Die Geschichte von Jens Cornils‘ Comicdebüt „Zeter und Mordio“ basiert auf einem historischen antisemitischen Kriminalfall von 1687, den Glückel von Hameln in ihren Memoiren schildert. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde mussten das Verbrechen hinnehmen, um niemanden gegen sich aufzubringen.
„Ich schreibe euch dieses nicht zur Belehrung, sondern um mir in den langen Nächten die melancholischen Gedanken zu vertreiben“, notierte Glikl bas Judah Leib, auch bekannt als Glückel von Hameln, in ihrer Autobiografie, die sie zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes 1689 für ihre zwölf Kinder zu verfassen begonnen hatte. In den ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmten Aufzeichnungen schrieb Glikl über ihre Kindheit und Jugend in Hamburg, ihr Elternhaus, ihre Heirat mit dem Goldhändler Chaim von Hameln, die Geburt und den Lebensweg ihrer Kinder, die Übernahme des Geschäfts nach dem Tod ihres Mannes, ihre Handels- und Familienbeziehungen, die sich über ganz Europa erstreckten, und die Gefahren ihres Geschäfts, nämlich Betrug und Überfälle und die antijüdischen Ressentiments ihrer Zeit. Und sie schrieb über das jüdische Leben in ihrer Heimatstadt Hamburg, unter anderem über einen Kriminalfall, der sich dort in den Achtzigerjahren des 17. Jahrhunderts ereignete.
Diesen Mord hat sich der Zeichner Jens Cornils in „Zeter und Mordio“ genauer angeschaut: Ein jüdischer Händler wird mutmaßlich vom Sohn eines angesehenen Hamburger Bürgers ermordet, die jüdische Gemeinde ist daraufhin in Angst, dass Ermittlungen gegen den Mörder antisemitische Ressentiments schüren könnten – eine Befürchtung, die sich als gerechtfertigt herausstellt. Ein wütender Mob rottet sich vor dem Haus des Mörders zusammen, als die ermittelnden Repräsentanten von Stadt und jüdischer Gemeinde dort Spuren sichern, und skandiert: „Juden raus aus Hamburg!“ Die Gemeindemitglieder Rebekka Lipmann und ihr Mann Schmuel ermitteln zunächst heimlich, können aber schließlich dazu beitragen, den Täter dieses und eines weiteren Mordes zu überführen.
Jens Cornils gelingt es, dem düsteren Thema der antisemitischen Ausgrenzung – die Juden sind lediglich geduldet, weil sie vermeintlich Geld in die Stadt bringen, müssen aber stets mit ihrer Ausweisung rechnen – mit viel Humor in Wort und Bild zu begegnen und trotzdem den hinter den Bildern liegenden Ressentiments, mit denen Juden bis in die Gegenwart zu kämpfen haben, gerecht zu werden. Es gibt für die Hamburger Juden des 17. Jahrhunderts keine Sicherheit, niemanden auf den sie sich verlassen können, und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihren Schutz und ihre Verteidigung selbst in die Hand zu nehmen. „Zeter und Mordio“ ist als Projekt des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden entstanden und ist Teil des Bildungsprojekts Geschichtomat. Ihm sind viele weitere Leser*innen zu wünschen.
Hier findet sich ein Interview mit Jens Cornils.
Dieser Beitrag erschien zuerst in: Strapazin #157
Jens Cornils: Zeter und Mordio • Avant-Verlag, Berlin 2024 • 224 Seiten • Hardcover • 25 Euro
Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins. Zuletzt ist von ihm die Textsammlung „Nach Strich und Rahmen“ erschienen.

