Hauptsache Arbeit – „Frontier“

Guillaume Singelins SF-Erzählung „Frontier“ ist ein präzise komponierter Weltenentwurf, der ungeschönt über das zukünftige Verhältnis von menschlicher Ausbeutung und Sehnsucht nachdenkt.

Irgendwann in der Zukunft haben die Menschen das Sonnensystem erobert. Triebfeder der Expansion ist der Abbau von Rohstoffen auf anderen Planeten, Asteroiden und Monden und die damit verbundene Gewinnmaximierung. Beides liegt in Händen mächtiger Konzerne, die eigene Raumstationen betreiben und mit Privatarmeen ihr Territorium rabiat verteidigen. Ji-Soo Park ist Weltraumarchäologin, unangepasst, eigenwillig. Auch ihre Firma wird von einem der Konzerne, Energy Solution, übernommen. Nach mehrfachen Versetzungen wird sie auf „Energy Breaker“, einer riesigen Station im Asteroidengürtel, aufs Abstellgleis geschoben.

Dort begegnet sie dem Arbeiter Alex, der im All geboren wurde und noch nie einen Fuß auf einen Planeten, auf gewachsene Erde, gesetzt hat. Alex schuftet in riskanten Außeneinsätzen für Energy Solution und freundet sich nach und nach mit Ji-Soo an. Dann ist da noch Camina, eine Söldnerin, die in einer der Privatarmeen angeheuert hat und die bei einem Einsatz einen Arm verliert. Sie quittiert ihren Dienst und sucht eine neue Aufgabe: gefährlichen Weltraumschrott sammeln und beseitigen. Bald treffen die drei aufeinander.

Zuallererst muss man die Optik von „Frontier“ ansprechen. Denn die fällt sofort ins Auge und muss erst einmal „akzeptiert“ werden, und das nicht wegen der stimmigen pastellfarbenen Kolorierung. Autor und Zeichner Guillaume Singelin, Jahrgang 1987, verpasst seinen Figuren ein ungewöhnliches Aussehen, cartoonhaft und zugleich mangaesk. Es sind Knuddelmännchen mit großen Köpfen, minimierten Gesichtszügen und winzigen Händen und Füßen (der Verlag spricht von Funko Pop und Chibi-Art – auch das). Doch das ist nur ein Aspekt der Zeichnungen. Denn Singelin schafft gleichzeitig detailfreudige Wimmelbilder, opulent und voller Originalität. Auf den engen, metallisch kalten Raumstationen entsteht ein menschliches Gewusel, das auf den Planeten bzw. Asteroiden von einer nicht minder beeindruckenden, oft einsamen Natur abgelöst wird.

Auf den 190 Comicseiten dieses Bandes lässt sich Singelin zudem viel Zeit für die episodsiche Story, die einen längeren Zeitraum umfasst. Und er entwickelt seine Charaktere sorgfältig und ohne Hast, lässt uns an ihrem Werdegang teilhaben: Ji-Soo zeigt sich immer wieder aufmüpfig, bleibt aber ihrer verhassten Corporation treu, um ihre wissenschaftliche Arbeit fortzusetzen. Alex ist anfangs kaum mehr als ein Lohnsklave, der für wenig Geld riskante Jobs übernehmen muss, um sein Auskommen zu sichern. Und Camina als gelernte Soldatin kehrt ihrem Job den Rücken, weil sie sich nach dem Verlust ihres Armes (den sie erstaunlich gelassen hinnimmt) einer sinnvolleren Aufgabe widmen will.

Etliche Seiten zeigen das Leben auf der „Energy Breaker“, die Menschen, ihren Alltag und ihre Arbeit. Später wandern wir mit Ji-Soo und Alex über den bewohnbar gemachten Asteroiden Minerva mit seiner üppigen Natur – für Alex pures Neuland. Dann gelangt nach einer dramatischen Rettungsaktion wieder eine Raumstation in den Mittelpunkt des Geschehens, die beides verbindet: Weltraum und Natur, was angenehm an „Silent Running“ erinnert.

Der Titel „Frontier“ spielt auf die imaginäre Grenze des Machbaren an, des Möglichen, das durch den Pioniergeist immer weiter verschoben wird, damals im Westen, bei der Erschließung Amerikas durch die Weißen, jetzt im Weltraum mit seinen unendlichen Weiten. Aber auch auf die Grenzen der Protagonist*innen: Können sie ihre Rollen im System tatsächlich aufgeben, hinter sich lassen, freier sein? Zugunsten neuer, selbst gewählter Aufgaben? „Frontier“ ist ein präzise komponierter Weltenentwurf, der ungeschönt über das zukünftige Verhältnis von menschlicher Ausbeutung und Sehnsucht nachdenkt.

Dieser Text erschien zuerst auf: Comicleser.de

Guillaume Singelin: Frontier • Aus dem Französischen von Tanja Krämling • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • Hardcover • 200 Seiten • 39,80 Euro

Bernd Weigand ist schon über vier Jahrzehnte in Sachen Comics unterwegs: lesen, sammeln, übersetzen. Schreibt auch seit 20 Jahren über Comics, seit 2010 auf comicleser.de.