Abenteuer in Kleinfrankreich – „Der Mini-Musketier“

In „Der Mini-Musketier“ versetzt Joann Sfar seine geschrumpfte Hauptfigur in ein Miniatur-Frankreich, in dem das Matriarchat herrscht.

Aufgrund eines Experiments mit einem Schlankheitstrank ist der Musketier auf Knopfgröße geschrumpft. Statt mit dem Schwert in der Hand zu kämpfen, muss er sich in Kleinfrankreich als Aktmodell durchschlagen. In diesem Miniaturland haben Frauen die Macht im Staat; er trifft auf pferdeköpfige Zentauren, eine Gorgone und eine Sphinx. „Nichts wiegt schwer in einer solch kleinen Welt. So gebe ich mich der allgemeinen Leichtigkeit hin“, erklärt der Musketier. Von diesen Abenteuern voller Leichtigkeit, sexueller Ausschweifung und philosophischer Reflexionen erzählt Joann Sfar, angereichert mit surrealer, mythologisch aufgeladener Symbolik, in „Der Mini-Musketier“, einer über mehrere Jahre entstandenen Reihe, deren vier Teile nun erstmals gebündelt auf Deutsch vorliegen.

Darin werden Abenteuer angerissen, Liebesgeschichten begonnen und Prüfungen beschrieben, nur um den Mini-Musketier sprunghaft-assoziativ eine neue Richtung einschlagen zu lassen. „Ich verachtete diesen Philosophen, der so wenig über das Dasein wusste. Doch hatte ich sehr Lust, philosophische Liebe zu machen“, reflektiert er etwa beim Geschlechtsverkehr mit der Frau eines ungelernten Gelehrten, währenddessen er unvermittelt in einen Krieg zwischen Menschen und Drachen abdriftet, in dem er eine weitere Frau begehrt, „schöner als Schnee“, eine Kommandantin der Soldaten. Von dort geht es wieder zurück zur „philosophischen Liebe“, nur um über eine verwunschene Badewanne in ein Piratenabenteuer hinüberzuwechseln, das auf einer Insel voller freizügiger Frauen, einer Hochzeit und einem fast tödlichen Surfboard-Duell endet.

Klingt verwirrend, doch wenn man sich als Leser*in ebenso wie der Mini-Musketier auf diese seltsame Welt eingelassen hat, beginnt die Sprunghaftigkeit, Spaß zu machen, denn sie wird zusammengehalten von Sfars Humor und seiner Einladung, an der Weiterentwicklung seines Stils teilzuhaben: Jeder der vier über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren entstandenen Teile von „Der Mini-Musketier“ ist in einem anderen Stil gezeichnet, der sich zunehmend befreit von klassischen Comic-Formen, bis er sich im vierten Buch in schwarzweiße Skizzen auflöst.

„Der Mini-Musketier“ hat nicht die philosophische Tiefe von „Die Katze des Rabbiners“, formuliert keine politische Dringlichkeit wie „Klezmer“ und bleibt hinter dem gemeinsam mit Lewis Trondheim entworfenen „Donjon“-Kosmos zurück, und doch macht das Album gerade in dieser Hingeworfenheit und Unabgeschlossenheit Spaß: Es nimmt sich selbst so wenig ernst wie die Männlichkeitsbilder eines Musketiers, der von einer Welt, in der Frauen die Gesellschaft und Moral neu definieren, überfordert ist, unter Selbstzweifeln leidet und nach stets neuer Bestätigung suchen muss.

Dieser Beitrag erschien zuerst in: Strapazin #160

Joann Sfar: Der Mini-Musketier • Aus dem Französischen von Lilian Pithan • Avant-Verlag, Berlin 2025 • 168 Seiten • Hardcover • 35 Euro

Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins. Zuletzt ist von ihm die Textsammlung „Nach Strich und Rahmen“ erschienen.