In der 2021/2022 in Frankfurt präsentierten Ausstellung „Kinderemigration aus Frankfurt am Main. Geschichten der Rettung, des Verlusts und der Erinnerung“ wurden beispielhaft die Biografien sechs jüdischer Kinder aufgearbeitet, die aus Nazi-Deutschland fliehen mussten. Der Ausstellungskatalog enthält auch Comic-Beiträge, u. a. von Birgit Weyhe und Sascha Hommer.
„Erinnerungskultur ist ein vielstimmiger und vielschichtiger Prozess“, schreiben die Herausgeberinnen Sylvia Asmus und Jessica Beebone im Vorwort des Katalogs „Kinderemigration aus Frankfurt am Main“, „der davon lebt, unterschiedliche Perspektiven und Herangehensweisen miteinander ins Gespräch zu bringen.“ Der Katalog erschien anlässlich einer Ausstellung im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt und der Errichtung des Denkmals „Das Waisen-Karussell“ der Künstlerin Yael Bartana. Die Ausstellung, die bis zum Mai 2022 zu sehen war, zeigte beispielhaft die Biografien von sechs jüdischen Kindern aus Frankfurt, die von ihren Eltern vor der nationalsozialistischen Verfolgung ins europäische Ausland gerettet werden konnten. Anhand von Briefen der Eltern und „Objekten des letzten Augenblicks“ — Puppen, Kleidungsstücken, Koffern und anderen Erinnerungsstücken —, die sie auf ihrer Flucht bei sich trugen, werden die Schicksale dieser Kinder aufbereitet.

Dass dieser hochwertig aufgemachte Katalog auch im Comic-Kontext Erwähnung findet, ist der Tatsache geschuldet, dass zu den von den Kuratorinnen erwähnten unterschiedlichen Herangehensweisen und Perspektiven auch ganz selbstverständlich eigens für Ausstellung und Katalog entwickelte Comics gehören, die auf der Basis von Erinnerungen der geflüchteten Kinder biografische Stationen erzählen. So werden Comics zwar mittlerweile auch in der Geschichtsvermittlung und Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen genutzt, dass jedoch Comicbeiträge im Zentrum einer für ein breites Publikum konzipierten historischen Ausstellung stehen, ist eine Seltenheit. Eine solche Offenheit für das Medium Comic in der Vermittlung historischer Ereignisse ist mir zumindest in der erinnerungskulturellen Aufarbeitung des Nationalsozialismus noch nicht begegnet.
Die sechs Comicbeiträge von Illi Anna Heger, Hamed Eshrat, Magdalena Kaszuba, Sascha Hommer, Birgit Weyhe und Ilki Kocery setzen dabei unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte. Während etwa Illi Anna Heger in ihrem Beitrag über Lili Fürst mit der Abreise aus Frankfurt einsetzt und im späteren Leben von Lili die Momente des Glücks und des Schmerzes symbolisch in den Mittelpunkt rückt, zeigt Birgit Weyhe die zunehmende Ausgrenzung von Josef Einhorn in Nazideutschland. Was alle sechs Beiträge eint, ist der sensible Umgang mit den Biografien, denen behutsam eigene Perspektiven und Blicke hinzugefügt wurden und die den Lebenswegen der Frankfurter Kinder bis in die Gegenwart folgen. Die bekannteste von ihnen, Sexualtherapeutin Ruth Westheimer, deren Leben von Magdalena Kaszuba in beeindruckende Bilder umgesetzt wurde, sagt zur Bedeutung des Erinnerns an die Vergangenheit: „Die Erfahrungen meiner Kindheit haben mich zu der Person gemacht, die ich heute bin.“ Diese Erfahrungen werden von den sechs Zeichner*innen über ihre je eigenen ästhetischen Zugänge zum Leben erweckt und so an die nächste Generation vermittelt.
Dieser Beitrag erschien zuerst in: Strapazin #146
Sylvia Asmus/Jessica Beebone (Hg.): Kinderemigration aus Frankfurt am Main • Wallstein Verlag, Göttingen 2021 • 258 Seiten • Hardcover • 24,90 Euro
Jonas Engelmann ist studierter Literaturwissenschaftler, ungelernter Lektor und freier Journalist. Er hat über „Gesellschaftsbilder im Comic“ promoviert, schreibt über Filme, Musik, Literatur, Feminismus, jüdische Identität und Luftmenschen für Jungle World, Konkret, Zonic, Missy Magazine und andere, ist Mitinhaber des Ventil Verlags und Co-Herausgeber des testcard-Magazins. Zuletzt ist von ihm die Textsammlung „Nach Strich und Rahmen“ erschienen.

