Die philippinische bildende Künstlerin Renren Galeno liefert in ihrem Comicdebüt „Sa Wala – Für nichts“ bissige Kapitalismuskritik im Tierhorror-Korsett.
Jens R. Nielsen – in der deutschsprachigen Comic-Landschaft wohl derjenige, der dem antiken Ideal des Universalgelehrten am nächsten kommt – ist sein Gewicht in Gold wert, was die stets aufschlussreichen Anmerkungen angeht, die viele der von ihm übersetzen Bände aus dem Dantes Verlag zur Nachhilfestunde über die reine Lektüre hinaus machen. Im vorliegenden Fall, einem weiteren feinen Titel von den Philippinen, konnte er sich noch dazu über Unterstützung feuen, um auch die letzten, dem westlichen Rezipienten in den Panels ansonsten verborgen gebliebenen Geheimnisse zu lüften: Die Zeichnerin Renren Galeno selbst (ihr Künstleralias Ren2x Galeno kürzt den Vornamen quasi auf mathematische Weise ab) stand bezüglich filipino-sprachiger Details in „Sa Wala“ hilfreich zur Seite.
Für das grundlegende Verständnis der Handlung ist das Lesen des Anhangs mit zusätzlichen Informationen und Erklärungen nicht nötig – was absolut nichts über die erwähnte Qualität von Nielsens Expertise aussagt, sondern die Klasse der Erzählung umso mehr hervorhebt. Hier wird nämlich viel von der unheimlichen Atmosphäre ohne Worte transportiert, vor allem durch den durchdringenden Blick der Hauptfigur: ein Hahn, der einem Feuer entkommen ist, vor dem Taxi von Anding Faustino auftaucht und alsbald beim Sabong, der philippinischen Form des Hahnenkampfs, antritt. Dort zerfetzt er seine Gegner der Reihe nach und avanciert zum Champion, doch schon zuvor zeigt sich am grausamen Ende einer Katze, dass es sich bei ihm um kein gewöhnliches Federvieh handelt.
Etwaige Bedenken gilt es jedoch hintanzustellen, denn der unheimliche Gockel erlaubt es der Familie, die bisher angehäuften Schulden abzubezahlen und sich sogar die eine oder andere Annehmlichkeit zu leisten, von der sie angesichts bisheriger finanzieller Engpässe nur träumen konnte. Wie lange wird das gutgehen? Bezüglich des Unterhaltungsfaktors sind derlei Fragen unnötig, denn „Sa Wala“ ist wirklich toll gelungen und zeigt sich dabei offen für vielfältige Interpretationen. Wer der Geschichte gesellschaftskritische Facetten abringen will, könnte sie gar als Blick von unten auf die zahlreichen Leichen werten, die sich durch den Ruf des Geldes und den Kapitalismus auftürmen, oder aber einfach guten alten Tierhorror genießen, welcher sich mit authentischen Einblicken in den Alltag einer philippinischen Familie verbindet, all das trotz (oder gerade wegen) der blutigen Thematik in Schwarzweiß-Artwork verpackt.
Dieser Beitrag erschien zuerst im: SLAM Magazine
Renren Galeno: Sa Wala – Für nichts • Aus dem Englischen von Jens R. Nielsen • Dantes Verlag, Mannheim 2024 • 224 Seiten • Softcover • 22,00 Euro
Andreas Grabenschweiger lebt in Wien und ist für sämtliche Publikationen des SLAM Media Verlags (SLAM Alternative Music Magazine sowie die Sonderheftreihen ROCK CLASSICS und POP CLASSICS) als Redakteur und Lektor tätig.

