Bekannt wurde Milo Manara mit seinem voyeuristischen Comic-Blick und stereotypen Frauenfiguren, die auf Knopfdruck das machen, was Männer oder männliche Zeichner wollen. In einem Frühwerk aus den 1970er-Jahren zeichnete Manara den alten chinesischen Mythos vom „Affenkönig“ neu und schuf dabei einen etwas anderen Superhelden, vom dem die Superhelden-Gegenwart durchaus etwas lernen könnte.
“We don’t need another hero” – die Songzeile von Tina Turner scheint in der popkulturellen Gegenwart nicht mehr zu passen, die Sehnsucht nach Helden bleibt weiter aktuell. Im Kino und im Comic läuft die Superhelden-Produktionsmaschine weiter wie geölt, und das Genre beantwortet die Ängste der Gegenwart immer und immer wieder mit der Hoffnung, dass es doch jemanden geben muss, der die Dinge noch im Griff hat. Was dabei auffällt, ist, wie ernst die Popkultur die Superhelden-Verehrung regelmäßig nimmt. Selbstironische Helden gab und gibt es manchmal, oft regiert aber der heroische Ernst.
Vielleicht sollte man zum Thema Superhelden einen alten Comic von Milo Manara von 1976 gegenlesen, der nun wieder aufgelegt wurde. „Der Affenkönig“ ist zunächst einmal eine Figur des chinesischen Mythos, es gibt diese mythische Märchenfigur aber auch in anderen asiatischen Literaturtraditionen. Der Affenkönig ist von seiner Gestalt her ein sehr menschlicher Affe, geschlüpft aus einem Ei, nachdem der Wind die Erde befruchtet hat, so der Mythos. Er ist also eine Figur zwischen Himmel und Erde. Mit der europäischen Brille würde man vielleicht sagen: Er ist eine Art Halbgott, der sowohl die Menschenwelt als auch die Welt der Götter immer wieder herausfordert. Denn der Affenkönig ist ein Anarchist, ein Freigeist, ein Rebell, aber auch ein Quatschmacher und ein Clown. Ihn hat Milo Manara zu einer Art Hippie-Gott gemacht: Der Affenkönig gründet in einem Land hinter einem Wasserfall – im Land der Blumen und der Früchte – eine Kommune. Eine Kommune aus jungen Frauen und Männern. Die laufen splitternackt umher, leben von Luft, Liebe und Musik und feiern mit ihrem Affenkönig eine nie endende Party.
Doch auch gegen dieses frivol-friedliche Leben rebelliert der Affenkönig. Das Paradies wird im zu viel. Er möchte mehr werden, ein richtiger Gott mit besonderen Kräften, der vor allem unsterblich ist. Dann zieht er los, findet einen Meister, lernt und entwickelt magische Kräfte, die Fähigkeit zu fliegen und seine Gestalt zu verwandeln. Doch damit gehen die Schwierigkeiten los, denn der Affenkönig fordert die mächtigsten Götter der chinesischen Sagenwelt heraus, vor allem den mächtigen Jadekönig.

Der Affenkönig ist ein Getriebener in ruheloser Bewegung, der den Kampf, das Geheimnis, das Abenteuer magnetisch anzieht. Eine Äquivalenz zu modernen Superhelden, deren Eigenschaften oder Lebenstraumata immer neue Konflikte schaffen. Beim Affenkönig ist es die Rebellion aus Prinzip, die Infragestellung aller Sicherheiten. Und in der Interpretation von Milo Manara geht er sogar dem großen Gott Buddha auf die Nerven – und Buddha, der in diesem Comic gar nicht so weise und großzügig, sondern eigentlich ziemlich brutal ist, ist dermaßen herausgefordert, dass er den Affenkönig unter einem Berg mit fünf Fingern begräbt.
Und das ist auch das Schlussbild von Manara: Dieser Berg besteht aus vielen kleinen Figuren und Schriftzügen. Von der autoritären Gottheit begraben sind unter anderem der erste Premierminister des unabhängigen Kongo, der ermordete Patrice Lumumba. Und begraben ist auch der historische Kompromiss zwischen Kommunisten und Christdemokratien in Italien, der zuerst von Rechtsextremisten und dann von Linksterroristen torpediert und im Ergebnis verhindert wurde. Mit dem freiheitsliebenden Affenkönig werden also symbolisch progressive politische Hoffnungen der 70er-Jahre am Ende begraben. Durchaus eine bittere politische Wendung, nach einem zeichnerischen Feuerwerk voll von Leichtsinn und Überschwang.
Auffällig ist, wie sehr sich Manara in diesem Frühwerk am Strich von Moebius orientiert hat, ohne dessen figurale Prägnanz und räumliche Genialität annähernd zu erreichen. Aber anders als bei seinen späteren sexistischen Stereotypen gelingt es Manara beim „Affenkönig“, dass realistische Gewalt und realistischer Sex kein illustrativer Selbstzweck sind. Ein witziger Wechsel der grafischen Stimmungen dominiert und bebildert den anarchistischen Drang des Affenkönigs, frei zu sein und einfach alles anders zu machen als alle Gottheiten vor ihm.
Es gibt eine kleine Szene, in der sich der Affenkönig mit dem großen Buddha anlegt. Er macht einen riesigen Sprung und landet in einer Wüstenlandschaft. Aber die ist eigentlich die riesige Handfläche von Buddha. Doch der Affenkönig merkt das nicht, und was macht er? Er schreibt mit einem Stock erst einmal den denkwürdigen Satz in den Sand: „Ich war hier“. Und dann pinkelt er gleich daneben und bemerkt, bevor er weiterfliegt: „Ein würdiges Zeichen meiner Anwesenheit.“
Die ironische-selbstironische Attitüde des Affenkönigs – wäre es nicht schön, wenn sie unsere Superheldengegenwart etwas herausfordern könnte? Gewissermaßen als ideologiekritisches Gegenbild zu den Bildern, in denen das Leben als ewiger Kampf inszeniert wird und nur die Perfektion von Helden mit Superkräften bestehen kann. Diese ernste, oft hypermoralische und sehr kapitalistische Superhelden-Weltsicht würde eine Portion 70er-Jahre-Anarchie gut vertragen. Also ein bisschen von dem Freiheitsdrang und der Aufmüpfigkeit des Affenkönigs von Milo Manara. Der springt wild und frei hin und her, zwischen Ironie und existentiellem Ernst. Und stellt ganz beiläufig große Fragen – nach der persönlichen Freiheit und danach, wie sie stets an die Grenzen starrer Machtverhältnisse stößt.
Dieser Beitrag erschien zurest am 11.11.2025 auf: SWR Kultur
Milo Manara (Zeichner), Silverio Pisu (Szenarist): Der Affenkönig • Aus dem Italienischen von Resel Rebiersch • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • 96 Seiten • Hardcover • 24,00 Euro
Max Bauer ist Redakteur in der ARD-Rechtsredaktion und berichtet u.a. vom Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, vom Europäischen Gerichtshof in Luxemburg und vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Außerdem rezensiert er Comics für SWR Kultur.

