Im Sinne der Klassikerpflege hat der Carlsen Verlag Tim und Struppis Abenteuer in Sammelbänden neu aufgelegt, verzichtet allerdings auf eine redaktionelle Kommentierung ihrer vor Rassismus nur so strotzenden Anfänge.
Für das Pantheon der großen europäischen Comic-Klassiker hat Georges Prosper Remi (1907-1983), besser bekannt unter dem Künstlernamen Hergé, mehrere tragende Säulen geliefert (und die Skizzen dafür sozusagen mit der Ligne claire, der nach ihm benannten Stilrichtung, entworfen). Sein mit Abstand populärstes Werk ist zweifellos „Tim und Struppi“ (im Original „Les aventures de Tintin“), das der belgische Künstler ab 1929 schuf und damit neben zahlreichen Generationen von Leser:innen auch andere Meister ihres Fachs wie Andy Warhol oder Steven Spielberg inspirierte. Dank dem Carlsen Verlag lassen sich die turbulenten Abenteuer, die der Brüsseler Reporter Tim und sein treuer Gefährte Struppi rund um den Globus erleben, seit kurzem im Rahmen hochwertiger Hardcovers (er)neu(t) entdecken.
Der erste Sammelband enthält die ersten drei von insgesamt 25 Alben und bietet sowohl den für die Serie typischen Humor als auch äußerst kontroverse Passagen. Diese entstanden unter dem maßgeblichen Einfluss des mit dem Faschismus sympathisierenden Journalisten und Priesters Norbert Wallez, des Leiters von „Le Vingtième Siècle“ – in der Kinderbeilage dieser katholischen Zeitung, deren Name auch für Tims Arbeitgeber übernommen wurde, erschienen die ersten Episoden, die vor Stereotypen und rassistischem Dünkel nur so strotzen und später vom Künstler selbst als „Jugendsünde“ abgetan wurden.
„Tim im Lande der Sowjets“ (1929) nimmt fast die Hälfte des ersten Bands ein und unterscheidet sich von den nachfolgenden Episoden nicht nur dadurch, dass sie von Hergé zeitlebens nicht nachkoloriert wurde. Eine solche Fassung sollte erst 2017 erscheinen, für die vorliegende Version hat Carlsen jedoch auf ältere Druckvorlagen zurückgegriffen, was aus Gründen der Authentizität aber in Ordnung geht und gleichzeitig auch den rasanten zeichnerischen Fortschritt gegenüber den nachfolgenden, später teilweise oder von Grund auf neu geschaffenen Bänden verdeutlicht. Der direkte Vergleich, was die Komposition der Seiten und die Darstellung der Figuren betrifft, lässt den Auftakt (wenn wir es etwas überspitzt formulieren wollen) aussehen, als sei er noch im Kartoffeldruck entstanden, während „Tim im Kongo“ (1930) dagegen wie ein Hochglanzprodukt wirkt.
Vom wenig subtilen Unterton, der in beiden Erzählungen mitschwingt, lässt sich das nicht behaupten. Die Reise in die Sowjetunion hat generell eher den Charakter einer beständigen Flucht, stellt die „Roten“ durchwegs als Verbrecher und Mörder dar, welche letztlich europäische Hauptstädte in die Luft jagen wollen, und hintertreibt dadurch die ironischen Elemente des Blicks auf die Realität hinter der Fassade des vorgeblichen Arbeiter- und Bauernparadieses. Anschließend darf Tim in der damaligen belgischen Kolonie den schwarzen „Boys“ vor Ort die Segnungen der europäischen Zivilisation näherbringen. Dazu gehört unter anderem offensichtlich auch, die Afrikaner:innen für sich arbeiten zu lassen und – wenn diese nicht gerade von einem weißen Schurken gegen ihn aufgehetzt werden – eine Safari zu machen. Überhaupt können sich Tiere in den frühen Episoden noch glücklich schätzen, mit einem Fußtritt davonzukommen, denn die Gewalt ihnen gegenüber überschattet so manchen Gag.
Nicht einmal Struppi, der sein Herrchen immer wieder aus brenzligen Situationen retten muss, bleibt davon verschont, aber auch nicht vor dem Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Völkern, das hier stets mitschwingt. In „Tim in Amerika“ (1931) etwa, gegen Ende der Prohibitionszeit erschienen und mit einer eigentlich hanebüchenen Handlung versehen, in der die Unterwelt von Al Capone abwärts den populären Reporter um die Ecke bringen will, gibt sich selbst der getreue Vierbeiner arrogant: „Die glauben doch nicht etwa, dass ich mit indigenen Hunden spreche?“ Und so stehen auch in diesem Abenteuer durchaus gelungene, süffisante Seitenhiebe über die Gegebenheiten in den USA (wie etwa die Kuh, die per Fließband in die Fabrik transportiert wird und diese dann nach der Schlachtung portionsfertig verpackt verlässt) anderen Gags gegenüber, die scheinbar nebenbei gemacht werden und das Lachen eher im Halse stecken bleiben lassen (Stichwort „Entdeckung von Erdöl im Indigenen-Reservat“).
Die Beschäftigung mit diesen problematischen Seiten, die einen Schatten auf die später wesentlich leichtfüßigeren Aspekte des dynamischen Hobbydetektiv-Duos und generell der Comic-Lichtgestalt Hergé werfen, lohnt sich jedenfalls, nicht zuletzt aus zeitgeschichtlicher Perspektive. Dass die drei ersten Bände in Zeiten einer oftmals falsch verstandenen und zu bloßer Cancel Culture ausartenden politischen Korrektheit von Carlsen neu aufgelegt worden sind, ist äußerst begrüßenswert, wenngleich es aber verwundert, dass hier von Verlagsseite keinerlei redaktionelle Einordnung oder Kommentierung stattfindet. Eine solche Orientierungshilfe besonders für die jüngere Leserschaft wäre wünschenswert gewesen, weswegen hier beispielsweise auf Alexander Brauns „Black Comics: Vom Kolonialismus zum Black Panther“ verwiesen sei (darin lässt sich übrigens auch erfahren, warum „Tim in Kongo“ in der ehemaligen belgischen Kolonie paradoxerweise große Wertschätzung genießt).
Dieser Beitrag erschien zuerst im: SLAM Magazine
Hergé: Tim und Struppi Sammelband 1 • Carlsen, Hamburg 2026 • 272 Seiten • Hardcover • 34,00 Euro
Andreas Grabenschweiger lebt in Wien und ist für sämtliche Publikationen des SLAM Media Verlags (SLAM Alternative Music Magazine sowie die Sonderheftreihen ROCK CLASSICS und POP CLASSICS) als Redakteur und Lektor tätig.

