Im Kern dunkel getuscht

© Meteor Film

Ein Junge hängt wie in die Welt gefallen in einem Baum, der steht allein, krakelig in einen gelblichen Nebel getuscht, Wind weht, der Junge hat den Fallschirmrucksack noch auf dem Rücken. Er ist nicht bei Bewusstsein, dann öffnet er die Augen, die Kamera zoomt von ihm weg, und weg von dem Baum auf öde, wellige Landschaft, Sand vielleicht, mit schwarzen Flecken darin. Das ist die Welt, die der Junge erblickt: Woher er kommt, was er hier tut, was das eigentlich für eine Welt ist, ja, ob er lebt oder ob es ihn vielleicht ins Jenseits geweht hat, ganz eindeutig ist das nicht.

Eines allerdings wird bald klar: Er ist nicht allein in und auf dieser Welt. Von anderen Menschen ganz lang keine Spur, aber es gibt ein Wesen, einen dunklen Geist, eine schwarze Figur, im Kern dunkel getuscht, mit heller dunklen Konturen darum. Der Geist spricht nicht, der Junge spricht nicht, es gibt den Film hindurch keinen Dialog. Was es gibt: Klänge, Wind und Gezwitscher, und zu den Klängen von Flora und Fauna Musik, die die Szenen der Suche, der Gefährdung, des Glücks atmosphärisch treffend, aber nie banal redundant begleitet. Was es auch gibt, neben dem Jungen und dem Geist: Tiere. Ein kleiner gelber Vogel wird zum Gefährten des Jungen, Katzen viel später, Vögel am Himmel, Eidechsen, eine Schildkröte. Die Welt, was auch immer das für eine Welt ist, ist immerhin das eine: belebt.

Und es geht aus der Ödnis ins Grüne. Das erste von vier Kapiteln: Verbotene Oase. Hier ist es grün. Wasser, Bäume, geschirmte mehr als mannshohe Stengel, Bäume wie Origami aus gefalteter Farbe, am Eingang ein Torbogen, den der schwarze Geist, der dem Jungen bis dahin gefolgt ist, nicht durchschreitet, weil er es nicht will oder kann. Es gelten Regeln in dieser Welt, aber warum sie gelten, wo ihre Grenzen sind, das wird höchstens im Verlauf des Geschehens ein wenig klarer.

© Meteor Film

Hier, in der Oase, findet der Junge einen Beutel: eine Karte darin, die ihm den Weg an ein Ziel weist, und ein Schlüssel darin, der zu einem Motorrad gehört, das hier herumsteht. Der Junge übt, stürzt, übt, fährt davon. Er hat einen Weg, er hat ein Ziel, er hat ein Gefährt und einen Gefährten. Die Heldenreise beginnt. Es wird manches Abenteuer erlebt, spannend, rätselhaft, traurig. Der Tod ist in der Gestalt des schwarzen Geists ein steter Begleiter.

Die Welt, die Gints Zilbalodis in seinem Lang-Animationsfllm-Debüt entwirft, erinnert nicht nur von ferne an die animistisch belebten Szenarien von Studio Ghibli, und insbesondere Hayao Miyazaki. Die Gesichter mit schematisierten Zügen und überreal großen Augen, das Kreuchen um den Menschen herum, die kräftigen Farben, all das scheint vertraut. Hier aber sieht es doch abstrakter, flächiger aus: das Verhältnis zum Rechner, aus dem die CGI-Figuren und -Landschaften kommen, ist deutlich affirmativ.

Nicht nur der Plot, der an Point-and-Click-Abenteuer erinnert (und eben kaum mehr als ein prototypischer Plot ist, bei dem die Episoden und in ihnen die Bewährung in Gefahren aus heiterem Himmel das Ziel sind), wirkt wie aus Computerspielen entnommen, die manchmal atemberaubenden Kameraflüge, der plötzliche Wandel der Landschaft, das von allem geografischen und sonstigen Realismus deutlich Gelöste verweisen auf künstliche Welten, der Regisseur selbst verweist auf das Indie-Game „Journey“ und das japanische Action-Spiel „Shadow of the Colossus“.

Erstaunlicherweise aber fügt sich das, die Animation, der Plot, die Räume und Landschaften, die ihr Rätsel bewahren, wie von selbst zu einer geschlossenen Welt. Gints Zilbalodis, ein 25jähriger filmverrückter Lette, hat sie, kaum zu glauben, komplett alleine geschaffen. Dreieinhalb Jahre Arbeit, sogar die Musik hat er selbst komponiert, eine riesige, einsame, besessene DIY-Bastelei. Aber nichts von dieser Besessenheit hat sich in Verbissenheit übersetzt. Das Ergebnis ist märchenhaft leicht, noch das Bedrohliche wirkt mild und entrückt. Meister fallen auch in den Künsten selten vom Himmel. Hier aber, scheint es, ist so ein Fall.

Diese Kritik erschien zuerst am 04.03.2020 auf perlentaucher.de.

Away – Vom Finden des Glücks
Away

Lettland 2019
R: Gints Zilbalodis – B: Gints Zilbalodis – M: Gints Zilbalodis – S: Gints Zilbalodis – 72 Minuten – Verleih: Meteor Film – DVD-Start: 15.05.2020 – Blu-ray-Start: 31.12.2021

Ekkehard Knörer, geboren 1971, in Würzburg, Austin (Texas) und Frankfurt (Oder) Deutsch, Englisch, Philosophie, Kulturwissenschaften studiert. Promoviert zur Theorie von Ingenium und Witz von Gracián bis Jean Paul. Von 1998 bis 2008 die Filmkritik-Website Jump Cut betrieben. Texte zu Film, Theater, Literatur für Perlentaucher, taz, Freitag, diverse andere Medien. Seit 2012 Redakteur, seit 2017 auch Mitherausgeber des Merkur. Ebenfalls Mitherausgeber des Filmmagazins Cargo.