Himmelskörperartige Hintern: Was bedeutet Schönheit im Selfie-Zeitalter?

Kylie Jenner im nahezu berstenden Bikini. Kylie Jenner erotisch hockend. Kylie Jenner in Jeans und Top, die Wespentaille und der „himmelskörperartige Hintern“, wie Liv Strömquist ihn nennt, perfekt für Instagram in Szene gesetzt. Nicht unbedingt das, was man von einer feministischen Comiczeichnerin erwartet. Auf den ersten Seiten ihres neuesten, fünften Comicbands „Im Spiegelsaal“ exerziert Strömquist einen bekannten Mechanismus vor: Ohne dass uns Promis wie die Kardashians nur im entferntesten interessieren, starren wir wie hypnotisiert auf ihre vollen Lippen und Busen. Genauso wie wir insgeheim Gefühle wie Neid, Sehnsucht und Wut entwickeln gegenüber den perfekten Körperwelten von Yoga-Müttern, Fitnessgöttern und was sich sonst so in den sozialen Medien sonnt.

Liv Strömquist: „Im Spiegelsaal“.
Aus dem Schwedischen von Katharina Erben. Avant-Verlag, Berlin 2021. 168 Seiten. 20 Euro

Im Imperium der Bilder

Dieses „Imperium der Bilder“, das die Philosophin Susan Bordo schon 2003 ausgerufen hat, ist heute Standard. „Es gibt mehr Spiegel als je zuvor“, sagt Liv Strömquist im Zoom-Gespräch, wo wir uns bezeichnenderweise die ganze Zeit betrachten. „Wir verbringen immer mehr Zeit auf Instagram und sozialen Medien, wo man ständig Fotos von anderen sieht. Wir kommunizieren und daten mit Bildern, sehen ständig unser eigenes Gesicht.“ Was das mit uns macht und wie sich unser Schönheitsempfinden seit der Antike verändert hat, analysiert die schwedische Comicautorin in fünf Essays, die von den Kardashians bis zu Kaiserin Sisi, von Marilyn Monroe zu Susan Sontag führen. Auch Schneewittchen darf natürlich nicht fehlen.

Es wäre nicht Strömquist – deren Sachcomics mittlerweile zu den meistverkauften Graphic Novels weltweit gehören –, wenn das Ganze nicht mit krakeligen Zeichnungen und auf Punkt und Rufzeichen gebrachten Texten serviert würde. Zugleich strotzen die handgeletterten Seiten vor soziologisch-philosophischem Unterfutter. Eva Illouz, Simone Weil, Zygmunt Bauman, Hartmut Rosa et al haben ihren Auftritt, um unsere so tiefsitzenden wie absurden Verhaltensweisen in Bezug auf unser Äußeres aufzudröseln.

Gefallenspflicht

„Schönheit in all ihren Ausprägungen war immer schon eine menschliche Obsession“, sagt Strömquist. „Aber wie wichtig sie genommen wird, hat mit den gesellschaftlichen Umständen zu tun.“ In einem Comic seziert Strömquist die Kopplung zwischen „mein Aussehen“ und „meinen Aussichten, geliebt zu werden / zu heiraten / eine Beziehung zu haben / eine Beziehung zu behalten“ und wie sehr das vom jeweiligen Gesellschaftssystem abhängig ist. Im Weströmischen Reich zum Beispiel ging es bei Eheschließungen hauptsächlich darum, politische Allianzen zu bilden. Im Oströmischen Reich hingegen konnten es sich die in ihrer Macht besser abgesicherten Kaiser leisten, möglichst schöne Frauen zu ehelichen. Später entstand das Dilemma, dass Frauen zwar eine „Gefallenspflicht“ hatten, zugleich aber nicht gefallsüchtig wirken durften.

Seite aus „Im Spiegelsaal“ (Avant-Verlag)

„Heute hat Schönheit nicht mehr nur mit Beziehungen zu tun“, sagt Strömquist. „Schönheit und Sexyness sind eine Art Kompetenz geworden, soziales Kapital. In unserer spätkapitalistischen Konsumgesellschaft ist es ein Schlüsselwert, schön und sexy zu sein. Wir wollen begehrenswert, attraktiv sein. Wir wollen das haben, was andere haben.“ Selbst der Trend zu mehr Diversität und Body-Positivity würde nichts daran ändern, dass es darum geht, schön sein zu müssen, meint Strömquist. „Da ist immer der Druck, auch Ältere oder Dickere können nackt und sexy sein. Aber warum kann ich nicht einfach einmal hässlich sein? Ist das ein Verbrechen?“

Der Promi in uns

Letzterer Ansicht dürfte jedenfalls Kaiserin Elisabeth von Österreich gewesen sein, der Strömquist ein Kapitel („Tyrannisches Bild“) widmet und von deren Spiegelsaal in der Hofburg sich auch der Buchtitel ableitet. Sisi war besessen davon, extrem schlank und schön zu sein – was sie zu einer traurigen Pionierin des heutigen Lebensstils der ständigen Selbstoptimierung macht. „In gewisser Weise war sie die J.Lo ihrer Zeit“, sagt Strömquist, die sich als Fan der abgründigen Lebensgeschichten der Habsburger-Dynastie outet. „Sisi galt als sehr modern und exzentrisch aufgrund ihres Fokus auf ihr Aussehen. Sie war ständig auf Diät und ließ in jedem Schloss einen Fitnessraum einrichten. Das war komplett verrückt damals.“

Dieser Wahn bedeutete viel Leiden, wie Strömquist verbildlicht: Weil die bodenlangen Haare so schwer wogen, ließ sie diese tageweise an Bändern aufhängen, um ihren Kopf zu entlasten. Wir sehen Sisi auf ihren Teller starren, auf dem sich ein Tropfen Soße befindet, neben ihr der Gatte beim Festmahl. Oder beim Ringturnen und bei elendslangen Wanderungen.

Seite aus „Im Spiegelsaal“ (Avant-Verlag)

Nach ihrem 32. Geburtstag versuchte sie ihr öffentliches Ich, das durch ikonische Gemälde zum Kult geworden war, einzufrieren, indem sie ihr Gesicht hinter einem Fächern verbarg. „In Social-Media-Gesellschaften werden wir alle mehr oder weniger zu Promis. Es geht immer darum, bestimmte Dinge herzuzeigen und andere zu verstecken“, spannt Strömquist den Bogen in die Gegenwart.

Kulturgeschichte der Vulva

Aufzudecken, was hinter scheinbar banalen Konzepten wie Schönheit, Sexualität und Liebe steckt und welche patriarchalen Muster und Rollenbilder unseren Alltag und unsere Beziehungen unterwandern, ist jedenfalls die Mission der studierten Politikwissenschafterin. Mittlerweile ist Liv Strömquist selbst eine Influencerin. Seit ihre Comic-Kulturgeschichte der Vulva, „Der Ursprung der Welt“ (auf Deutsch 2017 erschienen), die Feuilletons aufgemischt hat, ist eine neue Generation feministisch-humoristischer Comiczeichnerinnen aus ihrem Fahrwasser aufgetaucht. Der Philosoph Slavoj Žižek hat wohl für einen weiteren Verkaufsboost gesorgt, als er Strömquists formidable Abhandlung über das weibliche Geschlechtsorgan als Beispiel für eine „unsexy“ Entmystifizierung anführte, die in einem Untergang der Erotik zu münden drohe. „Ich habe ein richtig schlechtes Gewissen“, quittiert das Strömquist, begleitet von einem verschmitzten Lächeln. „Ich bin jetzt natürlich besorgt um seine libidinöse Energie und hoffe, dass er nicht beeinträchtigt ist, denn wir brauchen ihn und seine Arbeit!“

Berührungsängste hat Strömquist ohnehin nicht. Sie übersetzt höchst intellektuelle Theorien in die Sphäre der Popkultur, gießt politische Grundsatzdebatten in anarchische Comics, immer lässig, direkt, fundiert recherchiert. „Ich finde, dass philosophische Diskussionen über unsere Zeit nicht auf eine kleine, gut gebildete Elite beschränkt sein sollten. Comics sind für mich auch eine Art, diese Debatten zu demokratisieren.“

Das Medium stellt für sie eine Art nichtkommerziellen Freiraum dar, einen Zufluchtsort im durchdigitalisierten Alltag. „Beim Lesen eines Comics kann niemand aufzeichnen, wie lange du ein Bild betrachtest, und dir dann eine Produktempfehlung schicken. Ich genieße es, eine politische Diskussion zu führen – ohne dass sie jemand kommentieren, teilen oder liken kann.“ Und darüber urteilen, ob ihr Buch nun schön ist oder nicht.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 17.10.2021 auf dem Standard-Comicblog Pictotop.

Hier gibt es eine weitere Kritik zu „Im Spiegelsaal“.

Karin Krichmayr arbeitet als Wissenschaftsredakteurin für Der Standard. Außerdem betreibt sie für die österreichische Tageszeitung den Comicblog Pictotop.

Seite aus „Im Spiegelsaal“ (Avant-Verlag)