische Tragödiendichter Sophokles seiner eigenen Art, dem „Homo Sapiens“, aus. In der berühmten chorischen Einleitung seines Stücks Antigone heißt es, dass zwar vieles ungeheuer, doch nichts so ungeheuer sei wie der Mensch. Beispielhaft wird darin ausgeführt, wie diese „Ungeheuerlichkeit“ in eine schöpferische Richtung einerseits und eine zerstörerische Richtung andererseits weist. Auch wenn er dabei nicht von einem (kommenden) Zeitalter des Menschen gesprochen hat: Man könnte meinen, der vor 2500 Jahren geborene Autor habe weit vorausschauend dem (post-)modernen Zeitalter des Anthropozän hier ein paar mahnende Zeilen ins Poesiealbum diktiert.

Antoine Balzeau (Autor), Pierre Bailly (Zeichner): „Homo Sapiens. Geschichte(n) der Menschheit“.
Jacoby & Stuart, Berlin 2020. 88 Seiten. 12 Euro

Der Sachcomic „Homo Sapiens – Geschichte(n) der Menschheit“ nimmt genau diese Zwiespältigkeit des Menschen in den Blick, indem er zwar dessen technologischen, wissenschaftlichen und zivilisatorischen Errungenschaften gebührend anerkennt, zugleich aber auch auf die horrenden Folgekosten hinweist, die der menschlichen Dominanz über sämtliche anderen Spezies des blauen Planeten innewohnen. Dem französische Anthropologen Antoine Balzeau zufolge, der für das Skript des Comic verantwortlich zeichnet, sollten wir uns daher nicht allzu viel auf unsere bisherige Entwicklung einbilden. Unsere evolutionär erworbene Fähigkeit, uns die Erde und deren sonstige Bewohner Untertan zu machen, entspringt mehr dem Zufall als irgendeiner „höheren“ Befähigung. Und zwar in Form von – für uns Menschen – zumeist günstigen Veränderungen von (z. B. klimatischen) Umweltbedingungen, für deren Anpassung wir immer wieder zufälligerweise notwendige Eigenschaften mitbrachten, die sich dann im evolutionären Prozess per Selektion durchsetzten. Dieses Glück muss uns allerdings nicht ewig hold sein. Zumal der Mensch durch seine Lebensweise die nächste Veränderung unvermeidlich angestoßen hat, die ihn in eine großenteils lebensfeindliche Zukunft führen könnte. Das wäre womöglich nicht nur das jähe Ende des Anthropozäns, sondern das der Menschheit als solcher.

Allerdings liegt Balzeau eine solche Schwarzmalerei eher fern. Sein Streifzug durch die Urgeschichte des Menschen (sprich: die Geschichte der Menschwerdung) sucht nach der Singularität, die den Menschen zwar nicht auf eine „höhere“ Entwicklungsstufe im Vergleich zu allen anderen Arten stellt, aber dessen Dominanz erklären und zugleich einen Weg aus seiner allmählichen Selbstzerstörung zu weisen vermag. Surprise, surprise, es handelt sich hierbei nicht um den aufrechten Gang, den Gebrauch von Werkzeugen oder die Größe des menschlichen Gehirns. Anatomisch-biologische Gesichtspunkte greifen jedenfalls zu kurz, um die Einzigartigkeit des Menschen zu erklären. Dass das erst recht für Menschengruppen gilt, schreibt der Autor insbesondere rassistisch und sexistisch gesinnten Ewiggestrigen nachdrücklich ins Stammbuch.

Die Antwort, die der Paläoanthropologe und Knochenspezialist schließlich gibt, mag zunächst überraschen, klingt aber dann doch ziemlich plausibel und lässt Raum für jede Menge Hoffnung. Kongenial illustriert wurde der Band aus der Reihe „Die Comicbibliothek des Wissens“ von Pierre Bailly, der international insbesondere als Zeichner der Kindercomicreihe „Kleiner Strubbel“ (Reprodukt) bekannt ist. Sein Sinn für das Komische im Zusammenspiel von Bild und Schrift sorgt dafür, dass die Lektüre nicht nur lehrreich, sondern auch ziemlich unterhaltsam gerät.

Diese Kritik erschien zuerst am 14.08.2020 auf: Taz-[ˈkɒmik_blɔg]

Mario Zehe (*1978) ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Lehrer für Geschichte, Politik & Wirtschaft an einer Freinet-Schule bei Quedlinburg (Harz). Seit vielen Jahren liest er Comics aller Art, redet und schreibt gern darüber, u. a. im [ˈkɒmik_blɔg] der Taz und für den Freitag.

Doppelseite aus „Homo Sapiens – Geschichte(n) der Menschheit“ (Jacoby & Stuart)