Der letzte Turtle in der Postapokalypse

Der Splitter Verlag wird die 15-bändige Turtles-IDW-Collection ins Deutsche übertragen. Den Auftakt macht aber erst einmal das düstere Spin-off „The Last Ronin“.

Düstere Zeiten in New York: In einer postapokalyptischen Welt regiert der fiese Oroku Hiroto, Enkel des Oberlumpensohns Shredder und aktueller Chef im Foot Clan, mit eiserner Hand. Die Stadt ist geteilt in drei Ebenen, in die eines Tages eine wunderliche Gestalt eindringt: eine mannsgroße, offenkundig mutierte Schildkröte, die – begleitet von drei imaginären Mitstreitern, die nur für den Angreifer selbst sichtbar scheinen – offenbar das Ziel verfolgt, bis in die oberen Ebenen vorzudringen. Das klappt nur bedingt und mit viel Glück entkommt der Kröterich den Cyber-Ninjas (sinnigerweise „Synjas“ genannt) des Foot Clans. Als der Verzweifelte in den U-Bahn-Schächten aus Trauer um seine verlorenen Brüder Harakiri begehen will, kommt eine junge Dame dazwischen und verhindert gerade noch Schlimmeres.

Beim Erwachen findet sich die Turtle in einem Versteck wieder, in dem ihn die alte Weggefährtin April mit Namen begrüßt: Michelangelo ist der letzte Überlebende der ehemals so mächtigen Teenage Mutant Ninja Turtles, der einen letzten verzweifelten Rachefeldzug gegen den Foot Clan führen will, um die Ehre der Familie wieder herzustellen. Er staunt nicht schlecht, als ihm Casey entgegentritt – und zwar nicht der ebenfalls getötete, bekannte frühere Sidekick mit Hockey-Maske, sondern vielmehr die gleichnamige Tochter, die er mit April hatte. Gemeinsam fasst man den Plan, gegen den Foot Clan vorzugehen, was sich keineswegs leicht gestaltet.

Kevin Eastman und Peter Laird haben halt immer noch ein Ass im Ärmel. Die Turtles-Erfinder landen mit dieser düsteren Story einen massiven Hit, der auch in der hier vorliegenden deutschen Ausgabe Rekorde bricht und nach kürzester Zeit schon in die dritte Auflage ging. Das Geheimnis des Erfolges ist ein veritabler Kunstgriff: Waren die TMNTs ursprünglich als fesche Parodie auf die finsteren Bildgeschichten der 80er vom Schlage eines Daredevil, Ronin und Dark Knight konzipiert, rücken Eastman und Laird nun an ebenjene Inspirationen heran. Ohne jede Persiflage breitet sich hier eine düstere Welt aus, in der wie in „Metropolis“, „Blade Runner“ oder dem „Fünften Element“ die Stadt ein Moloch ist, geteilt in obere Etage und Rock Bottom, wo ein brutal realistischer Foot Clan regiert, der eigentlich als spaßige Replik auf die Ninjas von The Hand in Frank Millers „Daredevil“-Run entstand.

Ober-Ninja-Dame Elektra selbst wird hier optisch eindeutig in Form von Shredders Tochter Karai zitiert, und Michelangelo erscheint als düsterer Rächer, den die Geister seiner toten Brüder wortwörtlich verfolgen. Die Ratte Splinter als Lehrer kommt hier massiv unter die Räder, wodurch Michelangelo selbst (à la Stick in „Daredevil“) die Rolle des Sensei für Casey übernimmt. Der ursprüngliche Sidekick mit der Hockeymaske ist längst tot, seine Tochter tritt in seine Fußstapfen, und April überlebt nur mit schwersten körperlichen Beeinträchtigungen – weiter weg vom lustigen Zeichentrick der Saturday Morning Cartoons der 90er kann man nicht gehen.

Frank Millers düsteres Epos „Ronin“ um den verlorenen Samurai erscheint auch optisch evoziert in den stilisiert-grobkörnig gestalteten Erinnerungspassagen, in denen Michelangelo die katastrophalen Ereignisse rund um die angeblichen Friedensverhandlungen durchspielt. Somit also wahlweise ein Schlag in die Magengrube oder ein Fest für die Freunde der ersten Stunde, quasi eine erwachsene Fassung der Grundidee, die durch die inhaltliche und stilistische Annäherung an die eigentlich parodierten Vorbilder beeindruckt und brilliert. Und ja, auch die heißgeliebte Pizza kommt zum Tragen – kurz, im Rückblick, immerhin sind wir hier ja ernsthaft unterwegs. Bei Splitter erscheint das voluminöse Werk im schmucken Hardcover mit Cover-Galerie und einem Vorwort von Regie-Veteran Robert Rodriguez. Wir sind gespannt, wann die nächste Auflage ins Haus steht.

Dieser Text erschien zuerst auf Comicleser.de.

Kevin Eastman, Peter Laird, Esau Escorza u. a.: The Last Ronin • Aus dem Englischen von Matthias Penkert-Hennig • Splitter Verlag, Bielefeld 2023 • 224 Seiten • Hardcover • 35,00 Euro

Holger Bachmann ist Autor diverser Bücher und Aufsätze zur Film- und Literaturgeschichte. Neben Comicleser.de schreibt er auf kühleszeug.de über Konzerte und geistvolle Getränke.