Werden und Vergehen – „Der Spalt“

Anke Feuchtenberger ist eine der wichtigsten und einflussreichsten Comic-Künstlerinnen Deutschlands. Zuletzt veröffentlichte sie 2023 „Genossin Kuckuck“, eine kunstvolle Mentalitätsgeschichte der DDR. Nun ist mit „Der Spalt“ ein Band mit grafischen Essays erschienen.

Es ist ein fulminanter Bewusstseinsstrom, den Anke Feuchtenberger in ihren grafischen Essays zeichnet. Zum Beispiel wie sie als Stipendiatin der Villa Massimo in Rom ankommt und der Abfluss der Dusche verstopft ist. Das Bild des röchelnden runden Abflusses assoziiert Feuchtenberger mit verschiedenen anderen Löchern, denen sie auf ihren Spaziergängen durch Rom begegnet. Und mit den unterschiedlichen Verbindungen, die diese Löcher schaffen: in die Kanalisation – aber auch in den Himmel, wie etwa das Loch im Dach des Pantheon.

Die Bilder, die sie dazu zeichnet, können alle auch für sich stehen. Etwa die einfache Schwarz-Weiß-Zeichnung, die zeigt, wie die Besucher des Pantheons ihre Handys zur Kuppel erheben, um Fotos zu machen. Dabei wirken sie so staunend und gebannt, als würden sie etwas anbeten – oder als hätten sie eine transzendentale Beziehung zum Himmel. Solche Betrachtungen sind immer wieder Anlass für Reflexionen, zum Beispiel über die Großeltern und wie die das eigene Leben prägen.

Zwei der Essays sind bei Stipendienprogrammen in Rom und Paris entstanden. Ein Aufenthalt in Wien mit der Familie gibt den Impuls für den titelgebenden Essay „Der Spalt“. Es ist der künstlerisch dichteste – und an ihren Enkel gerichtet. Man kann ihn als eine Art Vermächtnis von Anke Feuchtenberger lesen.

Es geht um Werden und Vergehen – da ist der Spalt im menschlichen Körper, der im wahrsten Sinne des Wortes Leben gebiert. Aber auch der Spalt in der Wand des Hauses auf dem Land. Der entsteht durch die vorbeidonnernden LKW, die zum Schlachthof fahren – oder durch zugeschlagene Türen nach einem lauten Streit. Und dann thematisiert sie auch den Spalt zwischen vertrauten Menschen.

Es ist viel Unbehagen in diesem Essay, weil die Welt voller Brutalität ist. Und es ist viel Trost darin. Vor allem in den Zeichnungen der Natur, die naturalistisch und sehr ausdifferenziert in Schwarz-Weiß gezeichnet sind: blühende Kirschbäume, eine Schlange, die sich aus den Ritzen eines Gemäuers schlängelt, oder die fein gezeichnete Hundeschnauze. Die Betrachtung dieser gezeichneten Natur verschafft Ruhe und Trost. Sogar das Vergnügen beim Spiel mit dem Hund wird nachfühlbar – das Ganz-im-Moment-sein.

Der Essay „Der Spalt“ liest sich wie eine Anleitung zum guten Leben in einer herausfordernden Welt und reflektiert, wie Alltagsbeobachtungen in die Kunst von Anke Feuchtenberger einfließen. Denn der Spalt taucht schon in dem Essay „Ich, Petra Wolf“ auf, in dem Anke Feuchtenberger ihren Aufenthalt in Wien zeichnet, wie sie mit ihrem Enkel U-Bahn fährt und auf den Spalt an der Bahnsteigkante aufmerksam wird.

In den Essays finden sich Motive, die zuletzt in ihrem großen Werk „Genossin Kuckuck“, aber auch in anderen Arbeiten vorkamen: Das sind die unglaublich schönen Naturbetrachtungen, die so sinnlich gezeichnet werden, dass man den Eindruck hat, man steht selbst in der Landschaft und spürt den Wind über die Haut streifen. Tiere nehmen eine zentrale Rolle ein und agieren zum Teil sogar wie Menschen. Es ist eine Spannung zwischen Schönheit und Unbehagen, die immer wieder in den Arbeiten entsteht. Anders als „Genossin Kuckuck“, in dem Feuchtenberger sich auf ein Thema konzentriert, nämlich dem Aufwachsen in der DDR und wie das die Identität prägt, zeichnet sie in ihren Essays weitläufiger. Das Flanieren wird zum Prinzip erhoben, jeder Gedanke ist erlaubt, weil er ein Teil der Weltbetrachtung ist.

Anke Feuchtenberger ist dafür bekannt, dass sie weniger eine Geschichte stringent erzählt als vielmehr assoziiert. Dieser Essay-Band enthält keine Narration. „Der Spalt“ ist ein Buch für Menschen, die gern über das Leben und die Kunst reflektieren. Dem Buch beigelegt ist eine kleine Sammlung von Aufsätzen, in denen sich Feuchtenberger mit der Kunst – mit bildender Kunst wie mit Comics – von anderen auseinandersetzt. Darin bekommt man einen guten Eindruck, was ihr wichtig ist. Die grafischen Essays sind dagegen eine Essenz ihres Werks: beunruhigend und schön – und zugleich ungeheuer lebensnah und reflektiert.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 05.02.2026 auf: radio3 rbb

Anke Feuchtenberger: Der Spalt • Reprodukt, Berlin 2026 • Hardcover • 112 Seiten • 29,00 Euro

Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.